Der Anti-Rezo: Wie Armin und CSYOU zeigen, was die CSU falsch verstanden hat

Dieser Beitrag wurde am 01.09.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Das Verhältnis zwischen Parteien, Sozialen Medien und jungen Wählern ist, um es elterntauglich in Facebook-Beziehungsstatus auszudrücken: kompliziert.

Wenn Parteien nicht offensiv in den Sozialen Medien unterwegs sind, heißt es, sie würden sich nicht um die jungen Wähler kümmern. Wenn sie sich aus der Deckung wagen, dann laufen sie stets Gefahr, sich zum Gespött zu machen. 

So gesehen möchte man der CSU erst mal zu ihrem Mut gratulieren: Die buhlt nämlich mit einem neuen Videoformat, CSYOU, um die Gunst und Aufmerksamkeit von diesen jungen Leuten. 

Der Moderator ("Ich-bin-der-Armin"-Petschner, Zuständiger für die Social Media Kanäle der Landesgruppe) hat sich alle relevanten Gesten bei anderen YouTubern abgeschaut, die Gesichtsausdrücke in Emoji-Form pressen: Hand ans Kinn (hmmm), überdeutliches Kopfschütteln (nö), Finger in die Luft (AHA!). Auch an Soundeffekten, Bildeffekten und überhaupt allen anderen Effekten wird nicht gespart.  

Was Armin in dem Video inhaltlich beschäftigt, gerät da leicht in den Hintergrund, zum Beispiel diese Themen:

  • Greta Thunbergs Segeltour nach New York war doch nicht besonders klimaneutral, weil verschiedene Mannschaftmitglieder des Seegelbootes fliegen, eine Meldung vom 15.8. (Welt ), was Armin noch mal zu der überraschenden und von der AfD bereits durchkommentierten Aussage verleitet, Greta hätte lieber gleich selbst ins Flugzeug steigen sollen. Das Statement der Familie Thunberg, von den Flügen im Vorfeld nicht gewusst zu haben, ignoriert er, auch alle Äußerungen der Bootsmannschaft zu dem symbolischen Akt (Tagesspiegel ).
  • Die Grüne Bundestags-Fraktion fliegt öfter als die anderen, eine Meldung vom 10.8. (Tagesspiegel ), "dabei betonen die Grünen immer, wie wichtig ihnen Klimaschutz ist" – viel mehr hat Armin nicht hinzuzufügen.
  • Bei der Unteilbar-Demo vergangenes Wochenende in Dresden, Gründungsstadt der Pegida, waren Deutschlandflaggen nicht erwünscht, aber warum das so sein könnte, versteht Armin kein bisschen ("HÄHH?"), schließlich stünden schwarz und rot und gold ja für Einigkeit und Recht und Freiheit.
  • Und vor allem hat er eine ganz wichtige Botschaft an die "Politiknörgler" da draußen: Die GroKo liefert!

Themen, Tonalität und Drehs sind ähnlich überraschend wie die Gesichtsausdrücke – nirgendwo findet sich eine zusätzliche Information oder ein weiterführender Gedanke. 

Und hier kommen wir zum Problem: Armin soll wohl eine Antwort auf Rezo sein. Aber er ist seine Antithese. 

Denn was Rezo über seine Fanbase hinaus berühmt gemacht hat, war ein Video, in dem er sich lange und ausführlich mit einem Thema beschäftigt hat: Mit der Frage, warum es im Klimaschutz so langsam vorangeht – und welche Partei dafür die Verantwortung trägt. Ob die "Zerstörung der CDU " ausgewogen und angemessen war, darüber lässt sich streiten (hier ein exemplarischer Faktencheck auf SPIEGEL ONLINE). Aber man kann Rezo nicht vorwerfen, sich nicht inhaltlich mit dem Thema auseinander gesetzt zu haben. Seine Abrechnung dauert knapp eine Stunde, er hat Quellen verlinkt und er leitet von einem Themenkomplex zum anderen über. 

Er vermittelt seinen Zuschauern glaubwürdig den Eindruck, sich mit dem Thema beschäftigt zu haben, bevor er sich eine Meinung gebildet hat. Die Sound- und Schnitteffekte, die Gestik und Mimik, sie sind bei ihm Beiwerk, nicht Inhalt.

Bei der ersten Folge "CSYOU" bleiben ohne die Gesten eigentlich nur ein paar alte Meldungen ohne Kontext und ein bisschen Staatsfunk übrig. 

Jetzt könnte man sagen, was solls, dann ist der Armin halt noch nicht so geübt als YouTuber, ist doch schön, dass sich da überhaupt jemand um die jungen Wähler bemüht. Aber dieses Bemühen wirkt, als sei das Interesse am jungen Wähler nur vorgetäuscht: Da gibt es keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Klimakrise und wie wir ihr begegnen, kein inhaltliches Interesse an der Frage, wie das Internet frei bleibt und Rechteinhaber trotzdem geschützt werden, keine konservative Haltung zu den Protesten gegen ein Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche, keine CSU-Idee, wie unsere Gesellschaft christliche Werte leben könnte.

Und das verrät viel über das Verhältnis zwischen der Union und jungen Leuten: Offenbar glaubt man in Bayern, man müsse auf die Knie gehen, um den berühmten Dialog auf Augenhöhe mit jungen Wählern führen zu können. 

Da ist es dann auch egal, wie jung der Moderator ist, ob er gefärbte Haare hat und weiß, wie man ein Schnittprogramm benutzt – er könnte genau so gut alt, grummelnd und Tracht-tragend antreten. Denn so doof sind sie gar nicht, diese jungen Leute. Es waren nicht Rezos gefärbte Haare, die sie begeistert haben. Sondern tatsächlich der Inhalt. 

Aber wer weiß, vielleicht kommt der ja in der zweiten Folge CSYOU.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.