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08. Oktober 2014, 14:15 Uhr

Krawalle zwischen Kurden und Salafisten

"Ich hatte das Gefühl, ich lebe in Hamburgistan!"

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Der Abend im Hamburger Stadtteil St. Georg begann mit einer friedlichen Demonstration gegen den "Islamischen Staat". Dann griffen Salafisten und Kurden einander mit Macheten und Messern an. Wie kam es zu der Gewalt?

Berlin - Der "Islamische Staat" hat offenbar mehrere Viertel der nordsyrischen Grenzstadt Kobane unter seine Kontrolle gebracht. In Deutschland und anderen europäischen Ländern sind in der vergangenen Nacht Tausende Kurden auf die Straße gegangen und haben Hilfe für die Kurden in Kobane gefordert.

Die Demonstrationen verliefen zunächst friedlich, doch in Hamburg kam es zu Gewaltexzessen zwischen kurdischen Demonstranten und offenbar salafistischen Muslimen. Im niedersächsischen Celle gingen Jesiden und tschetschenische Muslime aufeinander los. Mindestens 23 Menschen wurden verletzt, zum Teil schwer.

Warum kam es zu den Krawallen? Vor der Nur-Moschee im Hamburger Stadtteil St. Georg kam es nach Angaben von Augenzeugen zu furchtbaren Szenen. "Ein junger Mann wird von einer Machete am Bein verletzt, ein anderer von einem Dönerspieß oder langen Messer in den Bauch gestochen", twitterte das Onlinemagazin "Hamburg Mittendrin". Auch Daniel Abdin, Vorsitzender der Nur-Moschee, erlebte die Eskalation live mit. "Ich hatte das Gefühl, wir leben in Hamburgistan. Die Stimmung war sehr, sehr explosiv", berichtet er am Telefon. "Wir leben in einem Rechtsstaat und verurteilen jede Form von Gewalt."

Offenbar hatte sich eine Gruppe von Muslimen mit salafistischem Hintergrund am Abend via Facebook dazu verabredet, ein kurdisches Kulturzentrum auf dem Hamburger Steindamm anzugreifen. Bereits dort kam es zu Gewalt, die dann vor der Nur-Moschee eskalierte. Beide Gruppen waren bewaffnet.

Woher kamen die Salafisten? Das ist unklar. Auch ist fraglich, ob es sich bei den rund 400 Muslimen wirklich überwiegend um Salafisten oder deren Symphatisanten handelte. Im ganzen Bundesgebiet, so die Schätzung der Behörden, gibt es rund 4500 Salafisten, nur eine kleine Gruppe von ihnen gilt als gewaltbereit (sehen Sie in dieser Grafik das Netzwerk der deutschen Islamisten). Möglicherweise schlossen sich den salafistisch gesinnten Muslimen Jugendliche an, die schlicht Lust auf Krawall hatten.

Offenbar haben die Gewalttäter keine Verbindung zur Nur-Moschee, obwohl sie dann während der Straßenschlachten Zuflucht in dem muslimischen Gebetshaus suchten. "Das waren wildfremde Personen", sagt der Moschee-Vorsitzende Abdin. Auch "Hamburg Mittendrin" beschreibt, wie Angehörige der Moschee Polizeibeamte gebeten hätten, die jungen Männer aus dem Gebetshaus zu bringen, da Salafisten hier nicht erwünscht seien.

Wie es zu den Auseinandersetzungen in Celle zwischen tschetschenischen Muslimen und Jesiden kam, ist völlig ungewiss. "Es gab nichts, was auf eine Demonstration, auf eine Kundgebung oder irgendeine Stellungnahme zu den weltpolitischen Ereignissen hinwies", sagt ein Sprecher der Polizei. Bereits am Montagabend hatte es in der niedersächsischen Stadt Zusammenstöße zwischen zwei kleineren Gruppen tschetschenischer Muslime und Jesiden gegeben. Die Motive würden nun untersucht, so die Polizei.

Wie ist die Stimmung unter den Kurden in Deutschland? Die meisten von Kurden organisierten Demonstrationen seien friedlich geblieben, betont auch die Polizei. Die wenigen, die gewalttätig wurden, drohen jetzt allerdings die eindeutigen Sympathien der Mehrheit in der Bevölkerung zu verspielen. Unter den deutschen Kurden sympathisieren zahlreiche Gruppierungen mehr oder weniger offen mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Gerade in diesen Tagen hat die PKK, oder ihr syrisches Pendant, die kurdischen Volksschutzeinheiten YPG, für viele Kurden besondere Anziehungskraft - auch in Deutschland.

Auch die Kurden in Deutschland verfolgen, wie die militärisch unterlegenen YPG-Kämpfer versuchen, Kobane zu verteidigen. Gleichzeitig sehen türkische Soldaten von ihren Panzern wenige Hundert Meter entfernt tatenlos zu, wie der IS immer mehr Teile der Stadt erobert. Für viele Kurden symbolisiere Kobane die Zukunft der Kurden im gesamten Nahen Osten, sagt der Türkei-Experte Günter Seufert in einem Interview mit der "Deutschen Welle".

Sind die Salafisten in Hamburg Anhänger des IS? Schon im August gingen in Herford in Nordrhein-Westfalen Salafisten auf Jesiden los, als im Irak Tausende Jesiden von IS-Milizen umzingelt waren. Damals tauchten auf Demonstrationen auch Flaggen des "Islamischen Staats" auf. Inzwischen sind der IS und alle seine Symbole in Deutschland verboten.

Auch wenn es auf den ersten Blick so aussehe, als seien die Konflikte des Krieges in Syrien eins zu eins in Hamburg wiederzuerkennen - man müsse mit dieser Einschätzung sehr vorsichtig sein, warnen Beobachter. Salafismus dürfe nicht mit einer IS-Anhängerschaft gleichgesetzt werden, selbst gewaltbereiter Salafismus nicht.

Für religiöse Extremisten seien nationalistisch eingestellte kurdische Gruppen Gegner. Andererseits rekrutieren nach Einschätzung der Experten salafistische Gruppierungen in Deutschland ihre Anhänger auch unter religiös ausgerichteten Kurden. Nicht automatisch müsse deshalb auch die Gewalt in Hamburg überhaupt einen politischen Hintergrund haben.

Die Stimmung zwischen den Gruppierungen ist angespannt. Vertreter muslimischer Organisationen warnen davor, dass die Konflikte aus Syrien und dem Irak in Deutschland weiter zu Gewalt führen. "Wir müssen alles tun, damit auf unseren Straßen keine hasserfüllten Stellvertreterkriege geführt werden, denn genau das ist das Interesse der Radikalen", sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek zu SPIEGEL ONLINE.

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