Das Leben der Anderen Reich in Berlin

Die Gegensätze könnten kaum größer sein: Mehr als eine halbe Million Berliner gelten offiziell als arm, aber ein elitärer Kreis frönt in der Hauptstadt zunehmend dem Luxus. Ein exklusiver Club mit 10.000 Euro Aufnahmegebühr, Massagen für gestresste Hunde - willkommen in der Stadt, die reich und sexy sein will.

Von Reinhard Mohr


Berlin - Manchmal, ganz zufällig, trifft man in Berlin, der Metropole von Currywurst und Jogginghose, tatsächlich einen reichen Menschen auf der Straße. "Guten Abend, Herr Joop!", hört man sich dann selbst sagen beim abendlichen Flanieren am Monbijouplatz in Berlin-Mitte. Immerhin kennt man den Mann aus Funk und Fernsehen, und Berlin ist, entgegen aller Propaganda, keineswegs das Epizentrum von Grobheit, Rücksichtslosigkeit und schlecht gelaunter Unfreundlichkeit. "Guten Abend!" kommt es freundlich zurück. "Und das ist unsere Gerti." So heißt Wolfgang Joops Hund, den er gerade Gassi führt. Ein paar Schritte entfernt besitzt der internationale Modemacher eine Penthouse-Stadtwohnung.

Es gibt sie also wirklich – Reiche in Berlin, jener deutschen Hauptstadt, die eher für Kreuzberger Nächte, Türken-Döner und die schön-schaurigen Hinterlassenschaften der DDR berühmt ist.

Doch die unverhoffte Begegnung mit Wolfgang Joop veranschaulicht auch das Problem: Sein Hauptwohnsitz ist Potsdam, von Wohnungen in New York und anderswo einmal abgesehen. Dieses schöne Schicksal teilt er unter anderen mit Nadja Auermann, Günther Jauch, Friede Springer, Verlagschef Mathias Döpfner und anderen so genannten "Einkommensmillionären", die die Berliner Statistik auf diese Weise natürlich erheblich verschlechtern – zugunsten von Potsdam.

Das Ergebnis: Laut der letzten Statistik von 2004 leben 371 Einkommensmillionäre in Berlin, während andererseits gut 550.000 Einwohner offiziell als "arm" gelten. In Hamburg dagegen, der reichsten deutschen Stadt, können sich mindestens 607 Einkommensmillionäre über ein finanziell sorgenfreies Dasein freuen – und das bei halber Einwohnerzahl. München bringt es immerhin noch auf 571 Menschen ohne größere Probleme mit dem Überziehungskredit auf dem Girokonto.

Vom reichen Hamburg aber unterscheidet das deutlich ärmere Berlin noch etwas anderes: Viele Wohlhabende an der Spree sind im Hauptberuf eher prominent als reich, ähnlich wie Wolfgang Joop - Medienleute, Film- und Fernsehstars, Starfriseure, Architekten, Modemacher, erfolgreiche Gastronomen, Werbe- und PR-Manager, Kunstmäzene. So nimmt kaum jemand Sabine Christiansen, Udo Walz, Jaecki Schwarz, Daniel Barenboim, Prinzessin Maja von Hohenzollern, Alfred Biolek oder Heinz Berggruen als "reich" wahr, sondern als vertraute "Promis", die tagtäglich auf den bunten Seiten der Gazetten auftauchen. Hauptthema: Ist XY wieder solo? Wer ist der neue Begleiter von Z? Von wem stammt die tolle Robe? Wer hat ihr wohl die schreckliche Frisur verpasst?

"Angestellter oder Arbeiter darf man nicht sein"

Anders als in der alten Kaufmannsstadt Hamburg, wo das Geld seit je gerne unauffällig verdient wird, fällt man in Berlin lieber auf – ob mit oder ohne Geld. Arm, aber sexy. Gewiss. Am liebsten aber und wer es sich leisten kann: Reich und sexy. In einem Wort: Hier muss man die Reichen, die einfach nur reich sind und ihr Geld in Ruhe ganz unerotisch für sich arbeiten lassen, regelrecht suchen. Wie schon vor hundert Jahren wohnen sie in traumhaften, manchmal auch geschmacklos eingerichteten Villen in Grunewald rechts und links der Königsallee, in Zehlendorf, dem zahlungskräftigsten Bezirk, in Dahlem, nicht zuletzt rund um den Kleinen und Großen Wannsee, im alten Berliner Westen eben. Baulöwen wie Karsten Klingbeil und seine Frau Ulla, Immobilienmakler, Notare, Chefärzte, Architekten, Unternehmer, reiche Witwen, wohlhabendes Bürgertum.

Früher residierten hier viele Berühmtheiten: Gustaf Gründgens und Walther Rathenau, Isadora Duncan und Ingeborg Bachmann, Theodor Heuss, Heinz Rühmann und Richard Tauber. Von 1966 bis 1968 wohnte Romy Schneider in der Winkler Straße 22 (Grunewald), wo sie die "schönsten, glücklichsten und heilsten Jahre" ihres Lebens verbracht haben will. 1880 hatte Reichskanzler Otto von Bismarck dort ein 200 Hektar großes Forst- und Sumpfgebiet trockenlegen, vier kleine Seen ausheben und darum herum eine "Millionärskolonie" anlegen lassen. "Wenn Nimmersatt die Riesenstadt ins Herz der Forste bricht, dann sieht man bald den Grunewald vor lauter Willen nicht", spottete der Dichter Ludwig Fulda. Und der britische Schriftsteller Christopher Isherwood, dessen Roman "Goodbye To Berlin" von 1939 die Vorlage für das Musical "Cabaret" lieferte, mokierte sich über den "Slum für Millionäre".

Rolf Eden, 76, Berlins ewiger Playboy, lässt so was selbstverständlich völlig kalt. Seit Jahrzehnten wohnt er in seiner Dahlemer Villa, hat zwei Rolls-Royce, einen für den Sommer, einen für den Winter, ständig wechselnde, blutjunge Begleiterinnen und einen zeitlosen Wahlspruch, der in die Tiefe der modernen Gesellschaftstheorie zielt: "Eins ist klar: Angestellter oder Arbeiter darf man nicht sein."

Da werden sie die Luft anhalten beim Schultheiss-Bier in der Neuköllner Eckkneipe und sich eine Roth-Händle anzünden, solange es noch erlaubt ist.

Wettbewerb der Extravaganz

Anderswo aber wird regelrecht aufgeatmet. Seit ein paar Jahren wird Luxus trendy in Berlin. Die Umsätze steigen, ein internationales Klientel sorgt für neue Nachfrage nach exquisiten Gütern, teure Hotels und Restaurants finden ihre Kundschaft. Nicht nur auf dem Kurfürstendamm und seinen Seitenstraßen, wo Gucci, Luis Vuitton, Cartier, Bulgari und Chanel zu Hause sind, zeigt sich der neue Trend zum Luxus, sondern auch in der wieder belebten, inzwischen durchaus glamourösen Friedrichstraße. Dort suchen die internationalen Modegeschäfte schon nach Angestellten, die Russisch sprechen. Denn immer mehr Söhne und Töchter von Gasprom & Co. geben hier ihre frisch erworbenen Rubel, Dollars oder Euro aus.

Abends geht es dann ins "Vau" oder "Aigner", ins "Borchardt" oder ins "Bocca di Bacco", "Margaux" oder "Goldrot", in den "Brandenburger Hof" oder ins "Restaurant 44" des "Swissotel", dessen Chefkoch Tim Raue soeben mit 17 Punkten des neuen Gault Millau als derzeit bester Küchenchef Berlins belohnt wurde.

Die Fünf-Sterne-Luxushotels schießen in Berlin geradezu aus dem Boden. Vor wenigen Tagen hat das "Grand Hotel de Rome" am Bebelplatz eröffnet, vor Jahresfrist das "Dom Aquaree", davor das "Marriott" und das "Ritz Carlton" am nun fertig gestellten Potsdamer Platz.

Dabei ist ein wahrer Wettbewerb der Extravaganz entbrannt.

So sind etwa Rasierspiegel im "Ritz Carlton" beheizt, damit sie, Gott bewahre, keinesfalls beschlagen können. Allüberall laden "faszinierende" Wellness-Oasen und Designerpools zum Relaxen ein, und so genannte "Personal Shoppers", persönliche Einkaufsassistenten, helfen tagsüber gerne beim Kauf italienischer Nobelschuhe – etwa von Manolo Blahnik, die mit Stickereien auf schwarzem Satin läppische 1500 Euro kosten. Oder soll es vielleicht ein Gucci-Katzenhalsband für 895 Euro sein? Alternativ ein Hundekörbchen aus Langhaarfell für rund 1700 Euro?

Pfötchenhotel für verwöhnte Hunde

Kein Wunder, dass es für derart verwöhnte Vierbeiner nun auch ein eigenes "Pfötchenhotel Resort Berlin" gibt – mit "beheiztem Indoor-Pool", "Pfötchen-Café", einem persönlichen "Animationstrainer" und einem "Komfort-Shuttle-Service", der "selbst den sensibelsten Hund komfortabel in den Urlaub trägt". In der Pariser Straße am Ludwigkirchplatz bietet ein neuer Salon gar zwanzigminütige "Hundemassagen" an – für schlappe 40 Euro. Ein echtes Schnäppchen.

Wohlhabende Herrchen aber entscheiden sich statt fürs Pfötchen-Hotel gerne für luxuriöse Eigentumswohnungen im "Beisheim Center" am Potsdamer Platz, direkt über dem "Ritz Carlton" – 300 bis 600 Quadratmeter für drei bis sechs Millionen Euro.

Mit einer Chipkarte können Luftfeuchtigkeit, Licht, Düfte und Musik ganz individuell eingepegelt werden, und per "hand held PC" lassen sich Schränke wie von Geisterhand verschieben, Tische und Lampen versenken und ganze Raumabteilungen in die gewünschten Positionen drehen. Die vom Extrem-Shopping erschöpfte Gattin kann sich dann zum Tagesausklang im vollautomatisch programmierten Lebensgefühl, pardon: lifestyle "Abenddämmerung" erholen, während im Bad bei der Einstellung "Candlelight" das exakt temperierte Wasser zu romantischer Musik ins Luxusbecken plätschert. Bei Bedarf kommt auch ein hauseigener Bade-Butler vorbei, der spezielle Öle ins kostbare Nass träufelt und Orchideenblüten verstreut.

"Für all das gibt es endlich in Berlin einen Markt", sagt einer, der es wissen muss. "Unsere Zielgruppe spricht Personen an, die jährlich mindestens 100.000 Euro zum Spielen übrig haben." Olaf Brandenburg, Mitinhaber einer Werbeagentur, bestätigt den Trend: "Schon jetzt ist der Bedarf für Luxusprodukte in Berlin größer denn je. Und er wird steigen."

"Gute und entspannte Gespräche für 1500 Euro Jahresbeitrag

Seit kurzem gibt es nun auch Orte, wo die Gutbetuchten jenseits ihrer Prachtvillen und Penthouses unter ihresgleichen sein können. Zum Beispiel den "China Club" am Hotel "Adlon". Aufnahmegebühr: 10.000 Euro, Jahresbeitrag: 1500 Euro. Luxus-Separées, Edel-Lounges und ein insgesamt mondänes, chinesisch inspiriertes, auch lukullisch anspruchsvolles Ambiente sollen für "gute und entspannte Gespräche" sorgen. "Unsere Mitglieder zahlen gerne so viel, um ungestört unter sich zu sein", heißt es.

"Privatheit" und "Exklusivität" sind die Zauberworte. Auch der "Berlin Capital Club" und die "Havanna Lounge" am Gendarmenmarkt nehmen derlei für sich in Anspruch. Wer sich dort einmal in die handtellerdicke Weinkarte versenkt hat, versteht, was gemeint ist.

Der Trend zu Luxusclubs sei "eine logische Folge der schrittweisen Hauptstadtwerdung Berlins", meint ein Sozialwissenschaftler. Zu diesem Coming-out der deutschen Metropole gehören auch die großen gesellschaftlichen Ereignisse, die in der Branche der "Eventmanager" unvermeidlich "Events" heißen: Aids-Gala und Bundespresseball, Ulla Klingbeils "Hut-Party" und Liz Mohns "Rosenball", große Film-, Theater- und Musicalpremieren, PR- und Firmen-Events wie "Das Goldene Lenkrad", die "Adidas-Party" oder, wie demnächst, eine exklusive BMW-Präsentation im "E-Werk", einem sanierten ehemaligen "Techno"-Tempel, die "In-Location" dieser Tage.

Doch immer neue Locations wie das "Radialsystem 5" an der Spree, der "U3"-Tunnel am Potsdamer Platz oder das "Bangaluu" in der Invalidenstraße (Motto: "Easiness and Luxury") ziehen glitzernde Privat-Partys an, bei denen es selbstverständlich die Reichen und Prominenten sind, die keinen Cent Eintritt zahlen und die Hummerkrabben im Dialog mit dreierlei Sößchen verspachteln, als hätte es zu Hause in Grunewald tagelang nur Wasser und Brot gegeben.

"Berlin ist die einzige Stadt, in die man bundesweit einladen kann", sagt Alexandra von Rehlingen, neben Gräfin Hardenberg und Bettina Schrenk (Schrenk & Schrenk) eine der wichtigsten Event-Organisatorinnen am Ort. "Hier feiert jeder gerne."

Man müsste hinzufügen: Jeder, der rein darf.

Ein bisschen Exklusivität muss sein.

Der Beitrag "Die deutsche Hauptstadt zwischen Pleite-Stimmung und Party-Marathon" läuft in "SPIEGEL TV - Magazin" am Sonntag, 10.12. um 23.30 Uhr auf RTL



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