Debatte über Gegenschläge Nur eine Hand voll Mahner

Die USA forcieren unaufhaltsam ihre Vorbereitungen für einen militärischen Vergeltungsschlag. Die Parolen sind eindeutig: Die "zivilisierte Welt" müsse sich gegen das "Böse" wehren. Der Politologe Udo Steinbach kritisiert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Eindimensionalität dieser "Wertedebatte", mit der mögliche Militäraktionen legitimiert werden sollen.

Von Marion Kraske


Flugzeugträger "USS Carl Vinson": Zwangsläufig zum militärischen Gegenschlag?
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Flugzeugträger "USS Carl Vinson": Zwangsläufig zum militärischen Gegenschlag?

Hamburg - Was ist wahr und was nicht - sechs Tage nach den schweren Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington scheint zumindest für die US-Regierung der Fall geklärt: Der saudische Top-Terrorist Osama Bin Laden gilt als Hauptverdächtiger für die Terrorakte. Die Bush-Administration bereitet den Vergeltungsschlag vor, einen lang anhaltenden Feldzug, wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Marschroute für die nahe Zukunft festlegte.

Seit Tagen schwört die US-Regierung die Bevölkerung auf den künftigen Militärschlag ein. Und alle machen mit. Auch in Deutschland scheint die Entwicklung mit schöner Zwangsläufigkeit auf einen militärischen Vergeltungsschlag ausgerichtet zu sein. Bundeskanzler Schröder machte am Sonntagabend deutlich, dass er einen militärischen Beitrag der Bundeswehr "nicht ausschließen könne und wolle". Außenminister Joschka Fischer, der grüne Warner früherer Tage, mahnte zwar "Besonnenheit" an, unterstrich aber zugleich, eine "Eskalation könne sich auch durch Nichtstun" ergeben.

Bisherige Fehlschläge

Über Sinn oder Unsinn eines möglichen Militärschlags wird momentan kaum debattiert. Während die Bush-Regierung ihre "Feldzüge" und "lang andauernden Kämpfe" propagiert, bleiben die konkreten Militärstrategien nebulös. Ein Gegner ist da, ein Feind benannt. Doch reicht das schon, um loszuschlagen? Nur eine Hand voll Intellektuelle erheben sich derzeit in der allgemeinen Kriegsvorbereitungsstimmung - Mahnungen gegen Missiles sind eher selten dieser Tage.

"Ich weiß nicht, wohin sich ein Militärschlag richten soll", warnte der Nahost-Experte Peter Scholl-Latour am Sonntag in der ARD vor unüberlegten militärischen Schnellschüssen. Er befürchte, dass die Nato-Staaten in ein "allgemeines Schlamassel" hineingezogen würden. Scholl-Latour verweist zudem auf die Fehlschläge bisheriger US-Militäraktion im Kampf gegen den islamischen Terrorismus: Sei es der vergebliche Beschuss des Aufenthaltsortes Bin Ladens in den Bergen Afghanistans durch die Clinton-Regierung 1998. Oder die Bombardierung einer vermeintlichen Giftgasfabrik im Sudan - erst später stellte sich heraus, dass es sich um eine pharmazeutische Anlage handelte.

Die Wurzeln des Konflikts hinterfragen

Auch Udo Steinbach, Leiter des Deutschen Orient-Institutes in Hamburg, warnt vor unüberlegten Angriffen. Kritik übt der Politologe vor allem an der aktuellen Wertedebatte. Der Ansatz, dass durch die Terroranschläge "unsere westlichen Werte" herausgefordert seien und nun "das Böse" vernichtet werden müsse, habe bereits im Falle Saddam Husseins zu einer unangebrachten Stilisierung eines neuen Hitler geführt. "Das halte ich für gefährlich", betont Steinbach im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Zu wenig Beachtung findet laut Steinbach derzeit der politische Kontext, in dem die Terrorakte seines Erachtens stattfanden, und führt die Sanktionspolitik der USA gegenüber Saddam Hussein und das Verhalten im Nahen Osten als Beispiele an. Ansätze, die politischen Wurzeln aufzuzeigen, würden von vielen als Versuch gewertet, die Terroranschläge zu relativieren, urteilt Steinbach.

Es gebe derzeit, so der Wissenschaftler gegenüber SPIEGEL ONLINE, bereits eine sehr dramatische ausgeprägte anti-amerikanische Stimmung in der arabischen Welt. Ein schlecht ausgeführter Militärschlag könnte zu einer weiten Solidarisierung in diesen Ländern führen. "Aus diesem sehr gezielten Terrorakt könnte sich ein diffuser Terror entwickeln", befürchtet er. Afghanistan sei zwar das "richtige Ziel", sagt Steinbach, allerdings mache eine solche Militäraktion nur Sinn, wenn man "Bin Laden da rausholt". Keinesfalls dürfe man sich auf einen längeren Kampf einlassen, unter dem vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden hätte.

Warten auf den großen Schlag?

Neben den Politikern scheinen sich auch deutsche Kommentatoren und Berichterstatter mit einer - wie auch immer gearteten - amerikanischen Antwort auf den Terroranschlag abgefunden zu haben. Selten findet sich ein Kommentar, der auf die nicht abzusehenden Folgen einer Militäroffensive eingeht. In Dauer,- Sonder- und Spezialsendungen wartet man vielmehr auf den großen Schlag.

Die Medien in der Kritik: Die Vorwürfe reichen von Täuschung über mangelndes journalistisches Misstrauen bis hin zu Desinformation. Qualität werde zunehmend durch Masse ersetze, kritisierte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, bei einem internationalen Medien-Symposium des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) am Wochenende im italienischen Montepulciano. Friedman monierte, dass viele Medien die These der US-Regierung stützen oder unkommentiert wiedergeben, wonach Osama Bin Laden inzwischen als Hauptverdächtiger der verheerenden Anschläge gilt. "Die Journalisten sind in diesem Extremfall offenbar nicht in der Lage zu fragen, ob Osama Bin Laden einfach die bequemste und am leichtesten zu choreografierende Antwort auf die Frage nach den Drahtziehern der Anschläge ist", so Friedman.

Friedman appellierte an die Journalisten, nicht einfach die Stellungnahmen von Politikern "nachzuplappern". Mit den Ereignissen der letzten Woche sei nicht nur eine neue Dimension der weltpolitischen Auseinandersetzungen erreicht worden, sondern es stellten sich auch neue Herausforderungen an den Journalismus der westlichen Demokratie.

Kampagne der Verdummung

Harsche Kritik gibt es auch in Amerika: In einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" schrieb die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag, die US-Regierung suggeriere den Menschen mit Hilfe der Medien, alles sei unter Kontrolle. Die Einstimmigkeit der realitätsverzerrenden Rhetorik sei "einer Demokratie unwürdig". Noch nie sei Amerika so weit von der Wirklichkeit entfernt gewesen wie am vergangenen Dienstag. "Das Missverhältnis zwischen den Ereignissen und der Art und Weise, wie sie aufgenommen und verarbeitet wurden, auf der einen Seite und dem selbstgerechten Blödsinn und den dreisten Täuschungen praktisch aller Politiker [...] und Fernsehkommentatoren [...] auf der anderen Seite, ist alarmierend und deprimierend", schrieb Sontag weiter.

Nach Ansicht von Sontag, die zahlreiche Bücher zur Medienkritik verfasst hat, hätten sich die Stimmen zu einer Kampagne verdichtet, mit der die Öffentlichkeit "verdummt" werden solle. Wo sei die Einsicht, fragt Sontag, dass es sich bei der Terror-Attacke nicht um einen Angriff auf "Zivilisation", "Freiheit" oder die "freie Welt" handele; sondern "um einen Angriff auf die Vereinigten Staaten, die einzig selbsternannte Supermacht der Welt; um einen Angriff, der als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten unternommen wurde"?

Unberechtigt ist der Fingerzeig wohl nicht: Nach der Mammutberichterstattung über die Nato-Angriffe im Kosovo mussten einige Sender und Blätter im Nachhinein eingestehen, dass tage- und wochenlang die offiziellen Informationen und Einschätzungen ungefiltert und ungeprüft auf den Zeitungsseiten erschienen oder über die Bildschirme flimmerten. Das tägliche Nato-Briefing in Brüssel wurde oft sogar 1:1 live ausgestrahlt.



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