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19. Juli 2012, 12:43 Uhr

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

Tabubruch! Welcher Tabubruch?

Eine Kolumne von

Die "tageszeitung" hat die Frage nach der sexuellen Orientierung des Umweltministers gestellt, weil der nach eigenem Bekenntnis lieber allein lebt. Wer keine Frau vorzuweisen hat, muss nach dieser Gleichung automatisch schwul sein - wie spießig ist das denn?

Ist Umweltminister Peter Altmaier schwul? Komische Frage, mögen Sie sagen: Was geht mich das an? Viel wichtiger ist doch, dass er diese verdammte Energiewende hinbekommt, von der man ständig hört, dass sie für das Land weit teurer wird als vorgesehen.

Natürlich haben Sie völlig recht, wenn Sie so denken. Aber so abgeklärt kann man die Dinge nur sehen, wenn man nicht den ganzen Tag in Redaktionskonferenzen hockt, wo man sich zwangsläufig Gedanken über die Leute macht, die an der Spitze des Landes stehen - oder zu dem Teil Deutschlands gehört, der jede private Frage nach wie vor für eine politische hält. Womit wir bei der "taz" wären, die jetzt genau die oben genannte Frage aufgebracht hat, wie es eigentlich um die sexuellen Präferenzen des Kabinettneulings steht.

Den Anstoß zu den Überlegungen gab der Minister mit einem Interview in der "Bild am Sonntag", in dem er auch zu der Frage Stellung nahm, warum man nie eine Frau an seiner Seite sehe. "Der liebe Gott hat es so gefügt, dass ich unverheiratet und allein durchs Leben gehe", antwortete Altmaier in seiner angenehm barocken Art. Das nun wiederum fand die Redaktion der "taz" ein solches "Geschwurbel", dass sie eine Übersetzung beziehungsweise "Dechiffrierung" für nötig hielt, wonach mit dem Bekenntnis zum Alleinleben wohl nur gemeint sein könne, dass Altmaier eigentlich schwul sei, dies offen zu sagen sich aber nicht traue.

Nun halten die Schwurbel-Spezialisten an der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin grundsätzlich jeden für einen Klemmgeist, der sich auf Gott bezieht und damit eine Schicksalsergebenheit an den Tag legt, die in diesen Kreisen schon immer als Ausdruck des Hinterwäldlertums galt. Damit hätte es dann aber auch sein Bewenden haben können, wenn der Redaktion nicht anderntags Bedenken gekommen wären, ob sie mit ihrer Dechiffrierungsnummer nicht zu weit gegangen sei. Also folgte eine Entschuldigung der Chefredakteurin, was wiederum meinen Kollegen Stefan Niggemeier so erzürnte, dass er der "taz" vorwarf, der Tabuisierung der Homosexualität Vorschub zu leisten.

Den meisten ist egal, welche sexuellen Vorlieben Politiker haben

Es scheint unausweichlich, aber jede Diskussion über sexuelle Minderheiten landet irgendwann auf der Ebene der Befreiungstheorie. Die meisten Vertreter der schwulen Sache operieren mit ihren Aufrufen zum Outing bis heute unter der Annahme, dass jedes Bekenntnis ein wertvoller Tabubruch sei. Dieser Lesart zufolge können Spitzenpolitiker über ihre Homosexualität nur kodiert reden, weil die Gesellschaft abweichendes Verhalten bestraft.

Umgekehrt wird daraus für mehr oder weniger bekannte Menschen die Pflicht abgeleitet, sich zu ihrem Anderssein zu bekennen, da nur so auf Dauer eine Normalität hergestellt werden kann, die es Schwulen erlaubt, sich frei in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Die Wahrheit ist, dass es den meisten Leuten ziemlich egal ist, welche sexuellen Vorlieben ihre Politiker haben. Sicher, es ist immer interessant, Näheres über das Privatleben von Prominenten zu erfahren, darauf beruht die Existenz einer ganzen Klatsch-und-Tratsch-Industrie. Aber die wenigsten machen von solchem Nebenwissen ihre Zustimmung, geschweige denn ihre Wahlentscheidung abhängig.

Selbst im konservativen Lager lockt man heute kaum noch jemanden mit dem Bekenntnis zur Homosexualität hinter irgendeinem Ofen hervor. Wer sich als Parteivorsitzenden einen Mann holt, der nicht nur ein uneheliches Kind erwartet, sondern dann auch noch Mühe hat, sich zwischen Geliebter und Ehefrau zu entscheiden, ist so leicht nicht mehr aus der Fassung zu bringen.

So sieht die gesellschaftliche Wirklichkeit aus

Das mag vor einer Generation noch anders gewesen sein, als man als Mitglied der Bundesregierung tunlichst darauf achtete, größere Normabweichungen zu verheimlichen. Aber schon damals konnte jeder, der es partout wissen wollte, herausfinden, welche Männer im Kabinett Kohl nur Männer liebten. Inzwischen sind viele Wähler der Union schon froh, wenn sie nicht jede Woche auf ein neues Familienmodell verpflichtet werden.

Überhaupt kann man sich ja fragen, was heute noch die Norm begründet. Ich habe einmal nachgezählt, wer in der Regierung ganz klassisch in erster Ehe mit mindestens zwei Kindern lebt. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, dann erfüllen 7 von 15 Mitgliedern im schwarzgelben Bundeskabinett dieses Kriterium. Das ist die Minderheit. Die anderen sind geschieden oder kinderlos oder schwul oder weichen aus einem anderen Grund ab. So sieht die gesellschaftliche Wirklichkeit aus, da passt Herr Altmaier in jeder Kombination hinein.

Der Umweltminister selber scheint die Sache entspannt zu sehen. Seine Twitter-Gemeinde ließ er auf Nachfrage wissen, Politiker müssten immer mit "Spekulationen leben". Außerdem habe er viel für Schwule, Frauen und Ausländer in der CDU getan, "weil es mir um Überzeugung, nicht um eigene Interessen ging".

Es mag für einige ein überraschender Gedanke sein: Aber es soll vorkommen, dass man auch als Hetero-Mann nicht die richtige Frau findet. Oder sich für das Alleinsein entscheidet, weil einem das Zusammenleben mit wem auch immer einfach zu anstrengend ist. Das verträgt sich allerdings ganz schlecht mit der Oppressionsthese, die hinter allem eine gesellschaftliche Verantwortung vermutet.

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