Demos in München Mit weißen Rosen gegen Neonazis

Gespannte Lage in München: Rund 400 Neonazis sind am Samstagvormittag am Münchner Stadtrand aufmarschiert. Dagegen protestieren rund 6000 Menschen auf dem Marienplatz, darunter auch Julia Jentsch, Hauptdarstellerin des Kinofilms "Sophie Scholl".


Aufmarsch der Neonazis: Auch in München nicht willkommen
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Aufmarsch der Neonazis: Auch in München nicht willkommen

München - Etwa 1300 Polizisten aus Bayern und Baden-Württemberg waren am Samstag im Einsatz, um Auseinandersetzungen zwischen den Neonazis und den Gegendemonstranten zu verhindern. 400 Neonazis versammelten sich auf der Theresienwiese, etwa 6000 Menschen auf dem Münchner Marienplatz. Einige tausend zogen anschließend in Richtung Theresienwiese, während sich gegen 13 Uhr auch der Zug der Rechtsextremen in Bewegung setzte. Sie wollten über die Lindwurmstraße zum Sendlinger Tor laufen, wurden dabei von aufgebrachten Gegnern beschimpft und mit Flaschen und Steinen, Eiern und Tomaten beworfen - aber auch mit Blumen. Die Gegendemonstranten skandierten Parolen wie "Nazis haut ab" oder "Wir wollen keine Nazischweine".

Bis Samstagnachmittag kam es zu 53 Festnahmen, allerdings nicht zu einer Blockade des Neonazi-Umzugs. Bereits morgens gegen 9 Uhr nahm die Polizei den stadtbekannten Neonazi Norman Bordin, einen der Organisatoren des Aufmarsches, wegen Besitzes von Pfefferspray in Gewahrsam. Einsatzleiter Jens Viering zeigte sich am Nachmittag "hochzufrieden" mit dem Verlauf, weil "die Bürger unseren Aufruf befolgt haben und wir nicht wegen Blockaden gegen die Münchner Bevölkerung vorgehen mussten".

"Diese Stadt hat von Neonazis die Nase voll. Die Bürgerschaft tritt braunen Gewalttätern geschlossen entgegen", erklärte Oberbürgermeister Christian Ude. Er rief dazu auf, friedlich und gewaltfrei zu protestieren. Zur Neonazi-Demonstration sagte Ude, es handele sich um Täter, die Minderheiten wegen ihrer Hautfarbe verfolgen, Ausländer mit Springerstiefeln treten und den Holocaust als größtes Verbrechen der Menschheitsgeschichte leugnen.

"Überlasst den Nazis kein zweites Mal die Macht"

Bei der Gegendemonstration verteilten Teilnehmer weiße Rosen, um an das Widerstandsbündnis um die Geschwister Scholl gegen das Nazi-Regime zu erinnern. "Überlasst den Nazis kein zweites Mal die Macht, überlasst ihnen nicht die Straßen, tretet ihnen entschlossen entgegen", rief Julia Jentsch, Hauptdarstellerin im Kinofilm "Sophie Scholl", den Demonstranten zu.

Als Provokation trugen auch Rechtsextremisten in München die weiße Rose des NS-Widerstands. Zum Neonazi-Aufmarsch aufgerufen hatten so genannte Freie Kameradschaften aus dem ganzen Bundesgebiet, die vom Verfassungsschutz als gewaltbereit eingestuft werden.

Applaudierte den Nazi-Gegnern: Schauspielerin Jentsch (bei Demo in München)
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Applaudierte den Nazi-Gegnern: Schauspielerin Jentsch (bei Demo in München)

Die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, zeigte sich schockiert, dass Rechtsradikale geschützt durch die Polizei durch Münchens Straßen marschieren dürften. "Ich bin entsetzt, dass in einem Rechtsstaat das Demonstrationsrecht so missbraucht wird. Aber wir sollten diese Horden vollkommen ignorieren, ihre Profilierungssucht nicht bedienen".

Eine weitere Neonazi-Demonstration gab es am Samstag in Niedersachsen: Etwa 200 NPD-Anhänger zogen durch Verden; zeitgleich versammelten sich rund 750 Schüler zu einer Gegendemonstration. Die Polizei setzte mehrere Hundertschaften ein, um einen Zusammenprall der Gruppen zu verhindern. Zu kleineren Rangeleien kam es am Bahnhof; am Rande des NPD-Zuges flogen vereinzelt Eier und Flaschen aus den Reihen der Gegendemonstranten.

Die Stadt Verden stand im Zeichen eines Aktionstages gegen Rechtsextremismus unter dem Motto "Verden ist bunt - Nie wieder Faschismus". Über 100 Initiativen und Vereine hatten die Innenstadt in eine Kulturmeile verwandelt.

Am Morgen hatten sich etwa 50 Demonstranten vor einem von Rechtsextremisten bewohnten Hof im nahe gelegenen Dörverden versammelt. Nach Polizeiangaben hatten linke Gruppen dazu aufgerufen, "den Heisenhof dicht zu machen" und "die Nazis zu stoppen". Das ehemalige Bundeswehrgelände gehört dem Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger. Der Landkreis und die Anwohner befürchten, dass er dort ein Zentrum für rechtsextremistische Aktivitäten aufbauen will




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