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Stefan Kuzmany

De Maizières Spielabsage Was wir nicht wissen wollen

Innenminister de Maizière mochte nicht verraten, warum das Länderspiel in Hannover abgesagt wurde - auch, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern. Nicht gerade beruhigend. Aber wahrscheinlich vernünftig.

Na, heute auch schon gelacht über Thomas de Maizière? Ist ja auch wahr: Der Bundesinnenminister hat mit seiner Nicht-Erklärung der Absage des Länderspiels in Hannover einen wunderbaren Anlass geboten, sich endlich mal wieder lustig machen zu können. De Maizière stellte sich auf einer Pressekonferenz kurzerhand selbst die erwartbaren Fragen nach dem genauen Grund der Absage - und dann sagte er, warum er sie nicht beantworten könne: "Ein Teil der Antworten würde die Bevölkerung verunsichern."

Ja, das ist schon lustig: Kaum eine Antwort könnte mehr verunsichern als diese. Der Innenminister behandelt die Öffentlichkeit wie Eltern ihre Kinder, die wissen wollen, worüber die sich gerade gestritten haben: Das musst Du nicht wissen. Der Effekt ist aber keine Beruhigung, sondern noch bangere Sorge. Die Phantasie macht sich selbständig. Ganz bestimmt lassen sich Mama und Papa bald scheiden.

Thomas de Maizière ist kein großer Kommunikator. Was er sagt, wirkt oft, als lese er direkt aus einer Verwaltungsvorschrift vor. Und vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, dass gerade in einer Ausnahmesituation wie dieser jedes Wort eines verantwortlichen Politikers sehr genau gehört und analysiert wird, kann man seine Formulierung für verunglückt halten: Ist es wirklich nötig, die Bevölkerung zu verunsichern, indem man ihr Informationen vorenthält - und darauf auch noch explizit hinzuweisen? Hätte er sich nicht darauf beschränken können, darauf zu verweisen, dass jedes öffentlich preisgegebene Detail die Abwehr des Terrors erschwere? Er hat das gesagt. Nur eben auch den verunsichernden Satz mit der Verunsicherung.

Niedersachsens Innenminister Pistorius, Bundesinnenminister de Maizière, DFB-Delegationsleiter Rauball (v.l.): Die Decke über den Kopf ziehen

Niedersachsens Innenminister Pistorius, Bundesinnenminister de Maizière, DFB-Delegationsleiter Rauball (v.l.): Die Decke über den Kopf ziehen

Foto: Ole Spata/ dpa

Aber vielleicht ist dieser Satz auch schlicht ehrlich: Was er weiß, würde Reaktionen in der Gesellschaft auslösen, die sich die Gesellschaft nicht wünschen kann. Vielleicht ist er deshalb auch vernünftig. Wie hilfreich wäre es, wenn wir zum Beispiel wüssten, dass es Hinweise gab, eine Bombe sei in einem Krankenwagen platziert worden, wie gemeldet wurde? Welchen Nutzen hätten wir von dieser Information? Sollen wir künftig Krankenwagen meiden? U-Bahnen? Bäckereien?

Die Phantasie erlaubt es, sich viele Szenarien auszudenken, viele Methoden von Terroristen, wie sie demnächst morden könnten. Man kann ganze Nächte wachliegen und sich ausmalen, in welcher Situation man demnächst zum Opfer eines Anschlags werden könnte. Und am nächsten Morgen fühlt man sich so elend, dass man am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und liegen bleiben würde. Das hilft niemandem.

De Maizière hat um einen Vertrauensvorschuss gebeten, und wahrscheinlich bleibt uns nichts übrig, als ihm und den Sicherheitsbehörden den auch zu gewähren. Etwas anderes können wir nicht tun, wollen wir uns nicht verrückt machen lassen vom Terror. Wir müssen darauf vertrauen, dass Behörden und Politiker im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten richtig entscheiden, also eine ständige und gute Abwägung treffen zwischen Sicherheit und Freiheit. Über die Gesetze, die Grundlagen dieser Entscheidungen, sollten wir sinnvollerweise alles wissen - und uns über ihre Sinnhaftigkeit streiten.

Aber die Details des nächsten kranken Terrorplots können wir denen überlassen, die sich beruflich damit beschäftigen, ihn zu verhindern. Vielleicht ist es besser, nicht alles zu wissen, was geschehen könnte, was geplant sein könnte, was droht - weil sonst der Alltag unmöglich würde. Und wenn es doch passiert, trotz aller Vorkehrungen der Behörden, werden wir davon erfahren, zwangsläufig. Oder, viel lieber, nachdem ein Anschlag vereitelt wurde. Mir persönlich wäre das früh genug.

Video: "Trauriger Tag für Deutschland"

kicker.de

"Im Zweifel hat der Schutz der Menschen Vorrang", resümierte Innenminister de Maizière. Womit er eines der Schlüsselwörter dieser unsicheren Tage nannte. Denn der Zweifel bleibt. Zum Beispiel der Zweifel, wie in Zeiten der Terrorgefahr mit solchen Großveranstaltungen umgegangen werden soll.

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