Folgen des Daten-Leaks Kein Anschluss unter dieser Nummer

Der Diebstahl privater Daten sorgt für Verunsicherung in der deutschen Politik. Welche Konsequenzen ziehen die Betroffenen?

Plenum im Bundestag
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Martin Schulz wusste, dass er Opfer eines Verbrechens geworden war, als ihn auf einmal allerhand Unbekannte anriefen. Seine Handynummer stehe im Internet, teilten die Anrufer dem Ex-SPD-Chef mit. Die meisten seien freundlich gewesen, erzählt ein Mitarbeiter. Und neugierig: "Die wollten einfach mal hören, ob da wirklich der Schulz drangeht."

Drei Tage ist es her, seit die Öffentlichkeit erfuhr, dass die Daten von Hunderten Politikern und Prominenten gestohlen und ins Netz gestellt wurden. Wie gehen die Abgeordneten damit um? Martin Schulz hat sich inzwischen eine neue Handynummer besorgt. Auch andere Abgeordnete haben dies nach Bekanntwerden des Datendiebstahls prompt erledigt. In einigen Fraktionen werden zudem Handreichungen und Schulungen vorbereitet.

Die radikalste Reaktion zeigte Grünenchef Robert Habeck. Er kündigte an, künftig auf Facebook zu verzichten. Das erklärte Habeck mit dem Datenklau und der Veröffentlichung "persönlichster Gespräche zwischen mir und meiner Familie". Dass der Grüne zugleich auch Twitter den Rücken kehrt, begründete er mit einem Fehler bei einem Wahlkampfvideo.

"IT-Bedrohungslage Gelb"

Die Beispiele zeigen: Der Datendiebstahl sorgt für reichlich Verunsicherung im Bundestag. Viele Abgeordnete fühlen sich nicht ausreichend geschützt, manche werfen den Behörden vor, sie erst spät über den Angriff informiert zu haben.

Am Freitag verschickten das Bundeskriminalamt (BKA) und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) Briefe an alle Bundestagsabgeordneten. Das BKA warnt darin, es sei möglich, "dass die betroffenen Personen Ziel beispielsweise von (anonymen) Beleidigungen und Bedrohungen oder vereinzelt Sachbeschädigungen werden könnten".

SPD-Chefin Andrea Nahles beklagt, dass ihre private Anschrift veröffentlicht wurde. Das habe sie verletzt, sagte sie dem Südwestrundfunk. Auch mit Blick auf ihre kleine Tochter wolle sie "eine gewisse Privatsphäre wahren".

Im Schreiben des BSI ist von einer "IT-Bedrohungslage Gelb" die Rede, "mit verstärkter Beobachtung von Auffälligkeiten unter temporärer Beeinträchtigung des Regelbetriebs". Die Behörde gibt dann Tipps, was die Abgeordneten tun können - zur Bereinigung und zur Prävention.

So gelte es bei der Änderung der Zugangsdaten verschiedener Accounts die Reihenfolge zu beachten. "Zu Beginn der Bereinigungsmaßnahmen sollte daher kurz geprüft werden, wie Accounts miteinander zusammenhängen. Anschließend sollte mit den Accounts (meistens Postfächer) begonnen werden, die für das Zurücksetzen von Passwörtern verwendet werden."

SPD fordert Vorschläge von Seehofer

Der SPD-Abgeordnete Helge Lindh hat für sich die Lehre gezogen, stärkere Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Er melde außerdem "alle Auffälligkeiten, Drohungen und verdächtigen Vorgänge" der Polizei, sagt Lindh, der bereits im März 2018 Opfer eines Hackerangriffs geworden war. Er fordert, Abgeordnete müssten besser abgeschirmt werden, die Rolle des BSI sei "dringend zu klären".

Sein Fraktionskollege Burkhard Lischka ergänzt, "der Umstand, dass offensichtlich über Wochen unbemerkt von staatlichen Behörden Daten von Hunderten Politikern, Journalisten und Prominenten veröffentlicht wurden, wirft die Frage auf, ob wir in Deutschland wirklich gut vorbereitet sind, wenn es um gezielt platzierte Daten-Leaks geht". Er erwarte von Innenminister Horst Seehofer (CSU) konkrete Vorschläge, wie die Cybersicherheit verbessert, die Zusammenarbeit der Behörden intensiviert sowie Arbeitsabläufe und Verantwortlichkeiten klarer und verbindlicher implementiert werden können.

Auch bei der Linkspartei gibt es Überlegungen, welche Konsequenzen man aus dem Datendiebstahl zieht. "So etwas verunsichert natürlich", sagt Jan Korte, Parlamentarischer Geschäftsführer der Linksfraktion. "Ich glaube, dieser Fall wird die Kommunikation verändern. Man muss eben wieder mehr direkt miteinander reden, und sich zum Beispiel nicht mehr so viel über Messenger austauschen."


SPIEGEL ONLINE berichtet ausführlich über die Hackerangriffe gegen Politiker und Personen des öffentlichen Lebens. Mit Details aus den Datendiebstählen gehen wir allerdings zurückhaltend und vorsichtig um. Privatadressen, Telefonnummern oder weitere Informationen, an denen nach jetzigem Kenntnisstand kein öffentliches Interesse besteht, veröffentlichen wir nicht.



insgesamt 35 Beiträge
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Nonvaio01 07.01.2019
1. loooool
ich lache mich nur noch kaputt...da sieht man erst wie dumm unsere Politiker sind wenn es ums Intenet geht...und die sin dfuer die Zukunft verantwortlich......kein wunder das immer die falschen gesetzte erstellt werden wenn es ums internet geht.
spon-facebook-10000034826 07.01.2019
2. Politiker und Bürger. 2 Klassen?
...waren das dieselben Politiker, die einen (Staats)Trojaner auf die Rechner aller Bürger installieren wollten? Und da soll man jetzt Mitleid haben?
alfredo24 07.01.2019
3. IT ist doch nicht so einfach. Nicht nur die Technik,
sondern auch der Umgang damit. Die Politiker sollen einfach auf ihre persönlichen Daten besser aufpassen. Was nicht freiwillig ins Internet gestellt wird, kann auch nicht veröffentlicht werden. Gerade die Politiker wissen es besonders genau, dass es keine 100%ige Sicherheit geben kann. Was soll dann diese Aufregung? Martin Schulz soll sich einfach eine andere Handy-Nummer geben lassen und vorsichtig damit umgehen und er bekommt keine unerwünschten Anrufe mehr. Robert Habeck soll einfach sich etwas mehr Zeit nehmen und dann erst seine Worte veröffentlich lassen. Am besten, er lässt einfach einer anderen GrünIn darüber lesen, bevor gerade Begriffe wie Demokratie bzw. fehlende Demokratie in manchen Zusammenhängen zu locker ausgesprochen werden.
artep 07.01.2019
4. Eigentlich
Eigentlich kann man sich bei dem oder den Hacker/n nur bedanken, weil sie aufgezeigt haben, was für ein Wahnsinn im Netz betrieben wird und wie unkontrollierbar es ist. Private Veröffentlichungen wie die Adresse von Andrea Nahles sind da nur Peanuts. Lebenswichtige Daten, wie Daten von AKWs, Wasserversorgung und Stromversorgung sind wahrscheinlich längst geknackt und es braucht gar keinen Krieg mehr, um ein Volk zu besiegen.
gägge 07.01.2019
5.
Abklemmen, ausschalten ? Tüt - tüt - tüt, kain Anschaluss unter diésär Nohummär ! Uh, Herg..t noch mal, bei Teutatus, hat doch wieder jemand die Zettel verwechselt ! Welchen Akksang soll ich denn jetzt imitieren !? Kongonäsisch ? Sudanösisch ? Mittel-Ost-Nord-Sud-inselisch Chinousisch ? Kanad'isch kann isch a noch. Québecquois ? Hindi ? Himmel noch mal, ich bin doch auf (oder unter) Rotumeroog, Telearbeit per Sat ! Können die Chefs sich nicht mal auf etwas einigen, damit man weiß wo's langgehen soll ? Blubb-blubb Spongebob :-( Weg war er, weg bin ich. Durch Zeichnungen von K Stuttmann inspierierationniert... Gruß ihm ! :-)
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