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01. November 2018, 12:48 Uhr

Deutscher Juckreiz

Darf man über Juden Witze machen?

Eine Kolumne von

Wenn wir wissen, dass wir etwas nicht tun sollen, gibt es eine Stimme in uns, die sagt: Mach es doch, mach es doch. Liegt hier die Erklärung, warum so viele Deutsche aus der Rolle fallen, wenn sie einem Juden begegnen?

Darf man über Juden Witze machen? Sicher, warum nicht, wäre meine Antwort. Man darf ja auch über Polen, Burkafrauen und Rollstuhlfahrer Witze reißen. Warum sollten Juden da außen vor sein?

Stellen wir die Frage etwas präziser: Darf man als Deutscher über Juden Witze machen?

Schon schwieriger zu beantworten. Meine persönliche Meinung: Vielleicht ist dies ein Witzsektor, bei dem wir anderen den Vortritt lassen sollten. Die Konkurrenz auf dem Feld ist ohnehin brutal, entsprechend groß ist die Wahrscheinlichkeit durchzufallen.

Nicht lustig, sondern sehr traurig

Die Frage nach der Zulässigkeit von Judenwitzen hat eine gewisse Aktualität erfahren, seit der Fernsehmoderator Jan Böhmermann mit einem aufgefallen ist. Böhmermanns Judenwitz geht so: Ein Stand-up-Comedian, der gerade ein Buch mit dem Titel "Ich darf das, ich bin Jude" vorgelegt hat, steht mit einem Fernsehmoderator, einem Musikfernsehmoderator und einem Kabarettisten auf der Bühne. Als der Comedian mit seinem Aufritt fertig ist, holt der Fernsehmoderator eine Flasche mit Desinfektionsspray hervor und fragt die anderen: "Habt ihr ihm die Hand gegeben?" Dann besprüht er ihre Hände, um sie zu desinfizieren.

Nicht komisch? Wenn dieser Witz eine Pointe hat, dann ist sie jedenfalls schwer zu erkennen. Genau besehen müsste die richtige Frage zu Judenwitzen lauten: Darf man auch schlechte erzählen? Oder Witze, die in Wahrheit gar keine Witze, sondern Beleidigungen sind?

Die Frage ist interessant, weil sie direkt in das Verhältnis zwischen nicht-jüdischen Deutschen und Juden führt. Den Stand-up-Comedian gibt es wirklich. Er heißt Oliver Polak und hat gerade ein neues Buch herausgebracht, das "Gegen Judenhass" heißt. Das Buch ist nicht lustig, sondern sehr traurig, weil Polak darin schildert, was einem als Jude in Deutschland widerfährt. Auch Böhmermann kommt darin vor, als der Mann mit dem Desinfektionsspray. Allerdings wusste man das bis vergangene Woche nicht, weil Polak den Namen nicht genannt hatte.

Sind das alles Antisemiten?

Es gibt nicht wenige, die finden, dass es 73 Jahre nach Kriegsende auch mal gut sein müsse mit der Rücksichtnahme. Das wäre die simpelste Begründung für die Aufhebung jeder Witzbeschränkung, der Schlussstrich im Humorgeschäft sozusagen. Weil sich das kaum jemand so offen zu sagen traut, bemüht man einen Umweg. Wer wie Polak sein Jüdischsein selbst zum Thema mache, müsse auch damit rechnen, dass man darauf zu sprechen komme. Oder wie Böhmermann sagen würde: "Das ist dein Unique Selling Point, da musst Du jetzt durch."

Muss er? Jeder Komödiant benutzt das Material, das ihm das Leben liefert. Der Jude sein Judentum beziehungsweise die Reaktion darauf. Die Feministin die Erfahrung mit Männern. Der alte weiße Mann sein Leben als alter weißer Mann. Aber das heißt nicht, dass man in dieser Rolle aufgeht und die reale Person durch die Bühnenfigur ersetzt wird. Würden wir es lustig finden, eine schwarze Autorin nach dem Handschlag zu fragen, ob ihre Hände abfärben?

Wer Polaks Buch liest, fragt sich, auf was normale Deutsche kommen, wenn sie einem Juden begegnen. Wie kommt man auf die Idee, eine Flasche mit Desinfektionsspray hinter dem Sofa zu verstecken? Oder einem Kabarettisten vor dem Auftritt zu sagen, dass man ja eigentlich keine Juden mehr auftreten lasse, weil der letzte die Rechnung nicht bezahlt habe? Sind das alles Antisemiten? Ist Böhmermann Antisemit?

"Je größer der Druck, sich anständig zu benehmen, desto näher liegt der Fauxpas"

Ich musste an den Fall eines Musikers denken, über den ich vor Jahren für den SPIEGEL geschrieben habe. Der Mann war zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, weil er bei einem Gastspiel in Israel an einer Hotelbar den Bewirtungsbeleg mit "Adolf Hitler" unterschrieben hatte. Der Musiker sagte, dass er sich nicht erklären könne, was ihn geritten habe. Aus seinem Umfeld war zu erfahren, dass er politisch eher links stand und mit den Grünen sympathisierte. Ein Psychoanalytiker, mit dem ich sprach, deutete die Unterschrift als Übersprungshandlung. Wenn wir genau wissen, dass wir etwas nicht tun sollen, gibt es eine Stimme in uns, die sagt: Mach es doch, mach es doch. Das ist wie ein Juckreiz. "Je größer der Druck, sich anständig zu benehmen, desto näher liegt der Fauxpas", sagte der Analytiker.

Wir können tausendmal wiederholen, wie glücklich wir uns schätzen, dass es wieder ein reges jüdisches Leben in Deutschland gibt. Wenn man auf jemanden trifft, der einen daran erinnert, was die Eltern oder Großeltern seinen Eltern oder Großeltern angetan haben, ist es vorbei mit der Unbefangenheit. Dann stellt sich bei Menschen, die nicht völlig verbohrt sind, ein Gefühl des Unbehagens und der Unsicherheit ein, allen Beteuerungen, dass es kollektive Schuld nicht gebe, zum Trotz.

Der Witz wäre so gesehen der Versuch, die Situation aufzulösen und die Machtbalance zu verändern. Wahrscheinlich ist das Auftrumpfungsbedürfnis umso stärker, je mehr man sich moralisch privilegiert fühlt. Einige der härtesten Antisemiten trifft man nicht von ungefähr bei der Linkspartei an. Wer es gewohnt ist, im Recht zu sein, muss es als unerhörte Kränkung empfinden, wenn er in die Position des Unterlegenen rutscht.

Vor ein paar Wochen hat Sigmar Gabriel im "Tagesspiegel" eine Antwort auf Alexander Gauland geschrieben, in der sich der Satz fand: Gemeint seien bei den Ausfällen der AfD "nicht die Juden, sondern wir, die Demokraten". Liest man den Satz, wie er da steht, heißt er: Es gibt Demokraten, und es gibt Juden, beide fallen leider nicht in dieselbe Kategorie. So hat es Gabriel nicht gemeint, deshalb wurde die Passage später korrigiert. Gemeint seien bei den Angriffen von rechts "nicht allein die Juden, sondern wir alle, alle Demokraten" hieß es in einer online veröffentlichten Version.

Eine schwere Bürde

Es war nicht das erste Mal, dass Gabriel auffiel. Ein paar Monate zuvor hatte er in der "Frankfurter Rundschau" geschrieben, dass die Sozialdemokraten neben den Juden zu den ersten Opfern des Holocaust gehört hätten. Auch das musste anschließend geändert werden, da die systematische Vernichtung ein Schicksal ist, das die Juden exklusiv haben.

Mancher Lapsus verrät mehr über den Autor, als ihm lieb sein kann. Sigmar Gabriel hat ausführlich darüber berichtet, wie sehr er unter seinem Nazi-Vater gelitten habe, der noch im hohen Alter begeistert über Hitler sprach und auch sonst ein schlimmer Tyrann gewesen sein muss. Es ist eine schwere Bürde, einem Volk anzugehören, das einmal angetreten war, die Welt zu unterjochen. Die Bürde wiegt doppelt, wenn man in der eigenen Familie einen schweren Antisemiten hat.

Wer nur einen Bruchteil der Literatur über das "Dritte Reich" gelesen hat, weiß, dass es die Deutschen verdient gehabt hätten, bis ins vierte Glied verflucht zu sein. Stattdessen hat die Weltgemeinschaft sie schon nach wenigen Jahren wieder gnädig in ihrer Mitte aufgenommen, mit der großzügigen Billigung der Israelis. Es ist eine vergleichsweise geringe Strafe, nicht das Erste herauszuplärren, was einem in den Kopf kommt, wenn man auf jemanden trifft, von dem man weiß, dass er Jude ist.

Im Video: Tränen lachen - Auf der Spur des jüdischen Humors

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