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15. Februar 2015, 14:34 Uhr

Islamismus

Letzte Reise des Dela T.

Von und , Herford

Er reiste nach Syrien und starb in den Reihen einer Terrormiliz: Die Verirrungen eines jungen Mannes aus Herford zeigen, dass gerade labile Personen den Verheißungen radikaler Rattenfänger erliegen können.

"Hallo Mama", schrieb Dela T. in seinen letzten Botschaften aus Syrien. "Ich komme nicht wieder. Egal, was du sagst." Er müsse seine muslimischen Brüder und Schwestern verteidigen, und überhaupt lehne er das Leben in Deutschland inzwischen ab. Wenn sie sich dafür entschieden habe, "dann bitte". Das war im Oktober 2013. Kurze Zeit später soll der 21-Jährige in dem Bürgerkrieg gestorben sein, in den er voller Idealismus gezogen war. Womöglich erschossen ihn seine eigenen Kameraden.

Die Geschichte von Dela T. ist die eines jungen Mannes, der stärker als andere nach Halt und Identität suchte, der eine Aufgabe brauchte, nach der Bedeutung seines Daseins forschte. Sie erzählt daher auch, wie leicht labile Persönlichkeiten zum Opfer radikaler Rattenfänger werden können. Für Ordnung, Wärme und Sinn sind viele Menschen bereit, einiges zu opfern - manche sogar ihr Leben.

Michaela Härtel*, Delas Mutter, kann das nicht verstehen. Sie sucht nicht nach Sinn, sondern nach einer Erklärung dafür, wie ihr der Sohn entglitten ist. Ganz sicher habe es eine Rolle gespielt, sagt sie in einem langen Gespräch, dass er psychische Probleme hatte. Demnach litt Dela unter einer Form der Schizophrenie und musste starke Medikamente einnehmen. Einmal sei er nackt und aufgebracht über ein Feld gelaufen, erzählt sie. Er habe nach Allah gerufen, bis ihn die Polizei aufgriff.

Besonders gefährliche Männer

Ausgerechnet der anfällige Dela suchte vor einigen Jahren den Kontakt zu Männern, die deutsche Sicherheitsbehörden als besonders gefährlich einstufen. Im Zentrum dieser Gruppe steht der Tschetschene Said O., 49. Er ist einer von bundesweit mehr als 260 islamistischen Gefährdern, die unter besonderer Beobachtung stehen, weil man ihnen jederzeit Anschläge zutraut. Nach Erkenntnissen von Ermittlern kämpfte der Extremist in beiden Tschetschenien-Kriegen auf Seiten der Rebellen gegen die Russen. Seit 2001 lebt er als anerkannter Asylberechtigter in Deutschland.

Terrorfahnder haben O. im Verdacht, im kleinen Kreis als Scharfmacher für den Dschihad zu agieren. Möglicherweise nutze er dafür auch seine internationalen Kontakte, sagt ein Ermittler. Beweise gibt es dafür bislang nicht, doch ganz offenbar hatte Said O. auf Dela großen Einfluss.

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen könnte O. im Juni 2013 sogar selbst für einige Wochen nach Syrien gereist sein. Bei einer Fahrzeugkontrolle in Rumänien gab er damals an, auf dem Weg in einen Familienurlaub in der Türkei zu sein. Seltsam war nur, dass sich seine Familie in Deutschland befand und eine ganz andere Geschichte erzählte: Said O. sei in die Türkei gefahren, um dort Arbeit zu suchen. Seither fragen sich Staats- und Verfassungsschützer: Wollte O. mit seiner Tour die Ankunft potentieller Dschihadisten in Syrien vorbereiten?

Ins Kriegsgebiet aufgebrochen

Fakt ist, dass Dela T. und Sebastian B., ein weiterer Herforder Konvertit, nur zwei Wochen nach der Rückkehr des Tschetschenen ins Kriegsgebiet aufbrachen. Dort schlossen sich die Deutschen nach Erkenntnissen der Ermittler einer tschetschenischen Terrormiliz an. Insgesamt reisten im Sommer 2013 mindestens drei junge Männer aus dem Umfeld von Said O. nach Syrien. Sebastian B. kehrte zurück und wurde im Januar 2015 schließlich festgenommen, Dela blieb verschollen.

In der kleinbürgerlichen Wohnsiedlung fällt Said O. sofort auf. Der drahtige Mann mit dem langen, grauen Bart steigt aus seinem Auto und erklärt auf Nachfrage, er habe mit Ausreisen von Islamisten nichts zu tun. "Sie sind Lügner und Betrüger, alle. Ich weiß gar nicht, was Sie reden", ruft Said O. den Reportern zu und flüchtet in ein Treppenhaus. Es kommt nicht häufig vor, dass der Veteran den Rückzug antritt.

Mit den Ausschreitungen von Herford, als im vergangenen Sommer Salafisten auf Jesiden losgingen, vermittelte sich erstmals die Brutalität tschetschenischer Extremisten auch der Öffentlichkeit. Dabei gelten Ostwestfalen und Berlin schon seit längerem als Schwerpunkte islamistischer Tschetschenen. Mehrere hundert sollen insgesamt im Bundesgebiet leben, genaue Zahlen gibt es nicht, doch an der Gefährlichkeit der Männer besteht wenig Zweifel: "Wir nehmen wahr, dass Tschetschenen in der salafistisch-islamistischen Szene besonders gewaltbereit sind und daher dort eine herausgehobene Stellung einnehmen", so der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, gegenüber SPIEGEL TV.

An einem Freitag im November 2013, wenige Wochen nach Delas letzter E-Mail aus Aleppo, bekam Michaela Härtel Besuch eines Bekannten. "Dela ist tot", sagte der Freund, die Nachricht sei glaubwürdig. Verzweifelt ging die Mutter in die Moschee, in der ihr Sohn verkehrt hatte, und fragte nach Dela. Doch dort wollte niemand irgendetwas gehört haben. Erst nach langer Zeit ließ sich Delas Kumpane Sebastian B. auf ein Treffen mit Härtel ein: "Ihr Sohn ist zum Märtyrer geworden", sagte der Dschihadist nach ihrer Erinnerung, Dela sei im Schützengraben gefallen. Alle weiteren Nachfragen blockte er ab.

Ab und zu erreichen die Mutter Gerüchte über den Tod Delas, der seine Medikamente gegen die psychische Erkrankung nicht mit nach Syrien genommen hatte, wie Härtel sagt. Er sei ausgerastet, wollte weglaufen, sei unkontrollierbar gewesen, heißt es, und daher getötet worden. "Er war total sensibel", so die Mutter. "Man hat ihm den Verstand vergiftet und ihm eingebläut, er müsse in Syrien den Menschen helfen. Als er sah, was da los war, muss seine Krankheit eskaliert sein."

In der Mutter keimt seither ein schrecklicher Verdacht: Ihr Sohn wurde vielleicht ausgerechnet von den Menschen erschossen, denen er gefolgt war - und die er für seine "Brüder" hielt.


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* Name geändert

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