Däubler-Gmelin im Interview Gegen Heilsversprechen der Stammzellenforscher

Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin lehnt die embryonale Stammzellenforschung weiterhin ab. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview auf dem Kirchentag in Frankfurt am Main begründet sie ihre Position.


SPIEGEL ONLINE:

Was sagen Sie zu dem Argument, wir müssten so früh wie möglich in die embryonale Stammzellenforschung einsteigen?

Herta Däubler-Gmelin
AP

Herta Däubler-Gmelin

Däubler-Gmelin: Das überzeugt mich nicht, weil hier in frühes menschliches Leben eingegriffen wird, ohne dass Wissenschaftler bisher überhaupt dargelegt hätten, warum ausgerechnet diese Forschung nötig ist. Die Grundlagen für Helfen und Heilen können nach dem, was wir wissen, mit sogenannten adulten Stammzellen mindestens genausogut gelegt werden. So allgemeine Heilserwartungen und Hoffnungen sollten uns skeptisch machen, wenn es um Eingriffe in menschliches Leben geht.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie Kranken nicht viel Hoffnung durch Ihre Ablehnung der embryonalen Stammzellenforschung?

Däubler-Gmelin: Nein, weil gerade Wissenschaftler es sind, die betonen, dass zum Beispiel die Zellersatztherapie, also die Hoffnung, die häufig erwähnt wird, mit sogenannten adulten Stammzellen eben auch gelingen kann. Es gibt sogar viele, die vor einer Verengung auf diesen schmalen und problematischen Weg der Embryonenforschung warnen.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche ethische Grundlage stellen Sie Ihre Position.

Däubler-Gmelin: Nun, auf die, dass Leben geschützt werden muss. Dass wir Heilen und Helfen unterstützen müssen, aber dass menschliches Leben eben keine Biomasse ist, die schlichtweg als Objekt für andere Zwecke benutzt oder verbraucht werden könnte. Das legt unser Grundgesetz fest, das entspricht auch der menschlichen Ethik.

SPIEGEL ONLINE: Sperren Sie sich nicht gegen etwas, was ohnehin kommen wird?

Däubler-Gmelin: Diese Frage signalisiert, dass alles, was Wissenschaft und Technik können, auch gemacht wird oder gemacht werden muss. Bedenken Sie bitte, dass gerade in der vergangenen Woche der Konsens-Vertrag zum Ausstieg aus der Atomenergienutzung geschlossen wurde. Aus einer Technologie, die mit ähnlich hohen Heilserwartungen propagiert wurde wie die Gentechnologie. Das muss nüchterne Menschen zum Denken bringen. Und deshalb finde ich es gut, wenn die Wissenschaftler ihre Möglichkeiten in den Bereichen suchen, die nicht in menschliches Leben eingreifen.

Die Fragen stellte Alexander Schwabe



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