CSU-Internetwahlkampf Horst Seehofer ist live

Facebook statt Stammtisch: Kaum eine Partei müht sich so sehr um Fans und Follower in den sozialen Netzwerken wie die CSU. Warum eigentlich?

Einladung von CSU-Chef Horst Seehofer zur Facebook-Party (im Mai 2012)
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Einladung von CSU-Chef Horst Seehofer zur Facebook-Party (im Mai 2012)

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Das Vorbild der CSU heißt Bernie Sanders. Ausgerechnet vom 75-jährigen Ex-Präsidentschaftsbewerber der US-Demokraten wollen die Christsozialen lernen, wie moderner Wahlkampf funktioniert. Der siebenfache Großvater, der für Homosexuellenrechte und gegen das Freihandelsabkommen TTIP streitet, soll den Christsozialen den Weg in die schöne neue Wahlkampfwelt weisen.

Natürlich will die CSU nicht Sanders' Kapitalismuskritik und die Attacken auf den "korrupten Politikbetrieb" kopieren. Doch wie Sanders die modernen Medien einsetzte, hat die CSU-Strategen beeindruckt.

Der Senator aus Vermont hatte im Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton zwar kaum eine Chance, doch seine Kampagne setzte erstaunliche politische Kräfte frei. "Wenn Bernie Sanders ein Interview machen will", sagt CSU-Parteigeschäftsführer Hans Michael Strepp und zückt sein Smartphone, "dann ruft er Facebook Live auf und redet los".

Die nächsten Wahlen werden auch im Netz entschieden, so viel ist klar. Und die CSU will dabei zu den Gewinnern gehören. Doch es geht um mehr. Die Bindekraft des Stammtisches schwindet, und gerade eine Partei wie die CSU, die sich in der Vergangenheit mit gewissem Recht ihrer Verwurzelung bis in den kleinsten Weiler rühmte, muss Alternativen für das Gespräch mit dem Bürger finden.

Die CSU pflegt ihre Volksnähe wie einen Schatz; eine ihrer Stärken war immer, möglichst früh zu wissen, was die Wähler umtreibt. Wenn das im Ortsverband schwierig wird, weil immer weniger Interessierte kommen, muss eben das Internet helfen.

Das gilt auch für die Mitgliederwerbung. Wie alle etablierten Parteien kämpft die CSU mit Schwund. Heute hat die Partei etwas über 144.000 Mitglieder, vor 15 Jahren waren es noch mehr als 178.000. Ursache für den Rückgang ist dabei, auch das ist bei allen großen Parteien ähnlich, weniger eine große Zahl an Austritten, sondern vielmehr der Tod älterer Parteimitglieder.

Im Frühjahr 2016 reiste Strepp mit den Mitarbeitern der Social-Media-Abteilung der CSU-Parteizentrale in die USA. Im Mutterland des modernen Wahlkampfes schauten sie bei Twitter und Facebook vorbei und beobachteten, wie Demokrat Sanders zur Pressekonferenz lud. Seitdem nutzen auch die Christsozialen Facebook Live.

Zum ersten Mal bei den "Bürgerdialogen", zu denen Seehofer lädt. Er will hören, welche Sorgen die Parteimitglieder plagen. Nach dem monatelangen Kampf mit Kanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingskrise ist es eine erste Bestandsaufnahme: Sind die CSU-Anhänger noch bereit, gemeinsam mit der Kanzlerin in die Bundestagwahl 2017 zu marschieren? Und: Mit welchen Themen sollen die anstehenden Wahlen bestritten werden? Es ist ein bisschen wie bei einer Audienz: Die Menschen tragen ihre Sorgen vor, und Landesfürst Seehofer verspricht, sich zu kümmern.

Horst Seehofer beim Blick aufs Mobiltelefon (2013)
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Horst Seehofer beim Blick aufs Mobiltelefon (2013)

Journalisten sind bei dem Parteitreff nicht zugelassen, außergewöhnlich für die schlagzeilenverliebte CSU. Seehofers etwa zehnminütige Einleitung der Runde aber wird ins Netz übertragen. An einem Wochenende wird Seehofers Vortrag dann gut 20.000 Mal aufgerufen, "einfach so", wie Strepp sagt. Einfach so, das soll heißen: ohne dass Journalisten lästige Fragen stellen, ohne aufwändiges Redigieren eines Interviews. Einfach so, das bedeutet: freier Eintritt in Tausende deutsche Haushalte.

Strauß? Stoiber? Entsetzlich alte Welt

Als Generalsekretär hatte der heutige Verkehrsminister Alexander Dobrindt der CSU die ersten Gehversuche in der Welt des Stimmenfangs 2.0 verordnet. Es war ein steiniger Weg. Die Facebook-Party, die die CSU für Horst Seehofer in der Münchner Glitzerdisko P1 im Mai 2012 schmiss, erwies sich eher als peinliche Ranschmeiße an die Generation Internet. Senior-Surfer Seehofer schaute für eine Stunde in der ihm fremden Welt vorbei und blieb mit Sätzen in Erinnerung wie: "So etwas Anbiederisches mache ich nicht, wie es Kanzlerkandidaten schon getan haben, Bier aus einer Flasche zu trinken."

Dass die Bedeutung des Wahlkampfes in den sozialen Medien seitdem noch einmal enorm gewachsen ist, spiegelt sich auch im aktuellen Organigramm der Parteizentrale wieder. Die Social-Media-Abteilung hat inzwischen genauso viele Leute wie die klassische Presseabteilung - sechs Stellen. Es gibt ein zusätzliches Budget, und im Wahlkampf wird sowieso noch einmal aufgestockt, um die Wähler über neue Kanäle zu erreichen.

Bei den anstehenden Bundestags- und Landtagswahlen plant die CSU, keine einzige klassische Zeitungsanzeige mehr zu schalten. Bedrucktes Papier, Fernsehen, bei dem man zu der Uhrzeit einschalten muss, die im Programm steht - die Welt, in der Franz Josef Strauß und auch noch Edmund Stoiber ihre Wahlen gewonnen haben, sieht aus Sicht der CSU-Strategen von heute entsetzlich alt aus.

CSU-Landesleitung in München
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CSU-Landesleitung in München

Die Moderne beginnt in Zimmer A 326. Karsten Dietel, Head of Social Media, sitzt vor gleich drei Bildschirmen. Als Politikstudent engagierte er sich beim RCDS, später kam er zur CSU. Jeden Morgen, wenn die CSU-Strategen über mögliche Interviews von Parteichef und Generalsekretär sprechen und an den Botschaften des Tages feilen, geben sie auch eine Losung für die Internet-Truppe aus. Diese Tagesbotschaft wird dann über Facebook und Twitter in die Welt geschickt. An jenem Tag ist die Nachricht eine neue Umfrage von Sat1: Die CSU liegt bei 48 Prozent, das ist die absolute Mehrheit der Sitze im Landtag - und das trotz der AfD.

"Guten Tag, ich bin Horst Seehofer"

Alexander Dobrindt hat früher oft geheimnisvoll von seinem War Room geraunt, in dem er im Blick behielt, was sich in den sozialen Netzwerken so tat. Das klang sehr martialisch, doch in Wahrheit sieht so ein War Room ziemlich harmlos aus. Ein großer Monitor zeigt, was im Internet gerade los ist, politisch jedenfalls. Tweets von Journalisten, Politikern, CSU-Leuten und der Parteizentrale flimmern über den Bildschirm, an einem Computer klebt ein Aufkleber: #löwenstark. Als Erinnerung an Wahlkämpfe ohne Hashtag lehnt ein altes Blechplakat an der Wand: "Arbeiter, sei klug, denke nach, wähle die CSU".

Früher sah der Wähler solch ein Plakat auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen. Heute müssen die Wahlkämpfer den Bürger an anderen Orten stellen. "Wo findet Politik im normalen Leben statt?", fragt Strepp. Immer weniger Leute gehen nach der Kirche zum Stammtisch. Strepp zitiert den Werbespruch eines amerikanischen Internetfernsehanbieters: Gebt es den Leuten, wann, wo und wie sie es wollen.

Erfolglos ist die CSU damit nicht: Über 100.000 Fans bei Facebook hat Horst Seehofer. Damit kommt er zwar nicht an die Kanzlerin heran, SPD-Chef Sigmar Gabriel aber lässt er weit hinter sich. Bei den politischen Parteien hat nur die AfD mehr Anhänger auf Facebook als die CSU.

Bei einem der nächsten Parteitage könnte auch die Basis auf die virtuelle Realität eingestimmt werden, jedenfalls ist das eine Überlegung. Tausend 3-D-Brillen will die CSU unter den Delegierten verteilen, Horst Seehofer spricht dann nicht mehr nur von der Bühne zu seinen Anhängern, sondern sitzt ihnen direkt vor der Nase, wie der Arzt bei der Sprechstunde. Oder er lädt sie zu einem virtuellen Rundgang in der neuen Parteizentrale ein: "Guten Tag, ich bin Horst Seehofer, folgen Sie mir in mein Büro." Mal schauen, ob das funktioniert: Der Altersdurchschnitt der CSU-Mitglieder liegt bei 59 Jahren.

Parteigeschäftsführer Strepp ist sich sicher, dass der kurze Ausflug in die Welt von morgen gut ankommen wird. "Die CSU", sagt er nicht ohne Stolz, "ist die modernste Partei Deutschlands."


Der Text stammt - leicht geändert - aus dem SPIEGEL-Buch "Der Machtkampf, Seehofer und die Zukunft der CSU", das bei DVA erschienen ist. SPIEGEL-Redakteur Peter Müller, der Horst Seehofer über zehn Jahre journalistisch begleitete, beschreibt darin einen CSU-Chef, der in einem Machtkampf gefangen ist: um seine Nachfolge in München und gegen Merkel in Berlin.

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insgesamt 4 Beiträge
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i.dietz 03.11.2016
1. Warum meckert eigentlich jeder über Seehofer ?
Der Herr bringt einen wenigstens ab und zum lachen ! Ich mag ihn - ohne ihn wäre die BRD ein Stück ärmer dran !
beob_achter 03.11.2016
2. Über 100.000 Fans bei Facebook hat Horst Seehofer.
Was ist ein solcher Fan? Wird er oder sie deswegen die CSU wählen, weil er a) FB nutzt und b) auf eine Schaltfläche gedrückt hat? Gut, in Bayern liegt die Altersgrenze für Wähler von C-Parteien vielleicht ein paar Jahre unter dem Bundesdurchschnitt, weil viele Kids anders sozialisiert sind als ihre Altersgenossen in Deutschland. Die Zahl von 100k besagt überhaupt nichts - die einzige Zahl von Interesse ist die am Wahlabend. Für mich gilt weiterhin: Wer dem Rattenfänger FB folgt, dem ist nicht mehr zu helfen!
bkrak 03.11.2016
3. Uns Horst
Ach ja. Der Seehofer. Verspricht allen alles, sagt heute Muh und morgen Mäh, pöbelt gegen Berlin, schmeichelt in Berlin, ist gegen Startbahnen und dafür, ist gegen Liftanlagen und dafür und alles im Namen des Volkes. Das Geheimnis von Horst? Vor der Wahl werden Bierzelte besucht und tumben Rauschköpfen Angst vor dem Schwarzen Mann gemacht oder er gibt sich im Internet volksnah, so dass noch der dümmste Troll sagen kann: "Des isch oiner von uns!" Ein klasse Typ.
derandersdenkende, 03.11.2016
4. Internetwahlkampf mögen es seine Gegner nennen
Ich nenne es, überall und stets für seine Bürger dazu sein. Ein guter Landesvater sollte seinen Bürgern auch ein solches Gefühl vermitteln, ohne aufdringlich zu sein. Merkel ignoriert ihr Volk, sanktioniert es und hätte es gern unter Vormundschaft gestellt, weil es ihr nicht bedenkenlos ohne nachzudenken folgt. Diese Frau hat sich um Lichtjahre vom Volk entfernt und meint, was sie selbst will, hat auch das Volk zu wollen und wenn nicht, soll es die Fresse halten. Zur Zeit stärkt sie der Abteilung Korruption im deutschen Sport, die Deutschland mit dem Kauf der Fußball-WM schweren Schaden zugefügt hat, demonstrativ den Rücken. Diese Frau hat jegliches Augenmaß verloren, so sie je welches besessen hat!
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