Debatte Was der Mitte das Leben vermiest

Deutschlands Mittelschicht plagt Zukunftspanik. Viel größer als die Abstiegsangst sind die Sorge um die Chancen der eigenen Kinder - und die wachsende Wut auf das Versagen der Politik.
Von Franz Walter
Familie in Deutschland: Vergebliche Suche nach einem politischen Helden

Familie in Deutschland: Vergebliche Suche nach einem politischen Helden

Foto: A3446 Patrick Seeger/ dpa

Göttingen - Droht Deutschlands Mittelschicht der Absturz? Eine jüngst veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) attestiert dem Mittelbau der Gesellschaft "Statuspanik".

Das aber ist nur die eine, die schlechtere Seite. Denn gleichzeitig zeigt die Mitte ein großes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten - und präsentiert sich als krisenerprobt und krisengestählt. Sie hat ihr Leben im Griff, trifft Vorsorge, lernt dort hinzu, wo es nötig ist, verändert sich dann, wenn Stagnation zur Gefahr werden könnte.

Die nötige Kraft dafür schöpft die Mitte aus der Familie. Exakt hier aber keimen die Hauptsorgen dieser Schicht.

Eltern fürchten nicht unbedingt den eigenen Abstieg; aber sie sind pessimistisch, was die Zukunft ihrer Kinder angeht. Noch düsterer erscheinen der Mitte die Aussichten des bundesdeutschen Gemeinwesens schlechthin.

Dies sind die wichtigsten Ergebnisse einer Befragung, die Göttinger Politikwissenschaftler unter der Regie der Q-Agentur für Forschung aus Mannheim während des Wahlkampfs und nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen, gestartet haben (siehe Kasten).

Kein Vertrauen mehr in die Politik

Demnach erwartet die Mitte im Grunde nichts mehr von der Politik. Ohne große Emotionen, kühl und realistisch setzen die Menschen im sozialen Zentrum voraus, dass der Raum für jeden Politiker - selbst wenn er besten Willens und von einiger Güte wäre - denkbar knapp bemessen ist.

zirkulierenden Koalitionsvarianten

In der Woche nach den Landtagswahlen fand sich unter den Mitte-Zugehörigen in NRW, die an der Erhebung teilnahmen, niemand, der freudige Erwartungen in eine der seinerzeit noch gesetzt hätte. Der Tenor war fatalistisch: Wer auch immer künftig die Regierung bilden oder anführen würde, entscheidende Auswirkungen für das eigene Leben und die Strukturen im Bundesland seien keinesfalls zu erwarten.

Auch Wähler der Sozialdemokratie aus diesem Spektrum der Mitte rechneten nicht mit einem wie auch immer identifizierbaren "Politikwechsel", den die Spitzenkandidatin der SPD, Hannelore Kraft, doch Tag für Tag in Aussicht stellte. Auch zeigten sich die Befragten gegenüber den Aufgeregtheiten und Winkelzügen rund um die Koalitionsbildung gleichgültig. Es tangiert sie im Gros nicht im geringsten.

Die Mitte hat ihre eigenen Sorgen und Nöte. Fünf Themen beschäftigen sie besonders:

Miese Bildungspolitik

Die meisten Mitte-Menschen geben zu, dass sie von den Feinheiten der Landespolitik wenig verstehen. Mitte-Menschen leben gern in ihrer Region, zeigen verblüffend starke Heimatgefühle, aber sie sind die schärfsten Gegner des politischen Föderalismus. Das Leben ist aus ihrer Sicht sowieso komplizierter geworden, die Bewältigung des Alltags verlangt ihnen viel Energie ab - auch weil die Sorge über die Zukunft des eigenen Nachwuchses so dominant ist.

Und der Föderalismus bildet eine Art Chiffre dafür, dass eine gute Ausbildung für die Kinder immer schwieriger zu organisieren ist. Dass jedes Bundesland auf seine eigenen schulpolitischen Regeln pocht, damit familiäre Umzüge zum Risiko für die noch schulpflichtigen Töchter und Söhne macht - darüber kann sich die Mitte hochgradig erregen.

Der Stress in der Schule und an der Universität, selbst im Kindergarten, das Turbo-Abitur, die neuen Studiengänge, das alles ist ein großes, zentrales Thema für die Mitte. Im Bildungssektor hat sich die gesellschaftliche Mitte in den vergangenen Jahren massiv von der CDU entfremdet.

Und mindestens ebenso eklatant und bezeichnend ist, dass die Politiker in der CDU diesen Entkopplungsprozess lange Zeit überhaupt nicht wahrgenommen haben. Die Mitte ist heute für Ganztagsschulen, schätzt vorschulische Betreuungseinrichtungen und spricht sich für einen längeren Zeitraum gemeinsamen Lernens aus.

Erbarmungsloser Wettkampf

Wer der Mitte verspricht, den Druck aus der Schule zu nehmen, die Lerngeschwindigkeit zu drosseln, sanftere Methoden im Unterricht einzuführen, der darf nicht mit aktiver Unterstützung rechnen.

Denn die Mitte-Eltern fürchten, dass ihre Kinder so ins Hintertreffen geraten, dass sie im erbarmungslosen Wettkampf mit anderem Nachwuchs auch anderer Nationen unterliegen - und somit in der harten Konkurrenz um Chancen und Positionen für das gesamte weitere Leben auf der Strecke bleiben.

Mitte-Eltern sind zwar aus allerlei pragmatischen Gründen - und weil die Pisa-Debatten dergleichen nahelegen - keine entschiedenen Befürworter des überlieferten dreigliedrigen Schulsystems, aber zu groß darf der Anteil von Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen in den Klassenräumen der eigenen Sprösslinge auch nicht sein. Sonst würde die Mitte nach wie vor auf die Barrikaden gehen.

In der Sorge um die Lebensperspektive ihrer Kinder reagiert die Mitte weiterhin elementar - wenn es denn sein muss, leistet sie Widerstand.

Angst vor dem sozialen Abstieg

Aber: Das gesellschaftliche "Unten" ist in diesen Monaten nicht der Adressat des Argwohns in der Mitte, ist nicht die Projektionsfläche für Unmut und Verdrossenheit. Das war noch vor einigen Jahren anders. In früheren Erhebungen stieß man schnell auf Negativparolen wie "Sozialschmarotzer", "Drückeberger", "Arbeitsscheue" in Bezug auf die Unterschicht, die auf Kosten der Fleißigen, diszipliniert Tätigen der Mitte lebte.

Davon war in der Untersuchung im Frühjahr 2010 nicht mehr die Rede. Die Attacken von Westerwelle aus den Februartagen sind hier, wo zweifelsohne die Zielgruppe des FDP-Chefs zu lokalisieren ist, ohne Zuspruch geblieben. Die Mitte hat derzeit einfach nicht den Eindruck, dass hauptsächlich Missbrauchsverhalten von unten die sozialen Systeme und das finanzielle Gerüst der Republik gefährden. Und mindestens ebenso wichtig: In der Mitte wächst die Angst, dass die eigenen Kinder es beruflich nicht schaffen könnten, infolgedessen nach unten fallen mögen, am Ende gar von sozialen Transfers leben müssen.

Das wäre die größte Katastrophe für die fleißige Mitte, für die ein Scheitern auf dem Gymnasium oder an der Hochschule als schlimme Blamage gilt. Infolgedessen schwadroniert die Mitte nun nicht mehr ungehemmt über "Sozialschmarotzer", da man unterschwellig spürt, dass das einst so ferne Stigma näher und näher kommt, peu à peu in die lange so sicher erscheinende familiäre Wagenburg einzudringen droht.

Ende der Solidarität

Der Gegner der Mitte siedelt nunmehr oben in der gesellschaftlichen Hierarchie. Mittig im Sinne von maßvoll, konservativ und vorsichtig ist die reale Mitte des Jahres 2010 nicht mehr, jedenfalls wenn die Rede auf Konzernchefs, Banker oder Finanzjongleure kommt. Bei diesen Themen argumentiert ein Großteil der Mitte inzwischen radikaler als die Gabriel-SPD. Die Verstaatlichungslosung ist für die Mitte längst kein Tabu mehr.

Hier will man nicht mehr akzeptieren, dass Gewinne privatisiert, Verluste der Unternehmen hingegen sozialisiert werden. Und die Majorität der Mitte tritt für ordentliche Mindestlöhne ein, geißelt das Prinzip der Leih- und Zeitarbeit. Gerade diejenigen in der Mitte, die älter als 45 Jahre sind, hadern mit den "Sozialreformen" der vergangenen Jahre. Sie erkennen darin nicht mehr die Räson ihres bisherigen Lebens, das Grundgesetz der Sozialpartnerschaft, das Versprechen der bundesdeutschen Republik von Fairness, Anstand, Verlässlichkeit, Menschlichkeit.

Der ältere Teil der Mitte hat mehr und mehr das Gefühl, dass es nicht mehr seine Gesellschaft ist, in welche er seit den Schröder-Jahren hineingeführt wurde. Dass Ersparnisse durch die Hartz-Gesetzgebung in Gefahr gerieten, hat diesen Teil der Mitte ins Mark getroffen. Die Mitte war immer bereit, Verantwortung zu übernehmen - für sich, aber auch für andere aus dem Nahbereich. Dafür besaß die Mitte klar definierte Maßstäbe für ein vernünftiges Zusammenleben. Hier sieht die Mitte den größten Schwund der vergangenen Jahre: Viele Kriterien gelten nicht mehr, bewährte Routinen und ordnende Muster haben ihre Gültigkeit verloren, die Zukunft wirkt unkalkulierbarer als in früheren Jahren.

Verwahrlosung der politischen Sitten

Und aus dieser Unsicherheit entsteht großer Unmut über Politik, Parteien und Parlamentariern. Die Mitte stellt durchaus keine hohen Anforderungen an die politische Aktionsfähigkeit; sie weiß um die Restriktionen nationaler Politik. Aber sie nimmt den Politikern übel, dass fast die gesamte politische Klasse nach der Maxime handelt: "Was schert mich mein Geschwätz von gestern."

Die Indifferenz gegenüber Prinzipien, Werten, Grundsätzen wird, so die bittere Bilanz der Mitte, von der Politik geradezu vorgelebt. Und dadurch breite sich ein Normenvakuum aus, in dem der Einzelne nur noch schwer verantwortlich handeln könne.

Der politische Held der Mitte wäre derjenige, der deutlich die Problem dekliniert, der den Vierklang aus Analyse, Lösungswege, Instrumente und Ziel stringent verknüpft und exakt in dieser Schrittfolge vorgeht. Doch diesen Typus sehen sie nicht. Und sie erkennen auch nicht, dass Vernünftiges noch entstehen könnte.

Die Mitte träumt von einer neuen Stunde null. Die Mitte, die sonst gern wahren und tradieren möchte, sehnt sich nach dem Bruch, nach einem radikalen Neuanfang der politischen Institutionen.

Tatsächlich: Es gärt im Zentrum der deutschen Gesellschaft.

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