Debatte um Managergehälter Wulff bedauert das Wort "Pogromstimmung"

Niedersachsens Ministerpräsident Wulff räumt seinen Fehler ein: Er bedauert, dass er in einer Talkshow zum Thema Managergehälter von "Pogromstimmung" sprach. Der Zentralrat der Juden hatte die Formulierung "ungeheuerlich" genannt und Wulff nahegelegt, über einen Rücktritt nachzudenken.

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Berlin - Wenige Stunden nach der Ausstrahlung der Sendung "Friedman" auf N24 am späten Donnerstagabend distanzierte sich Christian Wulff von seiner Wortwahl. In der vorab aufgezeichneten Diskussion über hohe Managergehälter hatte er eine "Pogromstimmung" gegen Manager ausgemacht. Nun ließ er über eine Sprecherin der niedersächsischen Landesregierung SPIEGEL ONLINE mitteilen, dass er diese Wortwahl bereut: "Die Verwendung des Wortes "Pogromstimmung" bedauere ich."

In der Sendung hatte er die ihm eingeräumte Möglichkeit, das Wort zurückzunehmen, nicht genutzt.

"Ich bedaure die Verwendung des Wortes Pogromstimmung": Christian Wulff am Morgen nach der Sendung
DPA

"Ich bedaure die Verwendung des Wortes Pogromstimmung": Christian Wulff am Morgen nach der Sendung

Inhaltlich bleibe er jedoch dabei, dass er eine generalisierende Stimmungsmache gegen hohe Gehälter in der Wirtschaft für falsch halte, besonders wenn davon Millionen Euro Steuergelder in Deutschland gezahlt und Tausende Arbeitsplätze gesichert werden - was der CDU-Politiker bereits am Abend während der Ausstrahlung gesagt hatte. In der Erklärung legt Wulff Wert auf die Feststellung, dass er die Debatte um Managergehälter in Deutschland nicht mit der Judenverfolgung verglichen hat: "Nichts kann und darf mit der Judenverfolgung und den schrecklichen Pogromen gegen die Juden verglichen werden."

Am Freitagmorgen hatte Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, heftige Kritik an Wulff geübt. Zu SPIEGEL ONLINE sagte er: "Die Äußerung von Herrn Wulff ist vor allem vor dem Hintergrund ungeheuerlich, dass wir eine solche Diskussion bereits vor kurzem wegen einer ähnlichen Äußerung von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn hatten."

Zudem sei die Aussage des CDU-Politikers in einer nicht unbedeutenden Sendung mit einem jüdischen Moderator gefallen, der noch mehrfach versucht habe, eine Brücke zu bauen. "Herr Wulff hat überhaupt nicht verstanden, was er ausgelöst hat." Das zeuge von lediglich angelerntem Geschichtsbewusstsein - und nicht von verinnerlichtem. "Ich will diesen Zwischenfall nicht dramatisieren, aber er muss sich fragen, ob er für sein Amt als Ministerpräsident geeignet ist", fügte Kramer am Morgen hinzu.

Ministerpräsident Wulff war Donnerstagabend Gast in der wöchentlichen Talkshow "Studio Friedman" bei N24. Das Thema: "Angst vor dem Absturz: wird Deutschland ein Armenhaus?"

Kurz vor Ende der Sendung wählte der CDU-Politiker die heikle Formulierung. Wörtlich sagte er: "Ich finde, wenn jemand zehntausend Jobs sichert und Millionen an Steuern zahlt, gegen den darf man keine Pogromstimmung verbreiten".

Seine Mitdiskutantin in der Sendung, Renate Künast, machte ihn sofort auf seinen Fauxpas aufmerksam: "Das ist wohl das falsche Beispiel", sagte sie. Und auch der Moderator und frühere stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Friedman, hakte nach: "Meinen Sie das ernst mit der Pogromstimmung?". Wulff korrigierte sich in der Sendung jedoch nicht.

Erst vor knapp zwei Wochen hatte Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) die Kritik an Managern in einem Zeitungsinterview mit dem Antisemitismus der dreißiger Jahre gleichgesetzt. Sinn sagte wörtlich, in der Weltwirtschaftskrise von 1929 hätte es "in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager". Nach heftiger Kritik entschloss sich Sinn zu einer öffentlichen Entschuldigung.



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