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Opfer des DDR-Grenzregimes: 327 Namen und Gesichter

Foto: Jens Wolf/ dpa

Studie 327 Todesopfer an innerdeutscher Grenze

Fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR haben Forscher erstmals die Geschichten der Toten an der innerdeutschen Grenze dokumentiert. Sie wurden erschossen oder von Minen zerfetzt.

Insgesamt 327 Menschen aus Ost und West sind der DDR-Abschottungspolitik zum Opfer gefallen. 80 Prozent davon waren jünger als 35, wie Wissenschaftler der Freien Universität Berlin in einer neuen Studie nun dokumentierten. Nach fünfjährigen Recherchen legte der Forschungsverbund "SED-Staat" der FU damit erstmals Zahlen zu den Toten an der einstigen deutsch-deutschen Grenze vor. Die Wissenschaftler gingen dafür fast 1500 Verdachtsfällen seit der Gründung der DDR bis zur Grenzöffnung 1989 nach.

Die Zahl der Mauertoten in Berlin war schon in einem Vorgängerprojekt bis 2009 erforscht worden: Mindestens 139 Menschen kamen dort bei Fluchtversuchen ums Leben, insgesamt beläuft sich die Zahl der Grenztoten laut Forscher auf etwa tausend. Mit der neuen Untersuchung sei jetzt die Aufarbeitung der Todesfälle an der knapp 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze abgeschlossen, hieß es.

Emanuel Holzhauer ist das jüngste Opfer des DDR-Grenzregimes, dessen Schicksal Wissenschaftler der Freien Universität Berlin jetzt rekonstruiert haben. Das sechs Monate alte Baby sei mit Schlafmitteln ruhiggestellt worden und im Kofferraums eines Fluchtautos bei großer Hitze am Grenzübergang Marienborn erstickt. Die ebenfalls im Auto versteckten Eltern sollen 25.000 Mark für die Flucht aus der SED-Diktatur gezahlt haben.

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Opfer des DDR-Grenzregimes: 327 Namen und Gesichter

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"Diese Grenze war, wenn der Zynismus erlaubt ist, noch brutaler als die Berliner Mauer", sagte Projektleiter Klaus Schroeder zu den Fluchtversuchen abseits der durch die Mauer verbarrikadierten DDR-Hauptstadt Ostberlin. "Menschen, die auf Bodenminen traten, sind zerfetzt worden, zum Teil sind sie im Unterholz nicht gesehen worden, Monate später wurden sie skelettiert als Leichen gefunden."

Landminen rissen 81-jährigem Bauern die Beine aus

Kulturstaatsministerin Monika Grütters rief dazu auf, die Erinnerung an die Schrecken des DDR-Grenzregimes wachzuhalten. Die Ergebnisse würden den Opfern wieder Namen und Gesicht geben, sagt die CDU-Politikerin bei der Vorstellung der Ergebnisse eines Forschungsprojekts. "Das sind wir den Menschen schuldig, die für Freiheit und Selbstentfaltung ihr Leben ließen."

Ältestes Opfer war dem Totenbuch der Forscher zufolge ein 81-jähriger Bauer aus Niedersachsen, der 1967 irrtümlich in ein Minenfeld geriet. "Landminen rissen ihm beide Beine ab. Sein Todeskampf dauerte mehr als drei Stunden", schreiben sie. "Er verblutete unter den Augen eines DDR-Regimentsarztes, der sich nicht in den verminten Grenzstreifen wagte." Die Experten untersuchten auch mehr als 200 Suizide, die es in den Grenztruppen gab - mindestens 44 davon waren dienstlich bedingt.

"Das war keineswegs eine homogene waffenstarrende Truppe", sagte Co-Autor Jochen Staadt zu den Grenzsoldaten. "Es gab sehr viele junge mutige Männer in den Grenztruppen, die sich geweigert haben, die Waffe gegen Zivilpersonen zu erheben."

Das Forschungsprojekt war von Kulturstaatsministerin Grütters mit rund 450.000 Euro unterstützt worden. Weiter nicht endgültig geklärt bleiben vorerst die Todesfälle von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über die Ostsee oder in andere Ostblockstaaten - hier rechnen die Experten nochmals mit 200 bis 500 Opfern.

apr/dpa/AFP
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