CSU Schonfrist für die Schwester

Die CSU beißt die Zähne zusammen. Der sich abzeichnende Kurs in der CDU passt ihr gar nicht. Aber weil die Schwester immer noch schwächelt, übt sich auch Chef Edmund Stoiber in Zurückhaltung. Vorläufig.


Versuchen, Einigkeit zu demonstrieren: Stoiber und Merkel
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Versuchen, Einigkeit zu demonstrieren: Stoiber und Merkel

Berlin - Friedrich Merz konnte über den Aprilscherz nicht lachen. Als solcher war sein Vorschlag zur Besteuerung von Renten aus Reihen der CSU niedergemacht worden. Und weil ihm die Kommentare aus dem CSU-Lager in jüngster Zeit zu heftig wurden, beschwerte sich der Chef der gemeinsamen Bundestagsfraktion beim bayerischen Löwen in München. Merz telefonierte mit Edmund Stoiber und bat um mehr Zurückhaltung. Der Ministerpräsident aus dem Süden sieht die Entwicklung bei der CDU zwar mit Sorge, aber er scheint den Kandidaten nun Schonfrist gewähren zu wollen, bis sich das neue Führungsteam eingespielt hat. Zumindest war am Mittwoch entgegen den vorhergehenden Tagen öffentlich kaum ein kritisches Wort aus dem CSU-Lager zu bekommen. Stoiber verzichtet sogar bei einem seiner Lieblingsthemen, der Europapolitik, diese Woche auf seine Rede im Bundestag und lässt Merz den Vortritt.

Gründe fürs Grummeln und Stirnrunzeln sehen die Konservativen aus Bayern genug. Mit Ruprecht Polenz als Generalsekretär, fürchten sie, hat sich Angela Merkel keine starke rechte Hand, sondern eher eine linke Hand ins Haus geholt. Polenz gehört zu den wenigen Unions-Politikern, die beispielsweise dem EU-Beitritt der Türkei nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber stehen. Aber gerade die Türkei ist ein Reizthema für die CSU. Und einen Tag nach der offiziellen Präsentation von Polenz denken andere CDU-Politiker wie Hildegard Müller von der Jungen Union und Saarlands Chef Peter Müller bereits laut über schwarz-grüne Zusammenarbeit nach.

Merkels neuer Mann: Ruprecht Polenz
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Merkels neuer Mann: Ruprecht Polenz

Doch angesichts der nun deftiger werdenden Attacken vom Noch-Parteichef Wolfgang Schäuble auf seinen Ziehvater Helmut Kohl rechnet die CSU noch mal mit heftigen inneren Kämpfen bei der Schwesterpartei. Störfeuer aus München könnte die CDU dann nur noch desolater dastehen lassen. Und eine schwache CDU nützt auch der CSU nichts. So schwanken die Christsozialen zwischen Rücksichtnahme und Sorge um den künftigen Kurs der Schwesterpartei. Sie wird jetzt den Parteitag der CDU kommende Woche abwarten. Edmund Stoiber wird dort am Dienstag zwar zum traditionellen Grußwort am Rednerpult stehen und den Delegierten die rechte Gesinnung anpreisen, aber Aprilscherze wird er vermutlich meiden. Sein direkter Vorredner heißt: Friedrich Merz.



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