Europa am D-Day-Jahrestag Niedergang der Siegermächte

Frankreich und Großbritannien haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen, die entscheidende europäische Macht aber ist heute Deutschland. Für die Statik der EU könnte das gefährlich werden.

AFP

Ein Kommentar von


Der 6. Juni 1944, an dem die Alliierten in der Normandie landeten, war nicht nur der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkrieges. Es war auch der Tag, der das restliche 20. Jahrhundert entscheidend geprägt hat. Der Tag, an dem sich die europäische Nachkriegsordnung erstmals real abzeichnete. Eine Ordnung, bestimmt davon, dass es mit Frankreich, Großbritannien, den USA und der Sowjetunion vier Staaten gab, die als "die Siegermächte" bezeichnet wurden - und mit Deutschland ein Land, das den Krieg verloren hatte.

Wenn nun Regierungschefs und Staatsoberhäupter am Strand von Ouistreham des 70. Jahrestags dieses sogenannten D-Day gedenken, haben sich die Gewichte entscheidend verschoben. Das liegt weniger daran, dass Putin, auf den derzeit die Blicke der medialen Öffentlichkeit besonders gerichtet sind, in der Ukraine-Krise sein geostrategisches Spiel durchzieht. Sondern daran, dass die Vertreter Frankreichs und Großbritanniens so schwach sind wie seit Jahrzehnten nicht.

Mögen Winston Churchill, Margret Thatcher oder Tony Blair auf der britischen, Charles de Gaulle, Valéry Giscard d'Estaing oder François Mitterand auf der französischen Seite auch ganz unterschiedliche Ziele verfolgt haben - die europäische Politik haben sie allesamt dominiert. Von David Cameron und François Hollande hingegen heißt es nach ihren vernichtenden Niederlagen bei der Europawahl, dass man auf sie Rücksicht nehmen müsse. Rücksicht? Die nimmt man gemeinhin auf Schulkinder, auf Alte und Kranke.

Unabsehbare Folgen

Putins derzeitiger Kurs mag gefährlich sein. Als noch viel verhängnisvoller für Europa aber könnte sich mittelfristig die politische Krise in Großbritannien und Frankreich erweisen - steht sie doch nicht nur für den Niedergang der einen Siegermacht (Frankreich) und für den Rückzug der anderen (Großbritannien) in selbstgewählten Isolationismus. Sondern auch für eine drohende Verschiebung der europäischen Statik, die das ganze System ins Wanken bringen könnte - mit, wie sagt man so lässig, unabsehbaren Folgen.

Sollten die Briten sich 2017 im von Cameron angekündigten Referendum vollends von Europa abwenden, wäre dies ein verheerendes Signal. Und einen Austritt Frankreichs, wie ihn Wahlgewinnerin und Rechtspopulistin Marine Le Pen fordert, würde die Europäische Union wohl kaum überstehen. Doch so weit muss es nicht kommen.

In Großbritannien zirkulierte während einer Wirtschaftskrise der Spruch, das Land habe zwar den Zweiten Weltkrieg gewonnen, den Frieden aber verloren. Über Deutschland lässt sich 70 Jahre nach dem D-Day wohl das Gegenteil sagen: Das Deutsche Reich hat den Krieg verloren, die Bundesrepublik aber den Frieden gewonnen. Mag Cameron im Streit über Jean-Claude Juncker auch mit einem EU-Austritt drohen, mag Hollande auch ein Ende der europäischen Sparpolitik fordern, nicht die Vertreter der beiden westeuropäischen Siegermächte bestimmen derzeit die europäische Politik, sondern Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Das Bild von der deutschen Vorherrschaft ist unter Europaskeptikern entsprechend verbreitet und befeuert den europäischen Populismus. Das Tempo der Globalisierung und die rasanten Veränderungen, denen die Europäer seit 1989 ausgesetzt sind, mögen Faktoren für den Rückzug in die Wagenburg des althergebrachten Nationalstaats sein - ein weiterer ist das Gefühl von Schwäche. Je weniger Einfluss Cameron und Hollande in Europa haben, desto stärker werden die britischen und französischen Populisten.

Es mag ein Balanceakt sein für Merkel, aber sie kann an diesem symbolträchtigen Tag durchaus Signale setzen. Dann stünde das D in D-Day, 1944 die Abkürzung für "decision", 2014 nicht nur für Deutschland, sondern auch für eine gewisse Demut im Ausgleich der europäischen Interessen.

Zum Autor
Sebastian Hammelehle ist Redakteur im Kulturressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Sebastian_Hammelehle@spiegel.de

Mehr Artikel von Sebastian Hammelehle

insgesamt 216 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Tyrion76 06.06.2014
1. Zeichen setzen.
Man könnte z.B. Merkel ebenfalks zu den Feierlickkeiten einladen. Sozusagen als Zeichen, dass man GEMEINSAM der Vergangenheit gedenkt, HEUTE aber eben über den dem europäischen Gedanken abträglichen Befindlichkeiten steht.
kopfschütteler 06.06.2014
2. Mit Humor in den Tag
Zitat von sysopAFPFrankreich und Großbritannien haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen, die entscheidende europäische Macht aber ist heute Deutschland. Für die Statik der EU könnte das gefährlich werden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/d-day-frankreich-und-grossbritannien-sind-am-in-der-krise-a-973714.html
Haben Sie vielen lieben Dank für dieses Intro. Als Deutscher finde ich den Verweis auf die militärischen Erfolge Frankreichs schlicht und einfach nur erheiternd. Als Brite wäre ich dann allerdings doch eher not amused.
gorchus 06.06.2014
3.
2 mal haben die Franzosen und Briten erfolgreich mit Hilfe der Fed USA Deutschland besiegt. Vorallem die Briten wollten Deutschland immer vernichten (Rethorik vor und während dem Krieg). Eine deutsche Regierung kann man militärisch niederringen. ( bis zum Eintritt der Fed USA waren beide Kriege entschieden) aber nicht das Deutsche Volk. Frankreich ist am Boden aktuell. Großbritannien ist seit Aufstieg der Fed USA keine macht mehr ... Nicht mal regionalmacht.
lastpub 06.06.2014
4. Herr Hammelkehle
hats erfasst. Die Animositäten gegen Deutschland sind weiter verbreitet als die reinen Wahlergebnisse zeigen. Falls die nächste bereits heraufdämmernde Krise GB oder Frankreich voll erfasst, wird der Hass auf Deutschland ein Flächenbrand werden.
nickellodeon 06.06.2014
5. ..
Das gleiche passiert den USA. Groteske überbewertung des militärischen, die heimische Sozialpolitik nicht im Griff, Glaubwürdigkeitsdefizite. Die drei Siegermächte sind allesamt sinkende Sterne, gefangen in ihrem Selbstverständniss und im gestern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.