Özil-Debatte Merkel hält sich raus

Die Kanzlerin zeigte sich gerne mit Mesut Özil - doch nach seinem Rücktritt belässt es Angela Merkel bei lobenden Worten zum Spieler Özil. Über die politische Debatte verliert sie kein Wort.
Merkel, Özil nach gewonnenem WM-Finale 2014 gegen Argentinien

Merkel, Özil nach gewonnenem WM-Finale 2014 gegen Argentinien

Foto: imago/ ActionPictures

Klar, Angela Merkel ist eigentlich im Urlaub. Aber erstens läuft ein Kanzlerin-Urlaub anders ab als der eines gewöhnlichen Bundesbürgers: regelmäßige Briefings, Telefonate mit ihren wichtigsten Mitarbeitern, Regierungsgeschäfte aus den Ferien, sozusagen. Und zweitens ist der Fall, über den sich Merkel am Montagmorgen mit ihrem Umfeld ausgetauscht haben dürfte, auch für sie ein besonderer.

Unvergessen, wie die Kanzlerin und CDU-Chefin im Oktober 2010 plötzlich in der Kabine der deutschen Fußballnationalmannschaft im Bauch des Berliner Olympiastadions auftauchte, im Schlepptau einen Fotografen des Bundespresseamts - und schon war da dieses Foto: Der 21-jährige Mesut Özil, überragender Spieler beim vorhergegangenen 3:0-Sieg über die Türkei, mit nacktem Oberkörper beim schüchternen Händedruck mit Merkel.

Merkel, Özil 2010 in Kabine des Berliner Olympiastadions

Merkel, Özil 2010 in Kabine des Berliner Olympiastadions

Foto: DPA

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) soll damals nicht so glücklich über die Aktion gewesen sein, Merkel war es umso mehr: Die Kanzlerin eines modernen, weltoffenen Landes mit dem neuen Star der Nationalmannschaft, der eine Migrationsbiografie aufweist. Was für eine Botschaft.

Immer wieder haben sich Merkel und Özil über die Jahre getroffen, nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 auch erneut in der Kabine, diesmal in den Katakomben des Maracana-Stadions im brasilianischen Rio de Janeiro.

Özil war in Wirklichkeit nie ein Muster für Integration, der junge Mann aus Gelsenkirchen wollte diese Rolle auch gar nicht. Die Nationalhymne sang er vor den Länderspielen nicht mit, aus gesellschaftlichen Debatten hielt sich Özil heraus. Der Fußballprofi hatte sich im Gegensatz zu anderen Spielern mit türkischen Wurzeln eben für die deutsche Mannschaft entschieden - und war einer ihrer Stars geworden: Sechsmal wählte man ihn zum Nationalspieler des Jahres.

Vor der Weltmeisterschaft in Russland ließ sich Özil dann gemeinsam mit Ilkay Gündogan, ebenfalls ein Nationalspieler mit deutsch-türkischen Wurzeln, mit Präsident Recep Tayyip Erdogan ablichten. Eine mindestens unglückliche Aktion, was die Kanzlerin seinerzeit auch über ihren Sprecher so kommentieren ließ - aber ob in ihr wirklich der Grundstein für das schlechte deutsche WM-Abschneiden gelegt wurde, wie manche Medien und Teile der Öffentlichkeit behaupten? Wie immer ist die Sache viel komplizierter.

Özil und Erdogan im Mai

Özil und Erdogan im Mai

Foto: Uncredited/ dpa

Dass Özil über seine Social-Media-Kanäle - 70 Millionen Follower - nun mit großem Getöse aus der Nationalmannschaft zurückgetreten ist, darüber konnte die Kanzlerin jedenfalls nach der Vorgeschichte nicht schweigend hinweggehen. Aber Merkel ist dabei ihrem Prinzip treu geblieben, das sie am Freitag bei ihrem letzten Vor-Urlaubs-Auftritt nochmal betonte: Je heftiger Debatten durch Soziale Medien und immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen hochkochen, umso ruhiger will die Kanzlerin auftreten.

Und wann wäre das aus Merkels Sicht mehr angebracht als in diesem Fall? Özil begründet seinen Rücktritt unter anderem mit "Rassismus und fehlendem Respekt", den er in Deutschland verspüre, seine Attacken gegen DFB-Präsident Reinhard Grindel unterlegt Özil ebenfalls mit dem Vorwurf eines "rassendiskriminierenden Hintergrunds". Er schreibt: "In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren." Schwere Vorwürfe, die der DFB inzwischen zurückwies, entsprechend erhitzt läuft die Debatte.

Merkel lässt über ihre Sprecherin ausrichten, sie schätze den Zurückgetretenen sehr. "Mesut Özil ist ein toller Fußballspieler, der viel für die Fußballnationalmannschaft geleistet hat", sagt die Sprecherin. "Mesut Özil hat jetzt eine Entscheidung getroffen, die zu respektieren ist."

Kein Wort, auch nicht auf mehrfache Nachfrage, zu den Folgen für die Integrationsdebatte in Deutschland. Kein Wort zum Rassismusvorwurf, kein kritischer Satz zum DFB. Integration sei "eine Schlüsselaufgabe der Bundesregierung", lässt Merkel noch wissen, und dabei habe der Sport eine wichtige Bedeutung.

Pffft. Die Kanzlerin würde offenbar am liebsten die Luft herauslassen aus dieser Debatte. Aber geht das so einfach? Und wäre es nicht mit Blick auf ihre Beziehung zu Özil angemessen, wenigstens einen bewertenden Satz loszuwerden, der ihm den Rücken stärkt?

Andere Mitglieder der Bundesregierung sind da weit weniger zurückhaltend. "Die Kritik von Özil müssen wir ernst nehmen", sagt Annette Widmann-Mauz, Integrationsbeauftragte und Staatsministerin im Kanzleramt, die gleichsam erneut das Erdogan-Foto von Özil und Gündogan kritisiert. "Wir müssen uns die Frage stellen, ob Spieler mit unterschiedlichem Maß gemessen werden." Es könne nicht sein, findet die CDU-Politikerin, "dass das Verhalten von Özil für das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft verantwortlich gemacht wird. Widmann-Mauz sagt: "Man gewinnt als Mannschaft und verliert als Mannschaft."

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Mesut Özil: Der Rückzug

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Justizministerin Katarina Barley von der SPD nennt es "ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt". Und die SPD-Vorsitzende und Bundestags-Fraktionschefin Andrea Nahles sagt, "das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, insbesondere wenn es einmal schlecht läuft und schnell nach Sündenböcken gesucht wird, droht auf viele Migranten auf und neben dem Fußballplatz überzugehen". Da müsse man "gegenhalten - für ein offenes, tolerantes Land, in dem Rassismus geächtet wird", sagte Nahles der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Man könnte - wohlwollend - von einer Aufgabenteilung sprechen: Merkel bleibt zurückhaltend, andere Vertreter der Regierung und führende Koalitionspolitiker dürfen mitdiskutieren. Die Kanzlerin ist sicher auch deshalb noch vorsichtiger bei dem Thema, weil sie nach den erbitterten Debatten innerhalb der Union um den Kurs in der Flüchtlingspolitik wohl keine große Lust hat, ihren Gegnern bei CSU und CDU neuen Anlass zur Kritik zu geben.

Andererseits: Es geht hier wohl doch um Grundsätzlicheres. In den tausenden Vereinen des DFB gibt es viele kleine Özils. Und ihre Eltern. Ihnen hätten ein paar klare Worte von Merkel bestimmt gut getan.

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