Nikolaus Blome

Polizisten verteidigen Reichstag Good Cops

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Drei Männer in Uniform verteidigen den Reichstag gegen den braunen Pöbel. Ob viele Linke jetzt wohl ihr Bild von der Polizei überdenken?
Reichsbürger, Nazis und Verwirrte auf den Stufen des Reichstags, 30. August 2020

Reichsbürger, Nazis und Verwirrte auf den Stufen des Reichstags, 30. August 2020

Foto: Achille Abboud / dpa

Der rechte Mob kommt die Freitreppe des Reichstages hinauf, oben stehen nur drei Mann in Polizeiuniform. Zwei haben Helm und Schlagstock, der dritte weder das eine noch das andere. Sie werden angepöbelt, bedrängt, aber sie halten die Menge auf Abstand, bis Verstärkung kommt. Wären sie gewichen, hätte nur noch eine Glastür zwischen dem Pöbel und dem Plenarsaal gestanden. Was, wenn am Ende ein glatzköpfiger Neonazi auf der Regierungsbank gesessen hätte, auf dem Platz der Kanzlerin?

Vor einigen Jahren entrollte Greenpeace einmal ein Plakat an derselben (West-)Fassade des Reichstages. Solche Polit-Sperenzchen gehören sich nicht, aber sie richten keinen bleibenden Schaden an, die meisten werden die Bilder dieser Aktion längst vergessen haben. Anders die Bilder eines Mobs im Inneren des Reichstags: Das hätten wir unser Leben lang nicht vergessen. Um ein Haar wäre es der Moment der Identitären, "Reichsbürger" und Rechtsextremen geworden. Er wurde es nicht, Attila Hildmann kam andernorts in den Schwitzkasten eines kräftigen Beamten und nicht in den Reichstag.

Man kann also ganz nüchtern sagen: Die drei Polizisten auf der Reichstagstreppe haben die Ehre des Landes gerettet. Die drei haben das Hohe Haus der deutschen Demokratie verteidigt, an dessen Giebel geschrieben steht: "Dem Deutschen Volke". Sie haben es mit dem Schlagstock getan, den so viele auf Linksaußen gern für das Sinnbild staatlicher Repression halten. Ja, das geht also: mit dem Schlagstock etwas ziemlich Gutes zu tun. Normale Menschen mögen das für selbstverständlich halten, aber in bestimmten Milieus unserer Gesellschaft ist es das nicht. Da ist der Polizist immer der Rassist oder der Neonazi, mithin verachtenswert oder gern auch das Freiwild. Einfach weil er Polizist ist, selbst schuld.

Wie den drei Männern auf der Reichstagstreppe nun gedankt wird und von wem: Das wird einiges aussagen über den Zustand dieser Milieus in einer Zeit, in der die Institutionen der Republik nicht nur symbolisch herausgefordert werden.

Immerhin: Der Bundespräsident will die Polizisten empfangen, aber mindestens so angebracht wäre eine Einladung der Kanzlerin, so wie für Greta Thunberg und Luisa Neubauer von der Klimaschutzbewegung Fridays for Future. Warum eigentlich nicht?

Es äußert ja eine ganze Armada von Politikern größte Betroffenheit und Empörung nach dem Vorfall: Abgeordnete, Parteivorsitzende, das halbe Kabinett. Gut so, wenigstens die Spitzen der Parteien scheinen begriffen zu haben, was den Männern in Uniform zu verdanken ist. Aber vor allem Grüne und Linkspartei könnten jetzt einen großen Schritt weitergehen und Teile ihrer Milieus ins Gebet nehmen. Dort wird zwar jede größere Polizeiaktion im Land ausführlich kommentiert, aber wenn es etwas zu loben gibt, verschlägt ihnen die eigene Borniertheit die Sprache. Sie sollen ja nicht hundert Mal "Wir lieben die Polizei" an die Tafel schreiben, aber die quälenden Minuten auf der Reichstagstreppe wären ein sehr guter Anlass, verbal abzurüsten: "All cops are bastards", wirklich? Trotzdem wird die einschlägige Antifa-Szene diesen Hassspruch nicht einkassieren, da würde ich wetten.

Oder was ist mit der SPD-Vorsitzenden Saskia Esken? Auch sie dankte den Polizisten, hoffentlich war es ehrlicher als nur pflichtschuldig gemeint. Schließlich hatte sie unlängst aus einzelnen schlimmen Übergriffen geschlussfolgert, dass die deutsche Polizei in Gänze latent rassistisch sei. Diesem Esken'sche Axiom folgend, müsste man nach den Ereignissen vom Wochenende schlussfolgern, dass die deutsche Polizei in Gänze latent heldenhaft ist. Man merkt: Pauschalurteile sind Fehlurteile.

Und was eigentlich machen jene Vertreter des kritischen Diskurses, die lautstark applaudierten, als eine "taz"-Kolumnistin öffentlich alle Polizisten auf den Müll imaginierte, weil sie ja auch nur Müll seien - also auch die drei, die oben auf der Reichstagstreppe ihre Pflicht taten. Ich wünsche mir, dass sie jetzt wenigstens ein bisschen schlechtes Gewissen haben. Es wäre ein Anfang.

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Es mag für mancher Leute Weltbild verstörend sein, wenn ausgerechnet ein Polizist das uneingeschränkt Richtige tut. Das macht diskriminierende Übergriffe der Polizei nicht ungeschehen oder relativiert die Durchstechereien von Adressdaten einer türkischstämmigen Anwältin, die daraufhin Morddrohungen erhält. Es gibt Polizisten in Deutschland, die sollten keine sein dürfen. Dennoch müsste die hochgradig symbolhafte Szene auf der Reichstagstreppe allen zu denken geben, die in der Polizei ganz generell nicht mehr die Hüterin von Recht und freiheitlicher Ordnung sehen.

Denn was steht für die übergroße Mehrheit der Polizisten in Deutschland eher? Die nachgewiesene Nähe Einzelner zu rechtsextremen Gruppen und ihrem Denken? Oder der Mut Einzelner, dem braunen Pöbel nicht zu weichen, wenn es auf sie ankommt? Ich bin mir sicher, es sind die drei auf der Treppe des Reichstages.