DDR-Vergangenheitsbewältigung "Von einem Schlussstrich kann keine Rede sein"

Natürlich hätten es manche Ex-PDS-Leute gern, "dass ihre kleine Mörderrepublik endlich aus dem Fokus kommt", sagt Historiker und NS-Forscher Hans-Ulrich Wehler. Doch die Aufarbeitung der DDR-Geschichte jetzt zu beenden, das sei völlig falsch.


SPIEGEL ONLINE: Im Streit um die Birthler-Behörde gibt es immer wieder Rufe nach einem Schlussstrich unter die DDR-Aufarbeitung - zu Recht?

Hans-Ulrich Wehler: Nein, das wäre fatal. Und zum Glück ist das - außer von manchen Leuten aus der Ex-PDS - nur selten öffentlich zu hören. Natürlich hätten die gern, dass ihre kleine Mörderrepublik endlich aus dem Fokus kommt. Aber das wird nicht geschehen. Die DDR war ein mörderisches Regime, das viele Menschenleben auf dem Gewissen hat. Es gibt keinen Grund, in der Erinnerung daran nachzulassen. Von einem Schlussstrich kann keine Rede sein.

Historiker Wehler: "Eine intensive Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit ist dringend geboten"
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Historiker Wehler: "Eine intensive Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit ist dringend geboten"

SPIEGEL ONLINE: Erinnert Sie die Diskussion ein bisschen an die Schlussstrich-Debatten nach 1945?

Wehler: In der Tat. Damals wurde das unter dem Titel "Vergangenheitspolitik" diskutiert. Man forderte ein "gnädiges Vergessen" - aber dann kamen glücklicherweise der Auschwitz- und der Majdanek-Prozess.

SPIEGEL ONLINE: Bis dahin dauerte es aber beinahe 20 Jahre, das war Anfang der sechziger Jahre.

Wehler: Der erste große Prozess fand schon 1958 in Ulm statt, der sogenannte Einsatzgruppen-Prozess. Aber das Frankfurter Auschwitz-Verfahren seit 1963 sorgte dann tatsächlich für eine ganz breite Öffentlichkeit. So lange dauerte es, bis eine junge Generation von Staatsanwälten aufbegehrte, und richtigerweise reagierte die Justiz in den Ländern und schuf dann die Zentralstelle zur Ermittlung von NS-Verbrechen. In den Schulen hatte man sich bis dahin erfolgreich um die Beschäftigung mit der deutschen Schuld gedrückt - auch damit war es anschließend vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Entsprechend groß war das Interesse von jungen deutschen Historikern. Warum ist das in Bezug auf die DDR anders?

Wehler: Es gab in der Zeit nach der Wende, vor allem Mitte der neunziger Jahre, einen DDR-Boom an deutschen Universitäten. Aber der ist inzwischen sehr zurückgegangen, das stimmt - ich halte das für bedenklich. Dies hat sicherlich auch damit zu tun, dass die wirklich aufregenden Funde in den Akten nicht mehr ohne Weiteres zu erwarten sind. Aber ich sage das jetzt mal etwas volkspädagogisch: Eine intensive Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit ist dringend geboten. Die Konsequenzen dieses Staates sind doch nicht nur in Bitterfeld, sondern auch in der Gesellschaft noch über Jahrzehnte zu beobachten.

SPIEGEL ONLINE: Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit wurde auch nachdrücklich von ausländischen, vor allem US-amerikanischen Historikern angetrieben - bei der Beschäftigung mit dem DDR-Regime ist das weit weniger der Fall…

Wehler: Mitte der neunziger Jahre waren, wenn ich mich recht erinnere, 53 Doktoranden aus den USA auf einmal in den neuen Ländern unterwegs. Aber natürlich hatte die Beschäftigung mit der NS-Zeit in den USA nach 1945 einen anderen Stellenwert: Wie konnte die Industrie- und Kulturnation Deutschland zu einem Vernichtungsstaat werden - das war damals das große Faszinosum für viele junge US-Historiker. Aber ich bin dennoch nicht ganz so pessimistisch, was die Beschäftigung mit der DDR angeht. Ich weiß, dass jedes Jahr in etwa ein halbes Dutzend Dissertationen zu diesem Thema in den USA erscheinen. Natürlich oft über die geheimnisvolle Stasi.

SPIEGEL ONLINE: DDR-Forscher beklagen, dass sich viele in den Neuen Ländern nicht mit ihrer Vergangenheit beschäftigen wollen. Stattdessen klagt man über den Westen, der sich die DDR einverleibt hat. Wie kann man dieses Dilemma lösen?

Wehler: Ich kenne diese Argumente. Aber es ist doch eine Tatsache, dass die DDR in sich selbst zusammengebrochen ist, ökonomisch wie politisch. Die Leute sind doch nicht zufälligerweise zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen. Und die Alternativen zur Wiedervereinigung? Nein, man muss sich dieser bitteren Wahrheit stellen. Natürlich ist das oft schwierig, ich weiß das aus dem eigenen Bekanntenkreis. Plötzlich ist der beste Freund ein Stasi-Zuträger gewesen. Aber alles andere ist doch kollektives Vogel-Strauß-Verhalten. Allerdings sollten wir uns auch nie aufs hohe Ross setzen: Es war ein historischer Glücksfall für den Westen, dass die Grenze so gezogen wurde. Wir hätten uns in einem Sowjet-Staat auch nicht besser verhalten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle kann denn die Birthler-Behörde in der Aufarbeitung künftig noch spielen?

Wehler: Als Historiker bin ich der Meinung, dass der Apparat in das Bundesarchiv überführt werden sollte. Dann wäre man auch endlich jene Mitarbeiter los, die früher bei der Stasi waren. Vor allem aber würde die Arbeit endlich professionalisiert, durch ausgebildete Archivare. Gleichzeitig müsste ein maximal offener Zugang zu den Akten gewährleistet sein. Auch ohne Sperrfristen.

SPIEGEL ONLINE: Manche befürchten, das Ende der Birthler-Behörde bedeutet das Ende der DDR-Aufarbeitung…

Wehler: … nein, nein, so dramatisch ist das sicher nicht. Frau Birthler hat einfach zu viele Fehler gemacht. Die Auseinandersetzungen mit Kohl wegen seiner Stasi-Akten fand ich damals, obwohl ich ihn nie gewählt habe, unsäglich. Und solche Schlampereien wie mit dem jetzt in Magdeburg aufgetauchten Schießbefehl: Jeder, der in den letzten Jahren eine Vorlesung zur DDR besucht hat, wusste von diesem Ende der neunziger Jahre aufgetauchten Dokument. Ihr Vorgänger Gauck und Birthler haben vieles richtig gemacht. Ich glaube, dass die Stasiunterlagen-Behörde in dieser Form eine Notwendigkeit war, weil sie ein bestimmtes gesellschaftliches Bedürfnis erfüllte. Aber jetzt muss professionell aufgearbeitet werden.

Das Gespräch führte Florian Gathmann



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