Cameron-Nachfolge Ein Aufsteiger, eine eiserne Lady - und eine Überraschung

Wer den Job gewinnt, darf Großbritannien aus der EU führen: Diese Tory-Politiker wollen David Cameron als Parteichef und Premierminister beerben.

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Eine Woche ist das Brexit-Votum her, und noch immer ist unklar, wer die Verhandlungen über den EU-Austritt des Landes führen wird. Immerhin kommt bei den britischen Konservativen jetzt Bewegung in die Nachfolgerfrage: Seit Donnerstagmittag stehen die Anwärter auf das Amt des Parteivorsitzenden fest. Mehrere Tory-Größen wollen Premier und Parteichef David Cameron nachfolgen, der nach dem Referendum seinen Rücktritt angekündigt hatte.

Cameron will es seinem Nachfolger überlassen, in Brüssel offiziell den Antrag Großbritanniens auf Austritt aus der EU zu stellen und die Verhandlungen darüber zu führen. Die Personalie wird den Post-Brexit-Prozess also entscheidend prägen. Ein neuer Parteichef würde gleichzeitig auch den Posten des Premierministers übernehmen.

Brexit-Wortführer Boris Johnson hat sich in letzter Minute überraschend gegen eine Kandidatur entschieden. Zuvor hatte ebenso überraschend sein Mitstreiter, Justizminister Michael Gove, sich selbst ins Rennen geschickt. Als Favoritin aber gilt bislang die britische Innenministerin Theresa May.

Was unterscheidet die Bewerber? Alle Anwärter auf den Tory-Vorsitz im Überblick.


1. Theresa May: die Eiserne Lady

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Wer ist sie? Die Innenministerin gilt als aussichtsreichste Anwärterin auf die Spitzenposten in Partei und Regierung. Die 59-Jährige ist wie die meisten Tories eine EU-Skeptikerin, sprach sich im Brexit-Wahlkampf aber für einen Verbleib Großbritanniens in der EU aus. In zwei Cameron-Kabinetten profilierte sich May mit einer harten Linie zu den Themen Einwanderung, Terrorabwehr, Überwachung, Polizei, Kampf gegen Kindesmissbrauch. Kaum jemand hielt sich bisher so lange an der Spitze des Innenressorts.

Was kann sie? Der "Daily Telegraph" nannte die Innenministerin schon 2010 einen "aufgehenden Stern", als "Eiserne Lady im Wartestand" betitelte sie der "Independent" drei Jahre später. Mitarbeiter beschreiben sie als diszipliniert und kompetent, freundlich, aber nicht unbedingt zum Smalltalk neigend. Sie studierte in Oxford (wie die frühere Premierministerin Margaret Thatcher und Noch-Premier Cameron), arbeitete für die englische Notenbank und stieg in die Lokalpolitik ein, noch bevor sie 30 wurde.

Was will sie? Als Innenministerin vertrat sie eine kompromisslose Law-and-Order-Politik. Im Anlauf zum Brexit-Referendum schlug sie sich auf die Seite von Camerons Pro-EU-Lager, hielt sich aber im Wahlkampf zurück. Das könnte ihr jetzt nützen: In der gespaltenen konservativen Partei sehnen sich viele nach Versöhnung der beiden Lager. May würde den Ausstieg Großbritanniens bei der EU frühestens Ende 2016 beantragen, Neuwahlen vor 2020 lehnt sie ab.

Video: Theresa May will in die Downing Street 10

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2. Michael Gove: der Ideologe

Michael Gove
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Michael Gove

Wer ist er? Justizminister Michael Gove war einer der Chefideologen der Brexit-Kampagne. Der frühere "Times"-Journalist sitzt seit 2005 im britischen Parlament. Unter Cameron war er zunächst Bildungsminister und stieß eine große Schulreform an. Gerade steht er im Fokus der Schlagzeilen, weil eine E-Mail seiner Ehefrau Sarah Vine nach außen drang: Darin wurde deutlich, dass sich das Brexit-Duo Gove und Johnson sehr voneinander entfernt hat.

Was kann er? Gove gilt als strammer Konservativer, ist aber kein Reaktionär: Er hat die Partei maßgeblich mit modernisiert. Viele in der Partei schätzen ihn als intellektuellen Kopf, er hat Unterstützer in beiden Lagern. Er selbst hatte jahrelang gesagt, seine Haut sei nicht dick genug, um Premierminister zu sein.

Was will er? Offenbar wollte er vor allem Boris Johnson als Premier verhindern. Wenige Stunden vor Ablauf der Frist verkündete Gove überraschend seine eigene Kandidatur - und entzog Johnson öffentlich das Vertrauen. Dieser habe nicht genug "Führungskraft", um die Herausforderungen eines Brexit zu bewältigen, und sei nicht in der Lage, ein geeignetes Team zu bilden. Kurz darauf erklärte Johnson, nicht antreten zu wollen. Inhaltlich hat Gove sehr klare Vorstellungen: Unter anderem will er Großbritannien möglichst weit vom EU-Binnenmarkt abkoppeln und den Handel weltweit neu ausrichten.


3. Liam Fox: der rechte Hardliner

Liam Fox
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Liam Fox

Wer ist er? Liam Fox war im ersten Kabinett Cameron Verteidigungsminister. Er ist seit Jahren ein klarer EU-Gegner und eine Galionsfigur der Parteirechten. Der Brexit ist aus seiner Sicht der einzig richtige Weg.

Was kann er? Der 54-Jährige war vor seinem Politikerleben Mediziner. 2005 verlor er die Wahl zum Parteivorsitz gegen Cameron. 2011 musste er als Verteidigungsminister zurücktreten, weil er einen Freund und Rüstungslobbyisten mehrfach auf Dienstreisen mitgenommen hatte.

Was will er? Fox ist ein Kritiker der Modernisierung, die die Tories unter Cameron erlebt haben. Nach dem Brexit-Streit hat er betont, dass er die Konservativen wieder einen, die Flügel wieder versöhnen möchte. Das könnte ein erklärtes Ziel seiner Kandidatur werden.


4. Stephen Crabb: der Aufsteiger

Stephen Crabb
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Stephen Crabb

Wer ist er? Der Renten- und Arbeitsminister Stephen Crabb ist weitgehend unbekannt. Der 43-Jährige demonstriert gerade eine ordentliche Portion Ehrgeiz: Minister ist er erst seit wenigen Monaten, trotzdem greift er nach dem wichtigsten Posten.

Was kann er? Anders als Cameron oder May gehört Crabb nicht zum politischen Establishment. Er wuchs mit zwei Brüdern und seiner alleinerziehenden Mutter in einer Sozialwohnung auf, jobbte als Student auf Baustellen und machte später den Abschluss an der London Business School. Seine Karriereschritte: Wahl ins Parlament, die Ernennung zum Minister für Wales, der Weg ins Kabinett Cameron - das alles binnen weniger Jahre.

Was will er? Crabb sagt, als Regierungschef werde er enge Beziehungen zur EU suchen - auch außerhalb der Gemeinschaft. Das Brexit-Referendum habe ein klares Resultat ergeben, eine zweite Volksbefragung werde es nicht geben. Vorgezogenen Wahlen in Großbritannien steht Crabb skeptisch gegenüber. "Die Antwort auf Instabilität ist nicht die Schaffung neuer Unsicherheit."


5. Andrea Leadsome: die Unbekannte

Andrea Leadsome
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Andrea Leadsome

Wer ist sie? Ministerin war Leadsome noch nie, obwohl sie seit 2010 im Unterhaus sitzt und sich durchaus für das eine oder andere Amt empfohlen hätte. Allerdings hatte sie es sich 2012 mit Schatzkanzler George Osborne verscherzt - und der ist offenbar nachtragend. Erst im Mai 2015 wurde sie immerhin Staatsministerin für Energie und Klimawandel.

Was kann sie? Bis zu ihrem Wechsel in die Politik machte die dreifache Mutter in der "City" als Finanzexpertin Karriere. In den TV-Debatten hat Leadsome auch neben den Routiniers Cameron und Johnson eine gute Figur gemacht - und sich als eine der wichtigsten Fürsprecherinnen für den Brexit profiliert.

Was will sie? "Lasst uns alles aus den Möglichkeiten machen, die uns der Brexit bietet" - mit diesen Worten reihte sich Leadsome in die Reihe der Kandidaten für die Cameron-Nachfolge ein. Sie hat während des Wahlkampfs laut für einen Ausstieg aus der EU getrommelt. Und ihre Chancen auf das Amt des Premier sind durchaus ordentlich: Erste Umfragen sehen sie auf einem der vorderen Plätze.


Weitere Kandidaten: Auch Energieministerin Andrea Leadsom will Cameron als Parteichefin beerben, wie sie auf Twitter mitteilte. Leadsom hatte sich für einen Brexit ausgesprochen.


So geht es jetzt weiter: Das Bewerberfeld wird am kommenden Montag per Abstimmung der Tory-Abgeordneten auf zwei Kandidaten verkleinert. Dabei gelten Michael Gove und Theresa May als Favoriten. Über die verbleibenden Kandidaten sollen dann die rund 150.000 Parteimitglieder per Briefwahl entscheiden. Das Ergebnis wird für den 9. September erwartet.

amz/dpa/AFP/Reuters



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