Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Meinung als Verbrechen

Wer sich nicht sofort zur Homo-Ehe bekennt, macht sich der "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" schuldig. Sie halten das für übertrieben? Dann hatten Sie wohl noch nicht mit Debattenwächtern wie Volker Beck zu tun.
Volker Beck: Warum immer auf das höchste aller Rösser?

Volker Beck: Warum immer auf das höchste aller Rösser?

Foto: Uli Deck/ picture alliance / dpa

Volker Beck ist zurück. Zuletzt war es um den grünen Bundestagsabgeordneten ein wenig ruhig geworden. Die Sache mit dem Kindesmissbrauch bei den Grünen hatte den unermüdlichen Streiter für Menschenrechte aller Art vorübergehend außer Gefecht gesetzt. Beck schrieb vor 25 Jahren ein paar Dinge über den Sex mit Kindern, die ihm heute selbst unangenehm sind. Dann führte er die Öffentlichkeit jahrelang an der Nase herum, indem er behauptete, die anstößigen Stellen seien ihm nachträglich hineinredigiert worden. Stimmte leider nicht, wie ein Blick in das Manuskript zeigte, das sich im Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung fand.

Alles vergeben und vergessen. Good old Beck ist wieder da und mit ihm der Kampf für die gerechte Sache. Mit der "Ehe für alle", für die sich Beck seit ein paar Tagen die Finger wund schreibt, hat es noch nicht ganz geklappt. Dafür konnte er jetzt im westfälischen Bielefeld einen Erfolg gegen die "GMF" verbuchen. "GMF" ist das Szenekürzel für "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit", worunter Sozialwissenschaftler die systematische Herabsetzung anderer Menschen als "Syndrom" verstehen.

Meinungsverbrechen, die einen den Job kosten

Krankhafte Menschenfeindlichkeit in Bielefeld? Aber ja: Eine Autorin des "Westfalen-Blattes" hatte einen Leser in einer Ratgeberkolumne in seinem Unbehagen bestärkt, seine beiden Töchter als Blumenmädchen auf die Hochzeit eines schwulen Paares zu schicken. Das würde die Kinder nur durcheinanderbringen, schrieb sie dem Mann. Zwei Tage hielt die Redaktion die organisierte Anfeindung im Netz aus, dann erklärte der Chefredakteur, dass man sich umgehend von der Autorin trennen werde. So schnell begeht man in Deutschland also ein Meinungsverbrechen, das einen den Job kostet.

Für die selbsternannten Strafverfolger ist die westfälische Hochzeitsempfehlung kein Lapsus, den man mal eben durchgehen lassen kann, sondern ein Vergehen, das zeigt, wie tief "Antisemitismus, Homophobie und Rassismus" in Deutschland verankert sind, um in der Terminologie des innenpolitischen Sprechers der Grünen zu bleiben. Als sich der "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt auf Twitter über das Triumphgeheul wunderte, das Beck nach der Kündigung ausstieß, schrieb ihm der Abgeordnete: "Kleiner Selbsttest: #lgbt im Text durch Jude ersetzen und an die Unternehmensgrundsätze denken."

"LGBT" ist das Kürzel für "Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender" (in der grünen Welt liebt man wie bei der Uno Abkürzungen). Mit dem Verweis auf die Unternehmensgrundsätze meinte Beck die Selbstverpflichtung des Springer-Konzerns, allen Angriffen gegen Israel publizistisch entgegenzutreten. Ein Wunder eigentlich, dass die Frau aus Bielefeld nicht längst eine Anzeige wegen Volksverhetzung und Anstiftung zum Rassenhass am Hals hat.

Immer auf das höchste aller moralischen Rösser steigen

Ich bin sehr dafür, dass Leute nach einem Fehlgriff eine zweite Chance bekommen, das gilt auch für Leute wie Volker Beck. Aber warum, um Himmels Willen, müssen sie immer auf das höchste aller Rösser steigen? Würde zur Abwechslung nicht mal ein Moral-Eselchen ausreichen? Offenbar ist der Drang, anderen die Leviten zu lesen, bei bestimmten Menschen so ausgeprägt, dass sie nicht einmal dann davon lassen können, wenn sie allen Grund hätten, ein wenig demütig zu sein.

Im linken Lager hatte man schon immer ein Talent, mit großem Aplomb durch die Tür zu treten, die bereits meilenweit offen steht. Es ist jedenfalls sehr viel angreifbarer, sich gegen die Homo-Ehe auszusprechen, als ein Bekenntnis für die selbige abzulegen. Ich kenne überhaupt nur zwei Journalisten in Deutschland, die öffentlich bekennen, dass ihnen bei dem Gedanken an die Ausweitung der Ehe unwohl ist. Der eine ist Jasper von Altenbockum von der "FAZ", der andere Mathias Matussek.

Matussek hat vor einem Jahr in der "Welt" dazu einen Text geschrieben , der ihm so um die Ohren geflogen ist, dass seitdem immer drei Chefredakteure auf alles sehen, was er abliefert. In der Redaktion musste eine Vollversammlung anberaumt werden. Ein Redakteur rief mit zitternden Stimme, Matussek habe das Aufbauwerk von 15 Jahren ruiniert, was immer das heißen mag. Bis heute wird sein Name auf den Gängen der "Welt" nur wispernd genannt.

Es ist ein großes Missverständnis, von der Unterstützung für politisch erwünschte Kampagnen auf die Vorurteilslosigkeit der Unterstützer zu schließen. Mich erstaunt es immer wieder, wie zwanglos sich Kollegen, die sich für besonders aufgeklärt halten, über die angeblich pädophilen Neigungen schwuler Männer äußern - so als ob Pädophilie eine Sache sei, die nur unter Schwulen vorkäme. Umgekehrt agieren Menschen, die im Verdacht stehen, die schlimmsten Vorurteile zu hegen, im Umgang oft ganz entspannt.

Viele Konservative, die ich kenne, sind in Fragen der Sexualmoral alles andere als strikt, um es mal so zu sagen. Sie kämen allerdings nicht auf die Idee, ständig damit hausieren zu gehen, wen oder was man als Partner bevorzugt. Vermutlich hätte sich Volker Beck in seinem Leben viel Ärger erspart, wenn er es ähnlich gehalten hätte. Das Problem ist nur: Dann hätte er es bei den Grünen auch nie nach ganz oben geschafft.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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