Griechenlands Ex-Finanzminister Varoufakis "Das ist Demokratie, wie ich sie verstehe"

Über Monate hat Yanis Varoufakis im Jahr 2015 als griechischer Finanzminister vertrauliche EU-Runden zur Schuldenkrise mitgeschnitten - und veröffentlichte sie nun. Im SPIEGEL erläutert er die Beweggründe.
Ein Interview von Andreas Wassermann
Yanis Varoufakis

Yanis Varoufakis

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Alkis Konstantinidis/ REUTERS

SPIEGEL: Herr Varoufakis, die Euro-Gruppe ist ein Gremium auf Arbeitsebene. Die Treffen sind in der Regel vertraulich. Wie kommt man da als Finanzminister eines Mitgliedslandes auf die Idee, die Gespräche aufzunehmen, und das auch noch heimlich? 

Varoufakis: Das war kein fester Plan. Aber irgendwann wurde es einfach notwendig. Es gibt keine offiziellen Protokolle der Gespräche in der Euro-Gruppe. Um die eigene Regierung zu informieren, braucht man eigene Aufzeichnungen. Aber vor allem: Man kann auch nie beweisen - auch gegenüber den anderen Finanzministern der Euro-Gruppe und den Institutionen, Währungsfonds, Europäische Kommission und Zentralbank nicht -, was in den Sitzungen besprochen und vereinbart wurde. 

Zur Person
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Carsten Koall/ Getty Images

Yanis Varoufakis, Jahrgang 1961, war von Januar bis Juli 2015 Finanzminister Griechenlands für die linke Syriza-Partei und während dieser Zeit auf europäischer Ebene Gegenspieler des damaligen Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble (CDU). Varoufakis, gelernter Wirtschaftswissenschafter mit Lehrerfahrung an  Universitäten in Großbritannien, Australien und den USA, wollte mit den anderen Euro-Ländern eine Alternative zur rigiden Sparpolitik aushandeln, scheiterte aber letztlich. Nach seinem Rücktritt gründete er mit anderen Linken die Bewegung "Demokratie in Europa", für deren griechischen Ableger er seit 2019 im griechischen Parlament sitzt. Varoufakis hat mehrere Bücher geschrieben, darunter "Adults in the Room" über die Griechenlandkrise, das als Vorlage für den gleichnamigen Film von Oscar-Preisträger Costa-Gavras diente.

SPIEGEL: Das erste Gespräch, das von Ihnen komplett mitgeschnitten wurde, war eine Telefonkonferenz der Finanzminister der Eurozone am 24. Februar 2015. Was war der Grund?

Varoufakis: Anfang Februar gab es eine spürbare Annäherung zwischen den Gläubigerstaaten und Griechenland. Wir hatten eine Grundlage für Verhandlungen gefunden, die sowohl die Interessen der Kreditgeber als auch der gerade gewählten Links-Regierung Griechenlands berücksichtigte. Doch dann wollten vor allem die Vertreter des Währungsfonds, der Zentralbank und der Kommission davon nichts mehr wissen. Es gab keine Aufzeichnungen, ich konnte nichts beweisen. Außerdem wurden Gerüchte aus der Runde in die Medien lanciert, ich hätte keine vernünftigen Vorschläge gemacht. Ich sei ein Scharlatan. Da habe ich mir gesagt, das passiert mir nicht noch einmal.

SPIEGEL: Aber Sie hätten doch nun ganz offen mitschneiden können und die anderen davon informieren. Warum eine verdeckte Abhöraktion? 

Varoufakis: Das wäre in der Tat eine Möglichkeit gewesen. Aber ich habe es erst mal nur für mich aufgenommen, und nicht, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Und außerdem habe ich bereits im Frühsommer 2015 in der "New York Times"  erklärt, dass ich die Euro-Gruppen-Gespräche aufnehme. Alle Welt konnte das wissen. 

SPIEGEL: Wurden Sie von Ihren Kollegen in der Euro-Gruppe darauf direkt angesprochen? Hat Sie jemand aufgefordert, künftig Ihren Lauschangriff zu unterlassen?

Varoufakis: Nein, niemand. Und warum auch? Das Mitschneiden von den Runden war doch eine übliche Praxis. Alle haben das doch gemacht. Und warum sollten sie auch nicht? Anders können sie doch in ihren Ländern gar nicht nachweisen, was sie in der Euro-Gruppe gesagt haben, wofür sich eingesetzt haben. 

SPIEGEL: Wer außer Ihnen hat noch die Gespräche in der Euro-Gruppe mitgeschnitten?

Varoufakis: Das weiß ich nicht mehr so genau, aber ich erinnere mich gut daran, dass auch andere die Aufnahmetaste ihres Smartphones gedrückt haben.

SPIEGEL: Selbst wenn das so wäre, Sie haben sich aber entschlossen, die kompletten Mitschnitte jetzt zu veröffentlichen , immerhin fünf Jahre später. Was ist der Grund?

Varoufakis: Es sind vor allem zwei Gründe. Einer betrifft Europa, der andere die innenpolitische Diskussion in Griechenland. Die meisten Menschen in Europa dürften nicht wissen, dass nicht dokumentiert wird, was in einem informellen, aber entscheidenden Gremium wie der Euro-Gruppe diskutiert wird. Es ist höchste Zeit, dass sich diese Praxis der Hinterzimmer-Runden aus vordemokratischen Zeiten ändert. Die Veröffentlichung meiner Mitschnitte soll zu mehr Transparenz beitragen. Ich wünschte, sie führte dazu, dass künftig solche Treffen offiziell dokumentiert und öffentlich gemacht werden. Zweitens werden in Griechenland heute mit angeblichen Äußerungen von mir in der Euro-Gruppe im Jahr 2015 Sparmaßnahmen und Leistungskürzungen verteidigt. Wer die Bänder anhört, wird merken, dass das nur vorgeschobene Gründe sind. 

SPIEGEL: Haben Sie in Ihren fünf Monaten als griechischer Finanzminister Fehler gemacht, die die Lage für Ihr Land verschlimmert haben? 

Varoufakis: Der Charme von Euroleaks ist, dass jeder selbst bewerten kann, wer was in den Eurogruppen-Meetings gesagt hat. Was ich getan habe, wie ich agiert habe, das sollen die Bürger Europas beurteilen. Sie sollen bewerten, wer hat sich diplomatisch verhalten, konstruktive Vorschläge gemacht, wer hat sich kompetent zu Schulden und Kreditzahlungen geäußert. Und anderseits, wer war aufsässig und unwillig zu verhandeln. Es ist an der Zeit, dass niemand mehr angewiesen ist zu glauben, was ich sage, oder was der damalige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble sagt. Jeder kann sich seine eigene Meinung bilden und Schlüsse daraus ziehen. Und das ist Demokratie, wie ich sie verstehe.

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