Der Kanzler in der Platte "Ich wollte das mal sehen"

Kanzler Schröder will mit einer Aktion von Bund, Ländern und Kommunen gegen den Wohnungsleerstand in Ostdeutschland vorgehen. In Schwedt, wo trotz Abriss und Sanierung 2000 Wohnungen leer stehen, schaute er sich die Misere an.


Schwedt - Im Plattenbauviertel von Schwedt an der Oder wollte der Bundeskanzler Bescheidenheit zeigen. Er sei wohl einer der ganz wenigen in seinem Tross, die zur Miete wohnen, mutmaßte Gerhard Schröder. Dass sein Domizil nicht mit der 50-Quadratmeter-"Platte" zu vergleichen ist, die er gerade besichtigt hatte, gab Schröder aber zu: "140 Quadratmeter - zu dritt."

Leere Platte in Erfurt
DPA

Leere Platte in Erfurt

In dem sanierten Haus zeigte sich der aus Berlin in die gut 80 Kilometer entfernte Grenzstadt gereiste Regierungschef aber zuversichtlich. Der sanierte elfstöckige Bau sei ein Beispiel dafür, dass "mit vereinten Kräften" - der Kanzler meint Bund, Länder und Gemeinden - etwas zu machen sei gegen die Trostlosigkeit, wie sie sich in leer stehenden Straßenzügen ausbreitet.

"Ich wollte das persönlich mal sehen", sagte der Besucher und ließ sich von Barbara Rückert, der resoluten Baudezernentin, einführen. An einem aufgebauten Lego-Modell schwanden unter ihren Händen die Hochhäuser - die Stadt hat im Gegensatz zu anderen von Leerstand geplagten ostdeutschen Kommunen ganze Blöcke schon abgerissen und gleichzeitig die Nachbarhäuser saniert.

"Ich bin ja hier, um etwas mitzunehmen", sagte der Kanzler und löcherte die Frau im roten Kostüm mit Fragen. Wie teuer ist die Miete, was ist das Problem bei der Finanzierung von Platten-Abrissen? "Was ist das denn?" lautete die prompte Frage, als vom "Honecker-Buckel" die Rede war - es sind die geburtenstarken Jahrgänge in der DDR. Wenn diese Generation in Schwedt nicht zu halten sei, dann - Barbara Rückerts Hand kreiste über mehreren Straßenzügen des Modells - "müssen wir das alles wegnehmen".

Es brandete Applaus auf, als Schröder am Nachmittag vor der bunt bemalten Kita "Naturkindergarten" aus einem Bus kletterte. Ein paar Meter weiter entrollten ein paar kahlköpfige, rechtsgerichtete Jugendliche ein weißes Transparent mit der Aufschrift "Widerstand lässt sich nicht verbieten - Kameradschaft Schwedt". Der Kanzler sah es nicht. Ihre "Heuchler, Heuchler"-Rufe begleiteten später den Kamera-Tross, mit dem Kanzler in der Mitte, auf dem Weg zu einer sanierten Plattenbau-Wohnung.

Der Kanzler in ihrer Stadt - die Schwedter schauten zu: in die Fenster der sanierten, in weiß und rosa getünchten Häuser gelehnt, oder auf der Straße. Holger Taege etwa: Mit Frau und Kind war der 40-jährige Arbeitslose gekommen. "Wenn das so weitergeht, wird hiervon mal ein Dorf übrigbleiben", blickte er düster in die Zukunft. Der Kanzler solle mal was tun. Die Grenzstadt hat seit der Wende 26 Prozent der Einwohner verloren, und immer noch ziehen 1000 Menschen pro Jahr fort.

Ulrike Hofsähs, dpa



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