Desaster in NRW Schock zum Start

Nicht einmal zwei Wochen ist er Innenminister in NRW - und schon steht Ralf Jäger wegen der Love-Parade-Katastrophe unter Druck. Was wussten seine Leute von den Sicherheitsmängeln in Duisburg? Auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ist der Start ins Amt verhagelt.

Innenminister Jäger, Regierungschefin Kraft: Vorsicht ist oberste Ministerpflicht
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Innenminister Jäger, Regierungschefin Kraft: Vorsicht ist oberste Ministerpflicht

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Berlin/Düsseldorf - Ralf Jägers Spitzname lautet "Jäger 90". Weil er als Oppositionspolitiker die schwarz-gelbe Regierung so häufig und hartnäckig aufs Korn nahm. Nun ist der 49-Jährige seit knapp zwei Wochen Minister - und die Love-Parade-Katastrophe überschattet den Start in sein neues Amt. Der forsche Mann von der SPD ist nicht wiederzuerkennen.

Plötzlich muss Jäger, der sich in sein Haus mit mehr als 900 Mitarbeitern in Ruhe einarbeiten wollte, Krisenmanager für ein ganzes Land sein. Aus dem Stand. Und er muss helfen, Antworten auf drängende Fragen zu finden.

Für die organisatorischen Pannen auf dem Love-Parade-Gelände trägt sein Haus nach jetzigem Stand keine Verantwortung, das ist Sache der Duisburger Stadtverwaltung und des Veranstalters Lopavent. Dass Jäger noch am Freitag erklären ließ: "Wir sind in der Lage, bestmöglichen Schutz für die Menschen zu gewährleisten", bezog sich nach Angaben seines Hauses nur auf den öffentlichen Raum außerhalb des Geländes. Unklar ist, ob Jäger das heftig umstrittene Sicherheitskonzept überhaupt kannte.

Aber ist bei der Planung für den öffentlichen Raum wirklich alles optimal gelaufen, wie man im Innenministerium behauptet? Mehr als 4000 Polizeibeamte seien im Einsatz gewesen, heißt es, außerdem mehr als 5600 Feuerwehrleute, Sanitäter und andere Helfer, und zwar von Anfang an. Am Freitag hatte Jäger noch von deutlich kleineren Zahlen gesprochen, zusätzliche Kräfte seien "in Bereitschaft", obwohl man da schon mehr als eine Million Besucher erwartete.

Jäger ist zuständig für die Polizei in NRW - das könnte für ihn eine Herausforderung werden, falls sich erweist, dass die Sicherheitskräfte Fehler gemacht haben. Die Duisburger Polizei hat inzwischen die Ermittlungen gegen Unbekannt wegen des Desasters abgegeben, um jeden Verdacht von Befangenheit auszuschließen. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen soll die Kölner Polizei diese übernehmen, während das Love-Parade-Einsatzkonzept der Polizei nun vom Präsidium Essen überprüft wird.

Ralf Jäger will sich zu inhaltlichen Fragen bisher nicht äußern. Vorsicht ist in diesen Tagen oberste Ministerpflicht. Nur am Samstagabend gab er dem WDR ein kurzes TV-Interview. Man warte die Ermittlungen ab, heißt es. Am Montag informierte Jäger die Innenpolitiker der Landtagsfraktionen über den Stand der Dinge. Danach verschickte seine Pressestelle eine dürre Erklärung, in der Jäger vor allem den Einsatzkräften für ihr Engagement dankte.

Heikel ist das Duisburger Debakel für Jäger wohl auch deshalb, weil er in der Stadt geboren wurde und dort mit seiner Frau und drei Kindern wohnt. Hier begann er seine politische Karriere, hier wurde er Chef der sozialdemokratischen Ratsfraktion und Vorsitzender des SPD-Stadtverbands. Letztere Funktion will Jäger auch als Innenminister nicht aufgeben, teilte er kürzlich mit.

Als Love-Parade-Warner war der oberste Duisburger Sozialdemokrat nur aufgefallen, als er auf die Kosten der hochverschuldeten Kommune für die Veranstaltung hinwies. Am Ende übernahmen die Landesregierung und der Hauptsponsor McFit - das Unternehmen des Love-Parade-Veranstalters Rainer Schaller - große Anteile der städtischen Kosten.

Schwieriger Start für Ministerpräsidentin Kraft

Jäger hat als Innenminister nach dem Wochenende nun eine schwere Aufgabe - genau wie seine Chefin Hannelore Kraft. Gerade erst hatte sie mit einiger Mühe ihre rot-grüne Regierung installiert, die über keine Mehrheit im Landtag verfügt. Nun muss sie sich gleich in der Katastrophenbewältigung beweisen.

Dass die Love Parade Duisburg und dem Ruhrgebiet gut tun würde, das hat die Oppositionspolitikerin Hannelore Kraft mehrfach gesagt. Da war sie ganz auf Linie mit dem damaligen CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und seiner schwarz-gelben Regierung. Kraft sprach sich öffentlich für das "Stück Jugendkultur" aus, das so prima ins Jahr der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 passe.

Nun ist Ruhr.2010 mitbeschädigt - auch wenn die Organisatoren nichts miteinander zu schaffen hatten, die Duisburger Massenparty lief in der Außendarstellung gut und gern unter dem Siegel mit.

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Seite 1
Hovac 25.07.2010
1. traurig
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
lawinchen, 25.07.2010
2. Rhetorische Frage
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
xkultx 25.07.2010
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
waffenstillstand 25.07.2010
4.
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
gisu 25.07.2010
5. Schuld haben
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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