CSU-Turbulenzen Zwangsverjüngung der Zoff-Partei

Glos weg - schon bricht der Stammeskrieg zwischen Franken und Altbayern wieder aus. Horst Seehofer muss immer neue Krawalle schlichten. Der einzige Lichtblick im Ministerdebakel: Die CSU-Verjüngungskur kommt rasanter voran als in jeder anderen deutschen Partei.

Von , München


München - Der Umbau so einer Volkspartei ist natürlich nicht leicht. Um die CSU wieder flottzumachen und auf Kurs 50 Prozent plus X zu bringen, werkelt Horst Seehofer seit seiner Wahl zum Parteichef an neuem Inhalt und neuem Personal.

Und das gibt regelmäßig Ärger.

Jetzt wegen Michael Glos. Offensichtlich entnervt warf der am Wochenende sein Amt hin, wollte nicht mehr Wirtschaftsminister sein. Immer wieder hatte Seehofer in den vergangenen Wochen deutlich gemacht, dass er mehr von dem Mann in Berlin erwarte, der von Anbeginn seiner Amtszeit als "Problembär" und "Trauer-Glos" verspottet wurde.

Designierter Wirtschaftsminister Guttenberg, Parteichef Seehofer, künftiger CSU-Generalsekretär Dobrindt: "Wieder gut aufgestellt"
AP

Designierter Wirtschaftsminister Guttenberg, Parteichef Seehofer, künftiger CSU-Generalsekretär Dobrindt: "Wieder gut aufgestellt"

Es war klar, dass Glos nach der Bundestagswahl im Herbst nicht mehr Minister sein würde, aber zuletzt konnte er Seehofers Überlegungen zu seinem Nachfolger schon in der Presse nachlesen. Das muss Glos gewurmt haben.

"Weg der Erneuerung der einzig gangbare"

Dies sei die Rache am Vorsitzenden, das habe Seehofer verdient, sagen manche in der Partei, die sich aber nicht zitieren lassen wollen. Seehofer sagt, er sehe keinen Anlass, den Umgang mit dem Personal zu verändern: "Nein, überhaupt nicht." Der Weg der Erneuerung sei der einzig gangbare. Wenn er den nicht gehe, dann "hätte ich meine beiden Ämter als Ministerpräsident und Vorsitzender gar nicht erst antreten dürfen".

Umbauarbeiten sind anstrengend.

Eine "unerfreuliche Entwicklung" sei das am Wochenende gewesen. Jetzt habe man sich aber "wieder gut aufgestellt", sagt Seehofer über Glos' Rückzug. An diesem Montag in München präsentiert er die Neuen der Öffentlichkeit. Links vom Chef steht Karl-Theodor zu Guttenberg, den Seehofer als Wirtschaftsminister nach Berlin schickt. Rechts stehen die Bundestagsabgeordneten Alexander Dobrindt und Dorothee Bär, der neue Generalsekretär und seine Stellvertreterin.

Wieder Kampf, Krise, Kapriolen in der CSU. Es war erneut eine Kraftanstrengung für Seehofer. "Jetzt reicht's aber langsam", sagt er beim Herausgehen, nur halb im Spaß. Und schiebt nach: "Das war so ein schöner Tag und dann kam so ein Hammerschlag."

Seehofer meint das Hereinbrechen das Casus Glos in seinen Samstag auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Der bayerische Ministerpräsident saß da mittendrin im Konzert der Mächtigen. Und dann kam Glos. "So, stellen Sie sich vor, ich hatte gerade mit dem russischen Vizepremier Iwanow gesprochen, verlasse das Stübchen und plötzlich werde ich von Journalisten gefragt, was denn mit Michel Glos los sei", erinnert sich Seehofer.

Da habe er sich erst mal einen Überblick verschaffen müssen. Also rüber in die Staatskanzlei am Franz-Josef-Strauß-Ring. Und dann "mit der Bundeskanzlerin telefoniert, Glos nicht erreicht und versucht, dieses Fax zu bekommen".

Seehofers Frau: "Ja, hier liegt was"

Glos hatte seinen Rücktrittswunsch per Fernkopie gesendet - aber nicht an die Münchner Regierungszentrale und auch nicht ins CSU-Hauptquartier. Stattdessen ging das Schreiben an Seehofers Privatnummer daheim in Gerolfing. Da blieb es dann auch erst mal liegen - während Seehofer in München vom Fax allein aus den Medien erfuhr. Das Original hielt er erst nach einem Anruf bei seiner Frau in den Händen: "Ja, hier liegt was", berichtete sie ihm.

Nein, er hege nun keinen Groll gegen Glos, beteuert Seehofer. Man habe noch am Sonntag sehr offen miteinander gesprochen. Dass der 64-Jährige ihm ausgerechnet am Samstag in die internationale Parade fuhr - sei das Zufall?, wird Seehofer gefragt: "Ich unterstelle ihm nicht die Strategie, dass er mir schaden wollte."

Wie viel Absicht auch dahinter gesteckt haben mag - der Fall Glos zeigt, wie verunsichert die CSU ist. Drei Jahre nach Stoibers Berlin-Flucht, zwei Jahre nach seinem Sturz, fünf Monate nach dem Untergang des Tandems Huber/Beckstein ist die Partei noch immer nicht zur Ruhe gekommen. Wenn Seehofer an einer Stelle das Feuer gelöscht hat, lodert es an anderem Ort wieder auf.

Etwa in Franken. Dort sind viele CSU-Mitglieder verärgert über den Abgang ihres Landsmannes Glos. Auf entsprechende Nachfragen reagiert Seehofer schon leicht genervt: Wenn man schon "diese Stammesfragen" als so wichtig einschätze, dann "haben die Franken jetzt einen Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg". Stimmt. Aber der ist zwar oberfränkischer CSU-Bezirkschef, doch stammt wiederum sein Nachfolger Dobrindt aus Oberbayern. Heißt für die bayerischen Stammeskrieger: Von den vormals zwei fränkischen Spitzenämtern ist nach der Glos-Demission nur noch eines übrig.

Oder besser: eineinhalb. Denn Seehofer hat mit der Unterfränkin Dorothee Bär eine Vize-Generalsekretärin installiert. Möglicherweise hat er dabei nicht ausschließlich an die fachlichen Qualitäten der 30-Jährigen gedacht.

Das Chaoswochenende in der CSU hat nur einen Vorteil für Seehofer: Die Verjüngung der Partei, die Neuaufstellung ist wieder ein Stück schneller vorangeschritten als geplant. Weder SPD und CDU sind in der Kohorte der Jungen jetzt so gut aufgestellt wie die Christsozialen.

Im Berliner Kabinett sitzt neben Guttenberg die 44-jährige Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner. In München hat Seehofer den 42-jährigen Markus Söder zum Umwelt- und Gesundheitsminister befördert. Der 41-jährige Georg Fahrenschon ist Finanzminister, die 46-jährige Christine Haderthauer Sozialministerin geworden. Unter den CSU-Bezirksfürsten gehören neben Guttenberg in Oberfranken noch Manfred Weber, 36, in Niederbayern und Markus Ferber, 44, in Schwaben zu den Hoffnungen der Partei.

Und da ist jetzt natürlich Alexander Dobrindt. Der neue Wahlkampfmanager, seit 2002 im Bundestag, hat sich bisher mit Wirtschafts- und Bildungspolitik beschäftigt. Schon im Herbst war er in der engeren Auswahl für den Posten des Generalsekretärs, der dann schließlich an Guttenberg ging. Dobrindt ist der breiteren Öffentlichkeit bisher nicht bekannt, weshalb er sich am Montag auf Bitten der Journalisten immer wieder selbst charakterisieren muss. Er könne "laut reden und leise zuhören", sagt dann Dobrindt. Ob er nicht etwas zu seinen Hobbys sagen könne, vielleicht sei er ja in einem Schützenverein?, fragt einer.

Tatsächlich, Dobrindt ist Mitglied im Schützenverein VSG Peißenberg. Und dort sei er vor zwei Wochen gar zum dritten Mal Schützenkönig geworden, erzählt der 38-Jährige nicht ohne Stolz. Er sei 1986 wegen Franz Josef Strauß in die Junge Union eingetreten, "das war eine Zeit der Lagerwahlkämpfe". Dies aber sei mehr oder weniger vorbei: "Wir haben heute eine andere Art der Auseinandersetzung, die Menschen sind flexibler an der Wahlurne", sagt Dobrindt. Deshalb müsse man nicht das jeweilige Lager, sondern die Botschaft in den Vordergrund rücken.

Damit verkörpert auch Dobrindt inhaltlich die neue CSU. Denn beim Politischen Aschermittwoch im vergangenen Jahr setzte der damalige Parteichef Erwin Huber noch auf die Parole von "Freiheit statt Sozialismus". Dobrindt sagt, die Wähler wollten zunehmend nicht mehr in die Vergangenheit blicken. Wenn der neue CSU-Generalsekretär dies ernst meint, sollte er seine Homepage korrigieren. Denn dort heißt es oben links: "Zur Zeit fällt mir öfter mal Karl Valentin mit seinem Satz ein: Früher war die Zukunft auch besser."

Dobrindt hat das sicherlich auf die Internet-Seite gestellt, als er noch nichts von seiner Zukunft als Generalsekretär wusste.

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capu65, 09.02.2009
1.
Zitat von sysopDie Entscheidung steht: CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg wird Nachfolger von Michael Glos - diese Entscheidung will Parteichef Horst Seehofer am Vormittag bekannt offiziell geben. Eine gute Wahl für die Regierung und die CSU?
Hier scheint ein Mißverständnis vorzuliegen. Das Amt des Außenministers stand nicht zur Disposition.
Brummi36 09.02.2009
2.
Zitat von sysopDie Entscheidung steht: CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg wird Nachfolger von Michael Glos - diese Entscheidung will Parteichef Horst Seehofer am Vormittag bekannt offiziell geben. Eine gute Wahl für die Regierung und die CSU?
Den Job kann auch Hein de Buhl der Jongleur machen, solange er das ausfuehrt und umsetzt was die Wirtschaftslobby von ihm erwartet. Namen sind dabei Schall und Rauch.
Callimero 09.02.2009
3.
Zitat von sysopDie Entscheidung steht: CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg wird Nachfolger von Michael Glos - diese Entscheidung will Parteichef Horst Seehofer am Vormittag bekannt offiziell geben. Eine gute Wahl für die Regierung und die CSU?
Die Wirtschaftslobby wird ihm schon sagen, was er zum "Wohl des Landes" zu tun hat... Wenn er selbständig atmen, geradeaus laufen und sich halbwegs verständlich artikulieren kann (als Bayer ist das ja oftmals schwierig), ist er qualifiziert genug.
Optimisten, 09.02.2009
4. Armes Deutschland
Zitat von sysopDie Entscheidung steht: CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg wird Nachfolger von Michael Glos - diese Entscheidung will Parteichef Horst Seehofer am Vormittag bekannt offiziell geben. Eine gute Wahl für die Regierung und die CSU?
Es ist bedrückend, dass in der größten Wirtschaftskrise seit fast 100 Jahren die fachliche Kompetenz des Wirtschaftsministers überhaupt keine Rolle spielt. Hauptsache er ist aus Franken und hat ein CSU Parteibuch. Mein Vorschlag: Schafft den Bundes-Wirtschaftsminsiter einfach ab - so einen brauchen wir nicht - das spart uns Steuerzahlern viel Geld und den CSU Politikern in Franken viel Arbeit mit der Prüfung von Stammbäumen und Parteibüchern.. Aus welchem Bezirk kommt eigentlich Obamas Wirtschaftsminister?
Robert Hut, 09.02.2009
5. Fingerspitzengefühl
Großartig! Einen 37 Jungspund, der sich bisher vor allem als Aussenpolitiker hervorgetan hat ( wo eigentlich?) zum Wirtschaftsminister gemacht. Nachdem man ihm zugesichert hat, auch im Falle einer Abwahl der Union, ein Toppöstchen innerhalb der Partei zu bekleiden.. Also alles wie bisher: kein Plan!
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