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Jakob Augstein

Normalbürger versus Elite Der Politiker als Übermensch

Volker Beck soll weg, weil er mal Drogen genommen hat? Martin Schulz soll nicht Kanzler werden, weil er kein Abitur hat? So ein Unsinn. Lasst uns echte Menschen wählen. Abgehobene Politiker hatten wir genug.
Politiker Steinmeier, Göring-Eckardt und Hofreiter im Deutschen Bundestag

Politiker Steinmeier, Göring-Eckardt und Hofreiter im Deutschen Bundestag

Foto: Bernd Von Jutrczenka/ dpa

Politiker sind aus Plastik. Leicht abwaschbar. Sie haben keine Vergangenheit, sie brauchen keinen Schlaf und außerdem müssen sie nie aufs Klo. Sie führen glückliche Ehen, nehmen keine Drogen, haben allesamt etwas Kluges studiert und zusätzlich sind sie noch beliebt beim einfachen Volk. Toll. Aber leider Unsinn. Außer Queen Elizabeth II. und Angela Merkel gibt es praktisch niemanden, auf den das zutrifft. Aber selbst unsere Angela ist in Wahrheit keine Außerirdische, sondern eine Auster. Diese Kanzlerin wirkt auch deshalb so beeindruckend, weil man nach elf Jahren im Amt praktisch nichts von ihr weiß. Die Öffentlichkeit sollte endlich aufhören, im Politiker den Übermensch zu suchen.

Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck muss um sein Mandat im Bundestag fürchten. Die Polizei hatte ihn im Frühjahr mit 0,6 Gramm einer verbotenen Substanz erwischt, wahrscheinlich Methamphetamin, Crystal Meth. Ein Drogenskandal für die Grünen - zufälligerweise zwölf Tage vor der Wahl in drei Bundesländern. Honi soit qui mal y pense. Jedenfalls meint jetzt mancher bei den Grünen, Beck soll weg.

Gnadenlos gegen Politiker

Ausgerechnet Beck! Er ist in der deutschen Politik immer noch die wichtigste Stimme für die Rechte der Homosexuellen. Er ist ein glaubwürdiger und entschlossener Kämpfer gegen Rassismus und Antisemitismus. Er setzt sich mit einer Leidenschaft, die nur noch wenige Linke mobilisieren können, für ein gutes deutsch-israelisches Verhältnis ein und hat gleichzeitig nie gezögert, die israelische Siedlungspolitik zu kritisieren. Kurz: Er gehört zum schmaler werdenden Rest seiner Partei, der das bürgerrechtliche Erbe der Grünen noch glaubwürdig vertreten kann.

Die Grünen sollten sich freuen, dass sie noch solche Politiker haben.

Was gibt es Besseres als einen prominenten Experten, der auch noch produktiv, prononciert und provokant ist? Offenbar freuen sich die Grünen aber nicht.

"Manche Politikbeobachter verhalten sich so aggressiv gegenüber dem amtierenden Personal, als hätten sie noch eine zweite politische Klasse in petto." Bernd Ulrich hat das jetzt in der "Zeit" geschrieben. In der Tat: Es gibt eine Gnadenlosigkeit, wenn es um Politiker geht, die ist demokratiebeschädigend. Und paradox: Der große Klagegesang der Gegenwart richtet sich gegen die politischen Eliten und ihre Abgehobenheit, ihre Entferntheit vom Volk. Gleichzeitig aber beharrt die Öffentlichkeit auf solchen Ansprüchen an die Männer und Frauen des politischen Betriebes, als wäre dieser Betrieb ein Kloster - oder eine Akademie. Es wird die Akademisierung beklagt. Und gleichzeitig wird sie vorausgesetzt.

Erinnert sich noch jemand an Petra Hinz? Das war die SPD-Politikerin, deren Biografie im vergangenen Sommer als Lüge entlarvt wurde. Frau Hinz, damals Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Essen III, hatte sich für ihren Lebenslauf ein Abitur erfunden, das sie nicht gemacht hatte, und ein juristisches Studium, das es nicht gab. Sie legte alle Ämter nieder. Sie gab ihr Mandat zurück. Sie verließ die Partei. Niemand setzte sich für sie ein.

Die sozialen Barrieren werden höher

Aber die entscheidende Frage wurde in der Partei gar nicht gestellt: Warum hatte Frau Hinz geglaubt, sie könne bei der SPD nur als studierte Juristin Karriere machen? Offenbar ist sie eine tüchtige Frau. Der Weg in den Bundestag ist keine Kleinigkeit. Es gelang ihr zweimal, ihren Wahlkreis direkt zu erobern, beim dritten Mal zog sie über einen sicheren Listenplatz ins Parlament ein. Studium und Abitur brauchte sie offenbar nicht. "Ich mache mir Sorgen, dass die SPD vor lauter Akademisierung den Kontakt zu den einfacheren Leuten verliert", hat Sigmar Gabriel gesagt.

Auch Martin Schulz hat kein Abitur. Schlimmer: Schulz hat sich vom verhinderten Profifußballer und Trinker erst zum Buchhändler, dann zum Politiker und schließlich zum Präsidenten des Europäischen Parlaments hochgearbeitet. Ein solcher Weg ist offenbar nicht mehr vorgesehen. Das Trennende nimmt zu. Die sozialen Barrieren werden höher. Wenn es doch mal einer schafft, sie zu überwinden, dann macht er sich verdächtig.

"Dass viele Medien diesem im Volk weithin unbekannten Mann - der die Zulassung zum Abitur nicht schaffte, wenig später zum Trinker wurde, bevor er als grantelnder Abstinenzler für 22 Jahre im Brüsseler Europaparlament verschwand - plötzlich die Befähigung zur Kanzlerschaft zutrauen, ist nur mit journalistischer Telepathie zu erklären", hat der "Handelsblatt"-Journalist Gabor Steingart geschrieben. Das ist der Tonfall einer arroganten Elite, gegen den sich zurecht ein wütender Populismus erhoben hat.

Echte Menschen sollen uns regieren. Abgehobene Politiker hatten wir genug.