DDR-Aufarbeitung Krenz-Truppen machen mobil

Er war die letzte Symbolfigur des SED-Regimes, saß wegen der Todesschüsse an der Mauer jahrelang im Knast: Offiziell wurde Egon Krenz von der Linken verbannt - doch intern sind die Genossen längst mit dem Altkader versöhnt. Viele Mitglieder wünschen sich seine Wiederaufnahme.

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Berlin - Die hohe Kunst der Dialektik beherrscht Dietmar Bartsch, 50, wie kaum ein anderer. Der Bundesgeschäftsführer der Linken kann fast in einem Atemzug Distanz zu den Altvorderen seiner Partei bekräftigen und sich doch zu ihnen bekennen. Natürlich gelte der Beschluss weiter, sagt Bartsch, wonach der frühere SED-Generalsekretär aus der Partei ausgeschlossen sei. Aber selbstverständlich, ergänzt er, habe er einen Draht zu ihm, "dem Egon".

Ex-SED-Chef Egon Krenz: Von der Basis gemocht
DDP

Ex-SED-Chef Egon Krenz: Von der Basis gemocht

Die Rede ist von Egon Krenz, früherer Chef der SED-Jugendorganisation FDJ, letzter Generalsekretär der SED, 1990 ausgeschlossen aus der SED-PDS, 1997 verurteilt wegen Totschlags als Mitverantwortlicher für die Toten an der Grenze.

Vergangenen Mittwoch gab es in Berlin öffentlich Anschauungsunterricht in Sachen Dialektik, SED-Geschichte und Linkspartei. Im Haus der Parteizeitung "Neues Deutschland" las Krenz, 71, aus seinen "Gefängnisnotizen". Es ist ein Buch über seine Zeit als "politischer Häftling".

Seine Lesung war keine offizielle Parteiveranstaltung. Aber sie fand auf Einladung der Zeitung statt. Sie wurde zu einer Art SED-Sonderparteitag. Als sei gerade Freigang im Wachsfigurenkabinett des Staatssozialismus füllte SED-Prominenz den Saal: Wolfgang Schwanitz erschien, zuletzt stellvertretender Minister für Staatssicherheit. Manfred Hummitzsch, ehemals Stasi-Chef in Leipzig, war da, und Klaus Höpcke, in der DDR stellvertretender Kulturminister. Dazu viele schwarze Handgelenktaschen, graue Bundjacken, sogar lila Haare, wie sie einst Margot Honecker liebte.

"Wir sind die Fans von Egon Krenz"

Es gibt unzählige solche Veranstaltungen im Umfeld der Linken, der angeblich gänzlich neuen Partei. Man kann sie als DDR-Folklore abtun, man kann aber auch fragen, wie glaubwürdig die Abgrenzung der Linken zu den Mächtigen der Vergangenheit ist. Was die Piusbrüder für die katholische Kirche sind, das sind die Altkader für die Linke – ein gewaltiges Problem, vor allem im Jahr des Gedenkens an den Herbst 1989.

Offiziell hat die Partei die Verbindungen zur alten SED gekappt, gleichzeitig ist sie auf die Unterstützung und die Stimmen der Altkader angewiesen. Ein wenig Nähe zur letzten Symbolfigur des SED-Regimes kann da nicht schaden, selbst wenn es sich um einen rechtskräftig verurteilten Totschläger handelt. Viele Genossen haben längst ihren Frieden mit Krenz geschlossen, der 1990 wegen "Schönfärberei" und "Egoismus" aus der Partei gefeuert worden war.

An der Basis der Partei wird der Mann gemocht. Rolf Zaspel, 59, früher Fregattenkapitän der DDR-Marine, ist Vorsitzender des Kreisverbandes der Linken in Nordvorpommern. Der Ort Dierhagen, in dem Krenz wohnt, liegt in seinem Einzugsgebiet. Zaspel kommt schnell der alte Slogan aus jener Zeit über die Lippen, als Krenz noch Chef der FDJ war: "Wir sind die Fans von Egon Krenz". Krenz mache Lesungen, die Genossen gingen gerne hin. Immer volles Haus.

Willkommensfest im Autohaus

Im Knast konnte sich Krenz der Genossensolidarität stets sicher sein. Der damalige Europaabgeordnete Hans Modrow schrieb an die Justizverwaltung, der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrke, auch Berliner Abgeordneter der PDS. Sie baten um Besuchserlaubnis, sie beklagten die angebliche Diskriminierung des Häftlings nach einer Verlegung. Dabei versuchte die Verwaltung lediglich, ihren prominentesten Gefangenen zu schützen.

Im Januar 2000 gab es eine Bombendrohung gegen die Haftanstalt, in der Krenz saß, es gab Steinwürfe und eingeschmuggelte Kameras. Bis zu tausend Mark waren für Exklusivfotos von Häftling Krenz geboten worden. Aber das interessierte die Genossen draußen nicht. Es passte nicht in ihr Bild von der "BRD". Sie sahen nur ihren tapferen Krenz, der sich als braver Häftling erwies. Fast immer kam er vorzeitig von Freigang und Hafturlaub zurück.

Als er nach knapp vier Jahren entlassen wurde, konnte Krenz endlich für den Beistand danken. Rund hundert Gäste feierten im Januar 2004 in einem Rostocker Autohaus die Freilassung. Parteichef Lothar Bisky war dabei, der genau wie Krenz beteuert, einen generellen Schießbefehl habe es nicht gegeben.

Schriftlicher Versöhnungsantrag aus der Basis

Bartsch und Krenz trennen politisch Welten, aber sie sind Nachbarn mit gutem Kontakt. Bartsch wohnt in Prerow, 30 Kilometer von Dierhagen entfernt. Aber zu große Nähe ist auch nicht gut. Verflixte Dialektik.

Denn Bartsch hat auch die Aufgabe, "den Egon" von der Partei fernzuhalten, was nicht immer ganz leicht ist. An der Basis würden viele "den Egon" gerne wieder aufnehmen. 20 Jahre später, in die neue Partei. Schriftlich wurde der Versöhnungswunsch der Parteiführung angetragen.

Aber natürlich wollte Bartsch nicht die Symbolfigur der SED in der Partei Oskar Lafontaines holen. Also traf sich der Dietmar mit dem Egon und bat ihn um einen letzten Dienst an der Partei. Er solle doch bitte keinen Aufnahmeantrag stellen. Krenz tat ihm den Gefallen.

Wahrheitsgemäß konnte Bartsch den Genossen von der Basis danach mitteilen, Krenz wolle gar nicht in die Linke. Und öffentlich erklären, mit den Krenz-Truppen im Saal des "Neuen Deutschland" habe seine Partei nichts zu tun.



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