CSU-Wahldebakel Stoiber wirbt für den doppelten Seehofer

Wer hat Schuld am Wahldebakel? Zieht Edmund Stoiber die Strippen in der CSU? Er telefoniert jedenfalls viel. Der Unmut gegen Günther Beckstein eskalierte aber ohne seine Hilfe. Und auch die Kampagne für Horst Seehofer als Ministerpräsident gewinnt fast automatisch an Schwung.

Von , München


München - Edmund Stoiber lehnt im CSU-Fraktionssaal hinten rechts am Fensterbrett. Es ist vorbei. Fünf Stunden hat die Landtagsfraktion an diesem Mittwoch beraten, Ministerpräsident Günther Beckstein hat seinen Rückzug erklärt, und gleich vier Kandidaten bewerben sich um seine Nachfolge.

"Da vorn spielt die Musik", sagt Stoiber, wenn man näher kommt - und weist auf die Vier am anderen Ende des Saales.

Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber: "Er hat seinen Sturz gerächt"
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Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber: "Er hat seinen Sturz gerächt"

Er will nicht reden. Das CSU-Debakel am Sonntag hat ihn tief getroffen. Doch nach dem Rückzug von Beckstein und CSU-Chef Erwin Huber sowie dem Startschuss für die Ministerpräsidenten-Suche jetzt, da sucht Stoiber nach der passenden Metapher: "Es sind keine Scherben zerbrochen."

Stoiber durfte bei Becksteins Ende zuschauen

"Er hat seinen Sturz gerächt", sagt ein CSU-Abgeordneter beim Abschied. Im Licht des großen Fensters bespricht sich Stoiber unterdessen mit ein paar Getreuen. Obwohl er kein Landtagsmandat mehr hat, durfte er als Ehrenvorsitzender der Partei dem Aus für seinen Nachfolger zuschauen.

Dessen Gegenschlag folgt prompt.

Mit seiner geringen Distanz zu Stoiber habe er einen Fehler begangen, sagt Beckstein: "Ich hätte die massiven politischen Korrekturen, die ich gegenüber meinem Vorgänger gemacht habe, deutlicher kennzeichnen müssen", so der Noch-Ministerpräsident zur "Passauer Neuen Presse". Auch der von Stoiber gewünschte neunmonatige Übergang im vergangenen Jahr sei "ausnehmend schwierig" gewesen.

Parallel stichelt Erwin Huber. Die CSU habe 2003 einen so hohen und damit schwierigen Wahlsieg eingefahren: "Übermut, Überheblichkeit werden abgestraft." Er selbst sei nicht der Sündenbock und er werde "auch niemand anderes zum Sündenbock machen", doch sei die Reformpolitik nach 2003 "auch eine Belastung" gewesen. Und natürlich habe "das Schwanken von Stoiber zwischen Berlin und München zwei Jahre lang eine Diskussion gebracht, die die politischen Inhalte überdeckt hat".

Stoiber und seine einst engsten Weggefährten führen Defensiv-Gefechte. Es geht nicht um Posten, es geht nicht um Ämter. Es geht um das Überleben in den Geschichtsbüchern, um die Schuldfrage: Wer ist verantwortlich für die größte Krise der Partei seit fünf Jahrzehnten?

Wie sich die Stimmung gegen Beckstein drehte

Stoiber wehrt sich: "Ich bin nicht bereit, mich mit irgendwelchen Schuldzuweisungen aufzuhalten." Es gehe jetzt um die Zukunft. "Wir können uns nicht aufhalten mit Entscheidungen von gestern, vorgestern oder vorvorgestern."

Seinen eigenen Sturz rechnet er den Nachfolgern an. Wie groß aber war Stoibers Einfluss auf das Ende von Huber und Beckstein?

Er soll viel telefoniert haben. Vor dem Wahlsonntag und danach. Die Angerufenen berichten von Stoibers Ärger über die Unzulänglichkeiten des Beckstein-Wahlkampfes, über das fehlende große Thema, über die ständige 50-Prozent-minus-X-Diskussion. Nach der Wahl soll Stoiber dann deutlicher geworden sein. Im eigenen CSU-Bezirk Oberbayern habe er die Truppen gegen Beckstein gesammelt, heißt es.

Natürlich gab es in den übrigen neun Bezirken ebenfalls Anrufe aus Stoibers Austragsstüberl in der Münchner Wagmüllerstraße, doch entwickelte sich dort auch ohne Zutun Stoibers ein Stimmungsbild gegen Beckstein - insbesondere nach Hubers Rückzugsankündigung vom Dienstag.

Am entscheidenden Treffen am Montagabend waren die meisten CSU-Bezirksfürsten gar nicht beteiligt. Den mitternächtlichen Beschluss, Huber solle am nächsten Tag seinen Rückzug erklären, Beckstein aber im Amt bleiben, hätten sie wohl kaum mitgetragen. So war die Vereinbarung dieses Gremiums von Anfang an hinfällig.

Ende der "74er Generation" in der CSU

Auch dass Beckstein noch am Dienstnachmittag eine Durchhalte-Pressekonferenz in der Staatskanzlei gab, nahmen ihm die Parteifreunde übel. Gruppenweise ließen hernach Landtagsabgeordnete dem Ministerpräsidenten ausrichten, dass sie ihn bei einer etwaigen Kandidatur im Parlament nicht wählen würden. Deshalb gab Günther Beckstein am Mittwochmorgen auf. Nach der "schmerzlichen Wahlniederlage" spüre er, "dass der Rückhalt von mir in der Partei nicht groß genug ist".

Becksteins Abgang ist auch das Ende der so genannten 74er Generation der Christsozialen. Ihr gehören jene an, die 1974 erstmals in den Bayerischen Landtag eingezogen waren. Mit Stoiber an der Spitze haben sie das Land über drei Jahrzehnte geprägt, darunter Günther Beckstein, Otto Wiesheu, Thomas Goppel und Kurt Faltlhauser.

Zwar hat sich Goppel in der Fraktionssitzung am Mittwoch für den Job des Ministerpräsidenten beworben, doch werden ihm intern kaum Chancen eingeräumt. Nur die unterfränkischen Abgeordneten haben sich bisher mehrheitlich für den Sohn des früheren Ministerpräsidenten Alfons Goppel (1962 bis 1978) ausgesprochen.

Auch Landtagsfraktionschef Georg Schmid gilt als chancenlos im Rennen um die Staatskanzlei. "Eine Zumutung, dass er kandidiert", sagt einer aus der Parteiführung. Schmid habe seinen Hut wohl nur in den Ring geworfen, um im Gespräch zu bleiben und als Ausgleich vielleicht einen Ministerposten zu ergattern.

Bleiben der designierte Parteichef Horst Seehofer und Innenminister Joachim Herrmann. Es läuft auf einen Zweikampf hinaus. Herrmann kündigte bereits nach der Fraktionssitzung Gespräche an, möglicherweise steht schon in den nächsten Tagen eine Einigung. Wahrscheinlicher scheint die Variante Seehofer.

Denn er ist in der Partei beliebt. "Und jetzt kommt die Zeit der Partei, gestern war der Tag der Fraktion", so ein Parteikenner. Alle Bezirksverbände werden in den nächsten Tagen ihre Linie festlegen. Auf diese Weise soll auch dem Eindruck eines Kreuth II und der Legendenbildung vorgebeugt werden: Dass nicht wie beim Stoiber-Sturz ein paar wenige die Nachfolge unter sich ausmachen, sondern dass die Partei diskutiert.

Stoiber übrigens bevorzugt offenbar den doppelten Seehofer: Er habe beide Varianten erlebt, er sei selbst Teil einer Doppelspitze mit Theo Waigel gewesen. Er wolle jetzt keine Präferenz formulieren, sagt Stoiber - und tut es dann doch: "Aber ich glaube, wir sind in einer Situation, die doch eine sehr starke Konzentrierung unserer Kräfte erfordert." Wie man die konzentriert, das wolle er "jetzt nicht im Detail darlegen".

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Seite 1
mbberlin, 30.09.2008
1.
Viel Auswahl bleibt ja sonst nicht und einer muss es ja machen. Immerhin hat Seehofer in Bayern anscheinend keinen besonderen Ruf, den er noch irgendwie großartig verspielen könnte. Das ist doch ein klarer USP! :-)
Balu2 30.09.2008
2. Ist Seehofer der richtige Mann für die CSU
Zitat von sysop13 Monate war er im Amt - jetzt tritt Erwin Huber als CSU-Chef zurück. Er werde auf dem Sonderparteitag Ende Oktober sein Amt zur Verfügung stellen, sagte Huber auf einer Pressekonferenz. Bundesminister Horst Seehofer ist bereit, sein Nachfolger zu werden. Ist Seehofer der richtige Mann für die CSU-Spitze?
Die Südzucker wird schon genug Öffentlichkeitsarbeit leisten um Seehofer zu stärken.
Heidelerche, 30.09.2008
3.
Wozu braucht man eine CSU-Spitze? Soll die CDU die aufmüpfige "Schwsterpartei" doch integrieren. Hier in S-H oder in NRW gibt es ja auch keine Extrawürste!
Wabalu, 30.09.2008
4. Seehofer hätte gleich Parteichef werden sollen!
Das Schwergewicht im physischen und psychischen Sinne wird trotz seiner Einzelgängerattitüten zunächst einmal Ruhe in die CSU tragen. Er sitzt in Berlin am Kabinettstisch. Er steht für das S in der CSU. Viele sagen ja, Seehofer könnte auch in der SPD reüsieren. In der Bundespolitik mischt er seit 92 mit. Trotz Herzinfarkt und Schlammschlacht gegen ihn glaube ich, dass er jetzt der richtige Mann ist. Allerdings ist es immer wieder traurig ansehen zu müssen, dass die Personaldecke hinsichtlich jüngerer Kräfte für Spitzenpositionen in den Parteien so dünn ist.
Balu2 30.09.2008
5. Er steht für das S in der CSU
Zitat von WabaluDas Schwergewicht im physischen und psychischen Sinne wird trotz seiner Einzelgängerattitüten zunächst einmal Ruhe in die CSU tragen. Er sitzt in Berlin am Kabinettstisch. Er steht für das S in der CSU. Viele sagen ja, Seehofer könnte auch in der SPD reüsieren. In der Bundespolitik mischt er seit 92 mit. Trotz Herzinfarkt und Schlammschlacht gegen ihn glaube ich, dass er jetzt der richtige Mann ist. Allerdings ist es immer wieder traurig ansehen zu müssen, dass die Personaldecke hinsichtlich jüngerer Kräfte für Spitzenpositionen in den Parteien so dünn ist.
Wenn sie das .S. meinen wofür er steht können sie es auch ausschreiben.SÜDZUCKER
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