Zur Ausgabe
Artikel 13 / 71
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Markus Feldenkirchen

Der gesunde Menschenverstand Das Habeck-Rezept

Donald Trump hat offenbar noch nicht begriffen, welch beinharter Gegenspieler ihm da heranwächst.
aus DER SPIEGEL 5/2020
Robert Habeck

Robert Habeck

Foto:

Kay Nietfeld/ DPA

Bis Redaktionsschluss jedenfalls hatte er keinen Tweet auf Robert Habeck abgeschossen. Vielleicht tüftelt der US-Präsident noch an der passenden Beleidigung, irgendwas mit "Low-Energy Robert" oder "Little German without Twitter Account". Man darf gespannt sein. Vielleicht hat Trump das berühmte Habeck-Video, das eine ZDF-Journalistin im Getümmel des Weltwirtschaftsforums in Davos mit dem Handy aufnahm, gar nicht gesehen. Oder das Weiße Haus arbeitet noch an der Übersetzung und ringt dabei mit dem Verb "verzapfen".

Der Chef der Grünen hat sich jedenfalls erschüttert über die gewohnt ignorante Rede des US-Präsidenten gezeigt. Habeck hätte wohl gern erfahren, wie Trump den Klimawandel zu bekämpfen gedenkt. Stattdessen hörte er von immer neuen Rekorden der Wall Street und dass die amerikanische Wirtschaft sagenhaft brumme. "Die schlechteste Rede, die ich in meinem Leben gehört habe", stammelte Habeck. "Ich bin fassungslos. Ich bin wirklich ... wie man so was hier verzapfen kann." Dabei schaute er so enttäuscht, als hätte er sich auf die Wiener Philharmoniker gefreut und stattdessen eine Panflötencombo aus der Fußgängerzone vorgesetzt bekommen.

Natürlich wurde Habeck für seine Aussagen getadelt. "Außenpolitik ist nicht seine Stärke", urteilte der renommierte Außenpolitiker Thomas Silberhorn von der CSU. Auch FDP-Chef Christian Lindner und CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak, die bekanntlich immer den richtigen Ton treffen, wiesen Habeck umgehend zurecht.

Hilfreich ist es, jegliches Vorwissen auszublenden. Habeck gelingt das offenbar mühelos.

Ich persönlich vermute, dass Habecks Kritiker einfach nur neidisch sind. Weil er eine Gabe besitzt, mit der sie nicht gesegnet sind. Herkömmliche Politiker nämlich werden in der Regel belächelt, wenn sie das allzu Offensichtliche sagen. Bei Habeck ist das anders. Die aufrichtige Zerknirschung und Fassungslosigkeit, mit der er vorträgt, was alle längst wissen, lassen das Gesagte wie eine wichtige Erkenntnis erscheinen. Das kann nur er, das ist sein Erfolgsrezept.

Um ehrliche Entrüstung zu empfinden, ist es zudem hilfreich, jegliches Vorwissen auszublenden. Dem Grünenchef gelingt das offenbar mühelos. Zumindest konnte man sich bei Habecks Äußerungen in Davos fragen, ob er wusste, dass Barack Obama schon vor einiger Zeit als Präsident der Vereinigten Staaten abgelöst worden ist. Sonst wäre er vermutlich weniger überrascht gewesen. Mit etwas Zeitungslektüre hätte er zumindest ahnen können, dass Donald Trump kein Plädoyer für einen radikalen Klimaschutz halten würde.

DER SPIEGEL 5/2020
Foto: Pascal Kerouche/ Universal Music

Die Faszination des Gangsta-Rap

Wie böse Jungs und Clan-Romantik die Kinderzimmer erobern

Zur Ausgabe

Vielleicht aber waren Habecks Worte der Zerknirschung auch einfach an die eigene grüne Basis gerichtet, an jenes Milieu, in dem die richtige Haltung allemal mehr geschätzt wird als ein solides Konzept. In diesem Fall hätte er vielleicht doch mehr mit Trump gemeinsam, als das Video vermuten lässt.

Zur Ausgabe
Artikel 13 / 71
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel