Daimler-Chef bei Grünen-Parteitag Team Cemtsche

Grünen-Chef Cem Özdemir und Daimler-Chef Dieter Zetsche? Sind ein super Team - auf dem Parteitag in Münster brachten sie tatsächlich so etwas wie Spannung in die Veranstaltung.

Özdemir, Zetsche
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Özdemir, Zetsche

Aus Münster berichtet


Stimmungsfeuer gab es auf dem Grünen-Parteitag erst kurz vor Schluss. Der Vorsitzende Cem Özdemir sollte eigentlich den Auftritt von Daimler-Chef Dieter Zetsche anmoderieren - Teile der Partei hatten im Vorfeld über die Einladung des Autobosses gemosert. Anträge, ihn doch nicht sprechen zu lassen, fanden aber keine Mehrheit.

Özdemir nutzte die Aufmerksamkeit für einen Appell an seine Partei: Zetsches Besuch bei den Grünen, die den Abschied vom Verbrennungsmotor und ein Tempolimit fordern, sei "ein Kompliment", eine gute Sache, rief Özdemir den Grünen zu. "Etwas mehr Rückgrat, mehr Selbstbewusstsein" forderte er. "Woher kommt diese Angst! Wir haben doch die Argumente!", rief er in den Saal.

Sein 30-sekündiges In-Rage-Reden war mit Sicherheit professionell kalkuliert - aber dafür ziemlich wirkungsvoll: verblüffte Blicke, Applaus, Standing Ovations, das volle Programm. Ein Enthusiasmus, der den ganzen Parteitag über kaum spürbar war, am Sonntag blitzte er auf.



Protest-Schnurrbärte und Transparente

Özdemir, der Zetsche eingeladen hatte, warb für den Konzern als einen "der größten Arbeitgeber der Republik". Klimaschutz sei für die Grünen nicht verhandelbar, betonte er. "Aber ist die Daimler-AG Teil des Problems, oder will sie auch Teil der Lösung sein? Das brauchen wir, sonst werden wir unser Ziel nicht schaffen."

Alle Grünen überzeugte er natürlich nicht vom Schulterschluss mit der Autoindustrie, die Grüne Jugend etwa protestierte mit aufgeklebten Zetsche-Schnurrbärten und Transparenten ("Rüstungsexporte für Diktatoren"). Beim Zetsche-Auftritt hörte man immer wieder Geraune, bei Sätzen wie diesen etwa: "Ich bin nicht gekommen, um diese Bühne für eine Werbeshow zu nutzen".

Oder wenn der Autochef beteuerte, er stemme sich gar nicht gegen eine ökologische Verkehrswende. "Die größte Gefahr wäre das Festhalten am Status Quo". Dann sah man bei vielen Delegierten als Gesichtsausdruck: not convinced, nicht überzeugt.

Zetsche spielte durchaus mit der Skepsis im Saal. "Viele von Ihnen dachten sich vielleicht: Den Daimler-Chef über Verkehr sprechen lassen - das ist ja wie Trump als Experte für Frauenpolitik". Dafür gönnte man ihm ein paar Lacher. Als er behauptete, Daimler hätte "keine Lobby-Maschinerie", die Haus-Lobbyisten seien "an zwei Händen abzuzählen", gab es aber Buhrufe.

Kuscheln mit Konzernen

Für die Partei, die ihre Wurzeln in der Öko-und-Friedensbewegung hat, ist der Dialog mit der Automobilindustrie heikel. Die Grünen werfen der Branche vor, den Trend zur Elektromobilität zu verschlafen. Großkonzerne wie Daimler, die auf klimaschädliche Verbrennungsmotoren setzen und über eine Rüstungssparte verfügen, sind für die Grünen erklärter Hauptgegner. Außerdem protestiert die Partei gegen Freihandelsabkommen wie TTIP und Ceta. Großkonzerne halten die Verträge für dringend notwendig.

Konzernchefs als TTIP-Fans (Archivbild von 2015)
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Konzernchefs als TTIP-Fans (Archivbild von 2015)

Eine ähnliche Auseinandersetzung gab es vor einigen Monaten im Zusammenhang mit Airbus. Die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung hatte enge Kontakte zum Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus geknüpft und eine PR-Broschüre herausgegeben - ohne die Militärsparte mit einem Wort anzuschneiden.

In der Parteitagsdebatte mit Daimler-Chef Zetsche am Sonntag wurde zumindest versucht, ein kritisches Gesamtbild zu zeigen. Daimler habe schon seit zehn Jahren Elektroautos im Programm, erklärte Zetsche. "Wir stellen uns unserer klimapolitischen Verantwortung." Parteichefin Simone Peter vom linken Flügel hielt Daimler das militärische Engagement vor: "Eine halbe Milliarde Umsatz mit Militärfahrzeugen ist immer noch 500 Millionen zu viel."

Die Partei beschloss am Sonntag den Ausstieg aus der Braunkohle für 2025 - ein früherer Zeitpunkt, als vom Bundesvorstand vorgeschlagen. Die Parteispitze hatte für 2035 als Stichjahr plädiert. Unterm Strich sind die Grünen bei Umwelt- und Klimaschutz aber so klar wie keine andere Partei, diese Themen gehören zu ihren letzten Alleinstellungsmerkmalen.

Am Samstag hatten die Delegierten eine Entscheidung im Steuerstreit der Partei gefällt. Mehrheitlich votierte der Parteitag für eine Vermögensteuer für Superreiche. Außerdem beschlossen die Delegierten das Ziel eines Verbots von Hartz-IV-Sanktionen. Die Grünen wollen darüber hinaus über den Bundesrat die Legalisierung von Cannabis durchsetzen. Eine solche Initiative wollen sie noch vor der Bundestagswahl im Herbst 2017 einbringen.


Lesen Sie hier mehr über die Grünen:

mit Material von dpa, Reuters und AFP

insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
Anna Bolika 13.11.2016
1. FrauAnnaBolika
Besser lässt sich die tatsächliche Klientel der Grünen nicht entlarven. Mercedes Benz und die white collar Typen der "Umweltpartei". LOL!
Amadablam 13.11.2016
2. Realitätsverweigerung
Wie klimaneutral ist denn Ströbele für sein Kurzinterview mit Snowdon nach Moskau gereist?
Alfred Ahrens 13.11.2016
3. Toll was für ein Demokratieverständnis die jungen Grünen so haben !
Nach der gestrigen Ablehnung von Herrn Kretschmann´s Position zur Besteuerund nun der nächste Sargnagel der fantastischen Grünen. Die Wahlergebnisse bei der BTW werden zeigen, wie populärdie Grünen noch sind. Eigenarrtig nur, das prozentual die meisten Porsche-Fahrer aller Fraktionen in der Grünen-Fraktion sitzen im Bundestag. Darüber schon mal diskutiert ??? Oder hat Porsche jetzt e-Autos und Fahrräder im Angebot ???
h.hass 13.11.2016
4.
Zitat von Alfred AhrensNach der gestrigen Ablehnung von Herrn Kretschmann´s Position zur Besteuerund nun der nächste Sargnagel der fantastischen Grünen. Die Wahlergebnisse bei der BTW werden zeigen, wie populärdie Grünen noch sind. Eigenarrtig nur, das prozentual die meisten Porsche-Fahrer aller Fraktionen in der Grünen-Fraktion sitzen im Bundestag. Darüber schon mal diskutiert ??? Oder hat Porsche jetzt e-Autos und Fahrräder im Angebot ???
Interessant. Wo ist das dokumentiert bzw. nachzulesen?
julian_b 13.11.2016
5. So werden auch Ozdemir und
seine Parteifreunde letztlich zu den gleichen Konzernmarionetten, wie Merkel & Co. Man sonnt sich im Glanz von Zetsche und den anderen Konzernlenkern und merkt es nicht einmal. Die Grünen sind so etwas von überflüssig geworden.
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