Der Chic der Sozialdemokratie "Der Frau treu bleiben – die Partei wechseln"

Die SPD und linksintellektuelle Künstler: Das ist eine Geschichte von vager Zuneigung, enttäuschter Liebe, einigen Missverständnissen - und immer wieder Günter Grass. Die Lehre: Von dezenter Distanz haben beide Seiten einfach mehr.

Von Franz Walter


Hamburg - Etwa ein halbes Jahrzehnt lang galt es bei Intellektuellen und Künstlern als très chic, sich parteipolitisch zu bekennen – vom Ende der Kanzlerschaft Ludwig Erhards bis in die frühe Ära Willy Brandts. Diejenigen, die davon in erster Linie profitierten, waren die Sozialdemokraten. Die bis dahin eher biedere Partei der Arbeiter und kleinen Angestellten avancierte einen historischen Moment lang zur angebeteten politischen Dame der kulturelle Schickeria.

Der Flirt begann himmelhochjauchzend – am Ende jedoch stand zunächst Enttäuschung, dann Bitternis, schließlich Gleichgültigkeit. Kurzum: Alles wie im wirklichen Leben.

Günter Grass (r.) mit Gerhard Schröder (2000): Skrupel hin, Differenzen her - immer wieder Wahlaufrufe für die SPD
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Günter Grass (r.) mit Gerhard Schröder (2000): Skrupel hin, Differenzen her - immer wieder Wahlaufrufe für die SPD

Nach 1945 hatten sich Schriftsteller, Dichter und Regisseure zunächst von den Niederungen der Parteipolitik sorgsam ferngehalten. Die früheren politischen Extreme, ob völkisch oder kommunistisch begründet, denen die Sympathien gerade von Intellektuellen zugeflogen waren, hatten sich bekanntlich zuvor gründlich diskreditiert. Und so stand Politik ganz generell nicht hoch im Kurs bei den Denkern in der deutschen Gesellschaft.

Doch Anfang der sechziger Jahre mehrte sich die Kritik aus den Feuilletons an der Kanzlerschaft Adenauers, an der Hegemonie der "Schwarzen", an der "Politik der Restauration". Aus der Distanz zur strukturellen Staatspartei entwickelte sich peu a peu Nähe zur chronischen Oppositionspartei - eben zu den Sozialdemokraten.

Lustige Slogans vom "Wahlkontor deutscher Schriftsteller"

Der Mann, der diese Annäherung stärker als jeder andere betrieb, war der schnauzbärtige Dichter der "Blechtrommel", Günter Grass. Seit Mitte der sechziger Jahre rief der frühere Danziger bei Bundestagswahlen – politische Skrupel hin, programmatische Differenzen her – in schöner Regelmäßigkeit zum Votum für die SPD auf. Er wurde zu einem nimmermüden Wahlkämpfer, reiste über Wochen, ja Monate landauf, landab, um für die Partei seiner ebenso intimen wie schwierigen Zuneigung die Trommel zu schlagen.

Auf seinen Einfall ging auch die in der deutschen Geschichte wohl erste Wahlhelfergruppe von Literaten für eine politische Partei zurück: das "Wahlkontor deutscher Schriftsteller". Ausgeheckt hatte Grass diese Idee mit dem Patron der "Gruppe 47", Hans Werner Richter, und dem jungen Berliner Verleger Klaus Wagenbach. Eine Truppe von professionellen Schreibern sollte den Funktionärsjargon und die Propagandafloskeln aus der Wähleransprache der SPD verbannen und für neuen stilistischen Esprit sorgen.

Mitte Juni 1965 ging es in einigen kurzfristig angemieteten Büroräumen nahe der Gedächtniskirche in Berlin los. Das "Wahlkontor deutscher Schriftsteller" begann seine Arbeit, sinnierte über Slogans, feilte an Metaphern, bastelte an Polemiken gegen die Christlichen Unionisten.

17 Literaten zählten zum Kontor, überwiegend vielversprechende Begabungen, weniger die großen, etablierten Stars des westdeutschen Kulturbetriebes. Nicolas Born, Peter Härtling, Hubert Fichte schrieben polittaugliche Verse für die alte Arbeiterpartei. Auch Hermann Peter Piwitt, Günter Herburger, Hans Christoph Buch und Peter Schneider machten mit. Das Geld (das die SPD allerdings eher spärlich fließen ließ) verwaltete Klaus Wagenbach. Mitglied der SPD war niemand aus dieser Runde. Zusammen verband sie die gemeinsame Antipathie gegenüber der CDU.

Mitternachts-Konter gegen die Konservativen

Am helllichten Tage standen die Büroräume leer. Auf die Tasten ihrer Schreibmaschinen hämmerten die Härtlings und Schneiders während der finsteren Nachtstunden. Doch hatte dies nichts mit dem genreüblichen bohemehaften Lebenswandel von Poeten und Belletristen zu tun. Die ungewöhnlichen Arbeitszeiten waren schlicht den Zwängen des Wahlkampfes geschuldet. Denn kurz vor Mitternacht liefen die jeweils neuesten Wahlkampfparolen der "bürgerlichen Parteien" über den Ticker, auf welche die "Kontoristen" dann klug, witzig und geistreich, vor allem eben: postwendend zu replizieren hatten.

Erfreulich gut harmonierte der Zirkel mit Karl Schiller, dem Professor für Wirtschaftstheorie und späteren Bundeswirtschaftsminister. Überraschend friktionsfrei soll ebenfalls die Zusammenarbeit zwischen Wagenbach und dem im Prinzip intellektuellenskeptischen Helmut Schmidt verlaufen sein.

Dagegen lief mit Herbert Wehner so gut wie nichts. Der Ex-Kommunist und harte Haudegen des Apparats hatte für die politisch unzuverlässigen "Kaffeehausliteraten" kaum mehr als tiefes Misstrauen, ja kalte Verachtung übrig.

Große Koalition - große Verbitterung

Natürlich, die wahlkämpfenden Sozialdemokraten empfingen keineswegs alles mit offenen Armen, was ihnen die Kreativabteilung des Schriftstellerkontors in den frühen Morgenstunden anbot. "Der Frau treu bleiben, die Partei wechseln – SPD": Zu diesem munteren Motto fehlte den anspaßungsbeflissenen Sozialdemokraten des Jahres 1965 beispielsweise jede Courage.

Man wollte partout keine bürgerlichen Wähler verschrecken - man wollte vielmehr um alles in der Welt die Pose staatsmännischer Seriosität einnehmen. So landeten etliche provokante Schlagzeilenentwürfe der Kontoristen in den Schubläden der von Wehner scharf kontrollierten Parteizentrale.

Der erstrebte Machtwechsel blieb 1965 bekanntlich noch aus. Als die Sozialdemokraten dann im Jahr darauf nach dem Rückzug der FDP aus der Regierungsverantwortung kurzerhand in die Große Koalition mit den alten Feinden von der CDU/CSU hineinsprangen, reagierten die schriftstellerischen Unterstützer empört und zornig. Man resolutionierte und telegraphierte wütende Protestmanifeste, ohne dass dies die Architekten des neuen Bündnisses indes im geringsten berührte.

Die meisten Aktivisten aus dem Kontor machten danach keinen Finger mehr für die SPD krumm. Grass – ebenfalls alles andere als ein Freund des Kabinetts Kiesinger/Brandt – bildete auch hier (fast) eine Ausnahme. Schon 1968 begann er abermals damit, für den Bundestagswahlkampf 1969 Bündnisgenossen in der intellektuellen Szene zu sammeln.

Fehde mit "Faschisten im Marxpelz"

In seinem Haus in Berlin-Friedenau kamen der Publizist Günter Gaus, der Historiker Eberhard Jäckel, die beiden Politologen und Zeitgeschichtler Kurt Sontheimer und Arnulf Baring zusammen, um eine sozialdemokratische Wählerinitiative aus der Taufe zu heben. Doch schien es sich dabei um ein totgeborenes Kind zu handeln. Intellektuelle Promis wie Peter Weiss, Martin Walser und Heinrich Böll, von Grass um Mitwirkung gebeten, erteilten den sozialdemokratischen Wahlhelfern eine unmissverständlich kühle Abfuhr.

Insgesamt war die Reputation von Grass in linksintellektuellen Kreisen Ende der 1960er Jahre nicht durchweg glänzend. Grass lag in dieser Zeit in polemischer Fehde mit den studentenbewegten Rebellen der Republik, die er rüde als "Faschisten im Marxpelz" qualifizierte. Infolgedessen stand der Blechtrommler bei all jenen, die sich damals revolutionär kostümierten, im Ruf des verdammenswerten sozialdemokratischen Konterrevolutionärs. Man darf die Zahl der SDSler, maoistischer Parteigründer, Marcusisten, Leninisten und Bakunisten auch im Nachhinein nicht überschätzen.

Das neue urbane Bürgertum war indes moderat und modisch linksliberal, rümpfte ein wenig blasiert die Nase über die Konservativen und schwärmte für Willy Brandt. Und in diesem linkslibertären Umfeld gehörte es nun, zwischen 1969 und 1972, zum guten Ton, sich parteipolitisch demonstrativ zu bekennen - durch Mitgliedschaften in Wählerinitiativen, Plaketten, Buttons, Zeitungsinserate, Aufkleber et cetera, et cetera.

Derrick, der Alte und die Mutter der Nation

Wie Pilze in feucht-warmen Spätsommernächten schossen die sozialdemokratischen Kultur- und Intellektuelleninitiativen überall in der Bundesrepublik aus dem Boden. Aus der ursprünglich projektierten Schriftsteller- und Professoreninitiative entwickelte sich eine breite sozialdemokratische Prominentenrunde mit den seinerzeit gefeierten Stars aus Funk und Fernsehen, unter ihnen der "Alte" Siegfried Lowitz, "Derrick"-Darsteller Horst Tappert, die Quiz- und Showmastern Kuhlenkampf und Frankenfeld, der Mutter der Nation, Inge Meysel und so weiter.

Das kulturelle Deutschland lag im politischen Outing-Fieber. Unter denjenigen, die Anfang der siebziger Jahre ihr Geld durch Belletristik, Musik, Unterhaltung, Malerei, Regieführung oder Schauspielerei einstrichen, gab es in der frühen Ära Brandt kaum jemanden, von dem der halbwegs interessierte Bundesdeutsche nicht wusste, für welche Partei sein oder ihr Herz schlug. In der Regel war es die Partei des lübischen "Friedenskanzlers".

Die Hautevolee in den westdeutschen Metropolen fuhr auf Vernissagen, Empfängen, Premieren stolz mit der Plakette "Bürger für Brandt" auf den Revers sündhaft teurer Jacketts und Blazers vor. Aber dann, schon ein Jahr später, war alles vorbei. Es war eben lediglich "eine Partyattitüde", wie Martin Walser mit bissigem Spott kommentierte, "es war von Grünewald bis Blankenese alles nicht so gemeint."

Das hatte mit Enttäuschungen über den rumpeligen Regierungsalltag der sozialliberalen Koalition nach Abschluss der großen ostpolitischen Vertragswerke zu tun. Im Übrigen war es wie sonst im Showgeschäft: Was gerade noch als dernier cri gefeiert wurde, rief wenig später nur gähnende Langeweile hervor.

Der Reiz des Neuen flaute rasch ab. Man wusste 1973 hinlänglich, wer von den TV-Stars rot, schwarz, blau-gelb gesinnt war. Bald galt es dann überdies ganz und gar als degoutant, sich mit einer der sowieso "visionslosen" Parteien zu "identifizieren".

Irrationale Züge und fast transzendentale Erwartungen

Natürlich hat sich bis heute kaum etwas geändert an der leicht linksliberal gefärbten Affinität zahlreicher Schriftsteller und Kulturmenschen (im Alter mittlerweile 40ff) zu Sozialdemokraten und Grünen, jetzt auch zur Linkspartei. Wenn es bei Wahlen darauf ankam, waren auch die treuen Literaten eines sozialen Reformismus verlässlich zur Stelle, Günter Grass stets vorneweg.

Doch ist die Passion der Dichter, Denker und Unterhaltungskünstler Anfang der siebziger Jahre für die Partei Willy Brandts mindestens ambivalent zu bewerten. Die schwärmerische Begeisterung zahlreicher Intellektueller für das pompöse sozialliberale Aufbruchsversprechen entbehrte nicht irrationaler Züge. Der Überschwang der Literaten überfrachtete die Regenten nachgerade mit transzendentalen Erwartungen, welche von diesseitiger Politik unweigerlich enttäuscht werden mussten.

Die merkwürdig exaltierten Frustrationen und zynischen Nihilismen der Post-Brandt-Jahre haben mit diesem jähen Sturz aus allen Träumen zu tun. Im übrigen hat die voluntaristische Politisierung der Prosa jener Jahre das Niveau der bundesdeutschen Literatur gewiss nicht gehoben, da holzschnittartige Parteinahme und skurriler Gesinnungskitsch mitunter stärker ins Gewicht fielen als Imagination, Fantasie, Kreativität, sprachliche Expressivität.

Zuweilen zirkuliert das Verlangen nach einer Synthese von Geist und Politik. Doch ernsthaft wünschen sollte man sich ein solches unverträgliches Amalgam nicht. Von einer dezenten Distanz haben beide Seiten einfach mehr.



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