Designierter Parteichef Özdemir bewahrt Grüne vor der Krise

Cem Özdemir kandidiert weiter für den Grünen-Vorsitz - trotz seiner Doppelschlappe bei der Nominierung für die Bundestagswahl. Die Partei atmet auf: Der einzige Bewerber um den Chefposten erspart den Grünen damit eine Personalkrise.

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Berlin - Reinhard Bütikofer bemühte einen großen Vergleich. Als den Parteirat um kurz nach halb eins die gute Nachricht erreichte, habe er sich an den Nominierungsparteitag der US-Demokraten in Denver erinnert. Dort, so ist es dem scheidenden Grünen-Parteichef im Gedächtnis geblieben, zitierte Joe Biden, Barack Obamas Vize-Kandidat, eine Lebensweisheit seines Vaters: "Es kommt nicht darauf an, wie oft du zu Boden geworfen wirst. Es kommt darauf an, wie oft du wieder aufstehst." Möglicherweise, schlussfolgerte Bütikofer, hat Cem Özdemirs Vater seinem Sohn einst Ähnliches mit auf den Weg gegeben.

Cem Özdemir auf dem Landesparteitag in Schwäbisch Gmünd: "Von Rückschlägen nicht beirren lassen"
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Cem Özdemir auf dem Landesparteitag in Schwäbisch Gmünd: "Von Rückschlägen nicht beirren lassen"

Ob es nun der Vater war, der dem jungen Cem früh die Hartnäckigkeit lehrte, oder die eigene Lebenserfahrung, sich als Migrant in diesem Land durchzuboxen, es zu etwas bringen zu wollen. Der 42-jährige Europapolitiker, der sich schon nach Bonusmeilen- und Kredit-Affäre ins politische Rampenlicht zurückkämpfte, hat in der Tat einmal mehr Nehmerqualitäten bewiesen: Trotz der Doppelschlappe vom Samstag, als ihm die einst als Muster-Realos geltenden baden-württembergischen Parteifreunde einen aussichtsreichen Listenplatz für die Bundestagswahl verweigerten und sich darüber zum Teil auch noch hämisch freuten, gibt er nicht auf: Özdemir will an die Spitze, er wird im November in Erfurt für die Nachfolge Bütikofers kandidieren. Auch ohne Mandat.

"Ich habe in meinem politischen Leben gelernt, dass es sich lohnt, zu kämpfen und sich von Rückschlägen nicht beirren zu lassen", erklärte Özdemir am Montagmittag. Rund 38 Stunden waren da seit der Demütigung von Schwäbisch Gmünd vergangen, 38 Stunden, in denen ein tief gekränkter Hoffnungsträger erst einmal abgetaucht war, um die Klatschen der Südwest-Basis im Stillen zu verdauen.

"Dienst an der Partei"

Umso größer war die Erleichterung, als Özdemir sich endlich zu Wort meldete. "Einhellige Zustimmung" habe es im Parteirat gegeben, dem zweithöchsten Grünen-Gremium, wusste Bütikofer den Journalisten in der Berliner Parteizentrale zu berichten - noch bevor er zum Über-Thema dieser Tage, der Finanzkrise, kam. Von einem Schaden für den künftigen Chef wollte Bütikofer nichts wissen: Erst in der Niederlage zeige sich, "aus welchem Holz jemand geschnitzt ist".

Die baden-württembergischen Landesvorsitzenden Petra Selg und Daniel Mouratidis freuten sich über "eine sehr gute und wichtige Entscheidung für die Partei" Von Befreiung gar sprach Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Özdemirs Entscheidung sei ein "ein Dienst an der Partei". Er zeige die Größe, die man als Parteichef brauche.

Schon am Sonntag hatten sich zahlreiche grüne Spitzenpolitiker eilig mit Özdemir solidarisiert. Die Furcht war plötzlich groß, der Kandidat könnte abspringen, die Partei wäre damit in eine tiefe, hausgemachte Führungskrise geschlittert. Monate hatte man nach einem geeigneten Nachfolger für Bütikofer gesucht, sich eine Absage nach der anderen eingehandelt, zuletzt hatte Özdemirs Kurzzeit-Konkurrent Volker Ratzmann zurückgezogen. Hätte der einzige Anwärter hingeworfen, die Grünen hätten vier Wochen vor dem Parteitag ohne Chefbewerber dagestanden. "Einen Plan B gibt es nicht", hieß es noch am Sonntagmorgen vom Reformerflügel, zu dem Özdemir zählt.

Doch an der Aufrichtigkeit mancher Solidaritätsbekundungen gibt es offene Zweifel - vor allem an der von Fraktionschef Fritz Kuhn, der Özdemir am Montagmorgen noch als "hervorragenden Kandidaten" lobte. Es blieb nicht unbemerkt, dass Kuhn am Samstag bei der entscheidenden Abstimmung über den letzten halbwegs sicheren Listenplatz darauf verzichtete, die Delegierten aufzufordern, sich nicht in der Trennung von Amt und Mandat zu verbeißen und Özdemir den Weg für die Rückkehr in den Bundestag zu ebnen.

Die Nürtinger Bundestagsabgeordnete Uschi Eid wies Kuhn schon am Samstagabend die Verantwortung zu. Der Fraktionschef betreibe Özdemirs Scheitern, um am Ende selbst als Retter in der Not den Parteivorsitz zu übernehmen - schließlich stünde er in der Spitzenriege Özdemir/Roth und Künast/Trittin am Ende mit leeren Händen da.

Wenn Kuhn gewollt habe, dass Özdemir für den Bundestag nominiert wird, "warum hat er dann nicht dafür gesorgt, dass er wenigstens den achten Platz bekommt?", wetterte der Berliner Bildungsexperte Öcan Mutlu, ein Özdemir-Vertrauter. Und selbst Parteichef Bütikofer erklärte vielsagend, er wolle offen lassen, ob alle "Verantwortlichen" richtig gehandelt hätten. Ein "Schmuckstück" sei die Delegiertenkonferenz in Schwäbisch Gmünd jedenfalls nicht gewesen.

Özdemir machte in seiner Erklärung deutlich, dass er weiter glaubt, "dass es für die Partei ein großer Vorteil ist, wenn Bundesvorsitzende auch in der Bundestagsfraktion vertreten sind" - auch wenn er das angestrebte Bundestagsmandat nie als Bedingung mit seiner Kandidatur verknüpft habe.

Der "anatolische Schwabe" wollte die Verankerung in der Fraktion, zumal die derzeitige und auch künftige Ko-Vorsitzende Claudia Roth ihren Platz im Parlament hat. Mit der Parteilinken auf Augenhöhe wollte Özdemir die Grünen führen. Allein mit dem ausgesprochen schlanken Apparat der Parteizentrale wird der neue Spitzenjob für ihn nun deutlich schwerer.



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