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07. Februar 2019, 15:49 Uhr

Kinderstars

Der Thunberg-Effekt

Eine Kolumne von

Der Aufstieg von Greta Thunberg zum Star der Klimaschutzbewegung zeigt die Macht des emotionalen Appells in der Politik. Wer sich nicht von Kinderaugen rühren lässt, muss ein Schuft sein. Oder gibt es Einwände?

Am Mittag des 8. Juni 2018 trat der Abgeordnete Thomas Seitz von der AfD ans Rednerpult des Bundestages und forderte die Anwesenden zu einer Schweigeminute im Gedenken an die in Wiesbaden ermordete Schülerin Susanna auf. Die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth, die an diesem Tag die Sitzung leitete, bat Seitz höflich, aber bestimmt, seine Redezeit für eine Rede zu nutzen. Als er ihr nicht antwortete, sondern mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf am Pult verharrte, erklärte sie seinen Auftritt für beendet und rief den Abgeordneten Carsten Schneider von der SPD auf, ans Mikrofon zu treten.

In den sozialen Netzwerken führte der Vorfall sofort ein Eigenleben. Für viele, die der Tod von Susanna sehr bewegt hatte, war die Zurechtweisung durch die Vizepräsidentin der Beweis für die Arroganz und Gefühllosigkeit der herrschenden Politik. "Wie kann man nur so kaltherzig sein, ich fasse es nicht", lautete ein typischer Kommentar auf YouTube, wo ein Video mit dem Auftritt rasend schnell Verbreitung fand. "Unmenschlich, so empathie- und mitleidlos", hieß es in einem anderen, vielfach geteilten Beitrag.

Roth hatte mit ihrer Intervention in jeder Hinsicht Recht. Die Abgeordneten sind nach der Geschäftsordnung des Bundestages aufgefordert, in der ihnen zugestandenen Redezeit ihre Ansichten zum aufgerufenen Thema vorzutragen; alles, was darüber hinausgeht, ist zu unterlassen.

Aber was gilt schon eine Parlamentsordnung, wenn es um die Zurschaustellung von Betroffenheit geht?

Der Appell an das Mitgefühl ist ein Argument, das ohne viel Worte auskommt, das macht es so wirkungsvoll. Genau genommen ist es gar kein Argument, da es darauf abzielt, Gegenrede zu unterbinden. Im Kern geht es darum, beim politischen Gegner eine Art intellektueller Duldungsstarre auszulösen. Wer sich wie Claudia Roth erdreistet, auf das Protokoll hinzuweisen, um den Meinungsaustausch sicherzustellen, gilt als herzlos und damit moralisch fragwürdig.

Außerrhetorische Mittel im Meinungskampf sind weit verbreitet

Der Auftritt des Abgeordneten Seitz hat bei den Vertretern der anderen Parteien heftige Kritik hervorgerufen. Es bestand weitgehender Konsens, dass sich die AfD unlauterer Methoden bedient hatte. Der Griff zu außerrhetorischen Mitteln im Meinungskampf ist jedoch weiter verbreitet, als den meisten bewusst zu sein scheint. Viele werden das jetzt bestreiten, aber die Wirkung der Schülerproteste, die gerade eine so außerordentliche Karriere machen, beruht zu einem nicht unwesentlichen Teil auf einem ganz ähnlichen Mechanismus der emotionalen Überrumpelung.

Um das zu erkennen, muss man sich nur die mediale Befassung mit dem Star der Kinderbewegung, der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg ansehen. Das Mädchen aus der Nähe von Stockholm brachte es binnen weniger Wochen zu internationaler Bekanntheit - und in Deutschland auf die Titelseiten von "Zeit" und "Stern".

In dem Fall ist es nicht die Pietät, also die Scheu, einen Trauerakt zu unterbrechen, auf die man vertraut, sondern der Schutzinstinkt gegenüber Menschen, die noch der Fürsorge bedürfen. Was will man einer 16-Jährigen entgegenhalten, die mit glühenden Wangen sagt, dass sie Angst vor der Zukunft habe? Ein Mensch, der sich nicht von Kinderherzen rühren lässt, sondern dabei bleibt, dass man vorerst an Kohle und Öl festhalten sollte, der muss ein Schuft sein. Das ist wie mit der Ermahnung, im Bundestag keine spontanen Gedenkveranstaltungen abzuhalten.

Es findet sich für alles eine Stimme und ein Beleg

Bei Greta Thunberg kommt hinzu, dass sie als nicht gesund gilt. Im Alter von elf Jahren wurde Greta den Angaben der Familie zufolge depressiv und entwickelte eine schwere Essstörung. Dann wurde bei ihr Asperger diagnostiziert, also eine Störung aus dem Formenkreis des Autismus. Greta erklärt dazu, dass ihr das Asperger-Syndrom geholfen habe, den Kampf gegen den Klimawandel in Angriff zu nehmen, weil sie so die Welt ohne Graustufen sehe. Umgekehrt bedeutet das nur eben auch, dass man auf sie besondere Rücksicht nehmen muss.

Wie rabiat jede Gegenrede geahndet wird, kann man an einer Reihe journalistischer Beiträge sehen, die sich eher wie Verteidigungsschriften denn wie Berichte lesen. Wie nicht anders zu erwarten, hatten sich auf Twitter und Facebook sofort Einträge gefunden, die den Auftritt des Mädchens kritisch sahen. Manche waren sachlich im Ton, manche ziemlich gemein - wie es eben so ist, wenn man in die sozialen Medien eintaucht: Es findet sich für alles eine Stimme und ein Beleg.

In diesem Fall schien es allerdings so, als ob ein Teil der Begleitpresse nur darauf gewartet hätte, dass sich ein paar rechte Recken abfällig äußern. Seht her, las man in einer Reihe von Artikeln, so schlimm wird das Mädchen in rechten Kreisen gemobbt! Damit war die Grenze markiert. Wer sich jetzt noch kritisch zu äußern wagte, befand sich an der Seite von Kinderhassern.

Auch die moralische Erpressung hat ihren Preis, dieser Preis fällt nur nicht gleich ins Auge. Wie bei allen menschlichen Begegnungen gelten beim argumentativen Austausch Fairnessregeln, die man nicht ungestraft verletzten kann. Der Unterlegene mag im Moment keine Abhilfe wissen - aber das heißt nicht, dass die Wut, die aus dem Gefühl der Ohnmacht erwächst, verraucht. Die Erfahrung lehrt, dass sie an anderer Stelle zum Vorschein kommt. Manchmal ist dieser Ort die Wahlkabine.

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