Deniz Yücel über seine Haft "Darauf ausgerichtet, Lebensfreude zu nehmen"

In seinem ersten Interview in Freiheit erzählt der Journalist Deniz Yücel von seiner Haft, was er über die Türkei und Deutschland denkt - und warum er seiner Frau einen Strauß Petersilie aus dem Gefängnis mitbrachte.
Yücel nach der Haftentlassung

Yücel nach der Haftentlassung

Foto: YASIN AKGUL/ AFP

Vor etwa einem Monat wurde der Journalist Deniz Yücel aus türkischer Haft entlassen. Ein Jahr lang saß der "Welt"-Korrespondent unschuldig im Gefängnis, davon mehrere Monate in Isolationshaft.

Nun hat er zusammen mit seiner Ehefrau Dilek Mayatürk Yücel der "Welt" und der "taz"  das erste Interview seit seiner Haftentlassung gegeben. Die Journalisten haben Yücel an seinem Urlaubsort besucht, dort erholt er sich von der Zeit im Gefängnis.

Yücel geht es gut. Er sei dankbar für die Unterstützung, die er während der Haft bekommen habe. "All das gab mir das Gefühl: Ich bin nicht vergessen, ich werde hier nicht verfaulen", sagte Yücel. Am schlimmsten seien die ersten Wochen im Gefängnis gewesen: "Ich hatte Angst, nach der ersten Aufregung vergessen zu werden."

Doch der Journalist wurde nicht vergessen: Während seiner Haft schrieb Yücel Beiträge und Briefe und gab Interviews. "Die wollten mich zum Verstummen bringen. Das haben sie nicht geschafft."

Ihm habe die Solidarität gut getan. Er sei ja nicht im Gefängnis gelandet, weil er Pech gehabt habe, sondern weil er seine Arbeit gemacht habe. Er sagt, er hätte zwar mit etwas weniger öffentlicher Unterstützung vielleicht drei Monate kürzer im Gefängnis gesessen, aber es wäre deprimierender gewesen, hätte sich niemand für ihn eingesetzt.

Verrat an progressiven und demokratischen Kräften

Auch über die Bundesregierung äußert sich Yücel im Interview: Er habe zwar Differenzen mit Deutschland gehabt, aber die Regierung habe politisch und juristisch an seiner Seite gestanden. Aber er findet auch kritische Worte: Die Bundesrepublik habe "alle progressiven und demokratischen Kräfte in der Türkei zweimal verraten".

Im Jahr 2005 habe Deutschland der Türkei klargemacht, sie komme niemals in die EU, egal, was sie tue. Im November 2015 habe die Bundeskanzlerin die Türkei besucht und eine Aufhebung der Visumspflicht in Aussicht gestellt, das sei der zweite Verrat gewesen. "Das war eine in der internationalen Diplomatie völlig unübliche Wahlkampfhilfe."

Die Bilder von Yücels Freilassung:

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Türkei: Yücel auf freiem Fuß

Foto: OZAN KOSE/ AFP

Warum Yücel nach einem Jahr Haft freigekommen ist - darüber kann nur spekuliert werden. Es gibt Gerüchte darüber, dass es einen Deal für seine Freilassung gegeben haben soll. Yücel hatte während seiner Haft immer wieder betont, er stehe für schmutzige Deals nicht zur Verfügung.

Im Interview sagt Yücel, er wisse nichts von einem Deal. "Mir wurde vor meiner Freilassung durch die Vertreter des Generalkonsulats, mit denen ich an diesem Tag zweimal gesprochen habe, versichert, dass es keinen Deal gegeben habe. Ich glaube, mehr als der Bundesregierung diese Erklärung abzuverlangen, konnte ich im Knast nicht tun."

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Als Yücel aus dem Gefängnis entlassen worden war, hatte er einen Strauß Petersilie dabei, den er seiner Frau schenkte. Petersilie hatte er im Gefängnisladen immer als Schmuck für seine Zelle gekauft. Als die beiden in Haft heirateten, habe er ihr auch einen Strauß Petersilie schenken wollen - doch das sei ihm verboten worden. "Das ist ein System, das darauf ausgerichtet ist, Lebensfreude zu nehmen. Darum ist es auch verboten, Fotos an die Wand zu hängen. Wir haben geheiratet, und ich hatte keine Blumen, nicht mal Petersilie. Deswegen dachte ich bei meiner Entlassung: Das schulde ich Dilek", sagt Yücel.

In der Zelle habe es immer wieder Razzien und Psychoterror gegeben. "So eine Zelle ist ja kein Lebensraum, den man sich selbst aussucht. Trotzdem ist es dein Lebensraum, deine Privatsphäre. Alle paar Wochen kommt dann ein Trupp von zehn Leuten, die alles durchwühlen."

"Rechte und Freiheiten in der EU sind gefährdet"

Die Arbeit von Journalisten in Europa sieht er immer mehr in Gefahr: Der ermordete slowakische Journalist Ján Kuciak sei nicht schuld an seiner Ermordung gewesen, weil er über Korruption berichtet habe, sondern die Mörder und Auftraggeber seien daran Schuld. Auch die Situation der Medien in Polen und Ungarn zeige, "dass auch in der EU die Rechte und Freiheiten in einer Weise gefährdet sind, wie wir es uns vor zehn Jahren nicht hätten vorstellen können".

Im schlimmsten Fall stehe die Türkei heute schon dort, "wo Europa in einigen Jahren ankommen könnte: am Ende der offenen Gesellschaft, knietief in der Diktatur." Dennoch sagt Yücel, er sei so eng mit diesem Land verbunden, wie er es nie zuvor gewesen sei, obwohl die Regierung ihn wie einen Feind behandelt und als Geisel genommen habe.