Cameron-Nachfolge Thatchers Erbinnen

Boris Johnson rächt sich an Michael Gove: Der ausgebremste Brexit-Anführer unterstützt Andrea Leadsom für die Cameron-Nachfolge. Das Rennen um die Downing Street könnten nun zwei Frauen unter sich ausmachen.
Andrea Leadsom, Theresa May

Andrea Leadsom, Theresa May

Foto: AFP / Getty

Der Satz ging an eine klare Adresse: Es könne nicht sein, sagte Andrea Leadsom, dass die EU-Ausländer in Großbritannien "Druckmittel in unseren Verhandlungen sind". Eine unmissverständliche Ansage an die Innenministerin Theresa May. Die hatte tags zuvor erklärt, dass man im Falle von Brexit-Gesprächen mit Brüssel auch über das Bleiberecht der EU-Bürger reden müsse, die bereits seit Jahren in Großbritannien leben.

Vordergründig geht es um eine von vielen Fragen, die das Brexit-Votum aufgeworfen hat. Parteipolitisch geht es aber auch um Abgrenzung. May will neue Chefin der britischen Konservativen werden - und damit auch die nächste Premierministerin des Vereinigten Königreichs. Leadsom will es auch.

Die beiden Tory-Politikerinnen sind mittlerweile die Favoriten auf die Nachfolge von David Cameron. Erstmals seit Margaret Thatcher könnte wieder eine Frau in die Downing Street ziehen. Das sah bis vor Kurzem noch völlig anders aus: Lange hieß der Favorit Boris Johnson. Der frühere Londoner Bürgermeister war das Gesicht der Brexit-Kampagne und damit nach Camerons Rücktrittsankündigung erster Anwärter auf die Führung von Partei und Regierung.

Johnson unterstützt Leadsom gegen Gove

Doch Johnson wurde Opfer eines Coups: Sein Wahlkampfchef, Justizminister Michael Gove, kündigte vergangene Woche überraschend an, selbst zu kandidieren. Johnson wurde kalt erwischt - und zog zurück. Und Gove? Das Machtmanöver scheint sich für den gebürtigen Schotten nicht auszuzahlen. Abgeschreckt von der Illoyalität kehren ihm immer mehr Tory-Abgeordnete den Rücken zu - und schwenken zu Andrea Leadsom über.

Am Montagabend warf auch Boris Johnson sein Gewicht hinter Leadsom. Auf Twitter und Facebook erklärte er, warum er die frühere Bankerin für die beste Kandidatin hält.

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Am Dienstag startet die erste Runde der Kandidatenkür bei den Tories. Offiziell haben sich bislang knapp 30 Parlamentarier der Konservativen zu der Staatssekretärin im Energieministerium bekannt. Bei Michael Gove sind es ähnlich viele. Allerdings, berichtet der britische Guardian, ist das Leadsom-Lager hinter den Kulissen bereits deutlich stärker angewachsen.

Damit wird Leadsom zur Herausfordererin Nummer eins von Theresa May, die derzeit auf knapp über 100 Stimmen der 300 Tory-Abgeordneten kommt. Wenig Aussichten dürften Stephen Crabb und Liam Fox haben.

Auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Frauen deutet auch eine nicht-repräsentative Umfrage des Polit-Portals "Conservative Home" unter Parteimitgliedern hin. Dort liegt Leadsom sogar leicht vor May. Und wenn die Tory-Parlamentarier zwei Kandidaten gekürt haben, entscheidet am Ende die Basis.

Schwierige Aufgabe

Auf die neue Premierministerin wartet die schwierige Aufgabe, das gespaltene Land und die zerstrittene Partei zu einen - und gleichzeitig durch die kaum kalkulierbaren Brexit-Verhandlungen zu führen. Auf eine breitere Unterstützung in der Bevölkerung darf möglicherweise Theresa May hoffen. Die 59-Jährige hatte sich vor dem Referendum für den Verbleib in der EU ausgesprochen - bei der Kampagne hielt sie sich aber zurück. Nach der Abstimmung erklärte sie, der Ausstieg müsse nun durchgezogen werden. Letztlich könnte sie mit dieser Strategie sowohl im Lager der Brexit-Befürworter als auch bei den Gegnern punkten.

May ist eine erfahrene Politikerin. Seit 1992 sitzt sie im britischen Unterhaus, 2010 übernahm sie das Innenressort. In der Migrationspolitik gilt sie als Hardlinerin, im Rahmen eines Handelsabkommens mit Brüssel will sie die Einwanderung von EU-Bürgern begrenzen. May gilt als eigentlich kühl und konservativ. Im Wahlkampf öffnet sie sich nun. Als sie von ihrer Kinderlosigkeit und ihrer Diabetes-Erkrankung berichtete, sorgte das auf der Insel für ein großes Medienecho.

Einen festen Zeitraum für den Brexit will May nicht festlegen. Andrea Leadsom hingegen macht Druck: Sie will den Austrittsantrag nach Artikel 50 des Vertrages von Lissabon schon im September stellen und die Gespräche mit den EU-Partnern dann "so schnell wie möglich" führen.

Die 53-Jährige, die seit 2010 im Unterhaus sitzt, hat in den vergangenen Jahren bereits Erfahrung mit Brüssel-Verhandlungen gesammelt. Unter dem Namen "Fresh Start" sammelte sie eine Gruppe von Abgeordneten, die für eine grundlegende EU-Reform warben. Im Auftrag von David Cameron sondierte Leadsom 2013 und 2014 bei den EU-Partnern, zu welchen Zugeständnissen diese bereit wären, um Großbritannien in der Gemeinschaft zu halten. Als diese Bemühungen scheiterten, wechselte Leadsom ins Brexit-Lager und wurde zu einem der sichtbarsten Mitglieder der "Leave"-Kampagne.

An Selbstbewusstsein mangelt es der energischen Frau nicht. Am Montag erklärte sie: "Ich bin besser vorbereitet für die bevorstehenden Verhandlungen als irgendjemand anderes."

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Cameron-Nachfolge: Diese Tories trauen sich

Foto: DYLAN MARTINEZ/ REUTERS
So läuft der Auswahlprozess

Fünf Politiker kandidieren für den Tory-Vorsitz. Sie stellen sich in mehreren Wahlgängen den konservativen Abgeordneten. Der Bewerber mit den jeweils wenigsten Stimmen scheidet aus. Am 5. Juli findet die erste Wahl statt. Weitere Wahlgänge folgen am 7. Juli und am 12. Juli.

Die letzten beiden Kandidaten treten in einer Urabstimmung unter den 150.000 Parteimitgliedern an. Der Sieger wird am 9. September bekannt gegeben. Es gilt als ausgemacht, dass er oder sie auch neuer Premier wird.

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