Deutsch-britisches Verhältnis "Wir sind Seeleute, ihr seid Waldleute"

Deutsche sind arrogant, überheblich, ängstlich. Das glauben zumindest viele Briten. Die Deutsche Botschaft und das Goethe-Institut in London wollen nun Deutschlands ramponiertes Image mit einer Werbekampagne "Cool Germany“ aufpolieren. Für den Berlin-Korrespondenten der "Times", Roger Boyes, ein hoffnungsloses Unterfangen.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Boyes, warum können die Engländer uns Deutsche nicht leiden?

Roger Boyes: Ist das eine ernsthafte Frage? Mein Gott, warum müsst ihr Deutschen immer so viel Wert darauf legen, was andere von euch denken. Aus der Psychose müsst ihr herauskommen. Denken Sie, es kümmert uns Engländer, ob wir beliebt sind oder nicht? Es ist uns völlig egal, ob die Holländer uns gern haben. Es muss keine Liebe entstehen zwischen den Völkern, man muss nur miteinander klar kommen.

SPIEGEL ONLINE: Angriffe auf deutsche Austauschschüler, die in England die Sprache lernen wollen, der deutsche Kollege, der in London mit Hitler-Gruß und "Achtung, Achtung"-Rufen gepiesackt wird: Anscheinend sind es die Engländer, die nicht mit den Deutschen klar kommen.

Boyes: Na gut, es gibt manchmal eine idiotische Feindseligkeit. Wenn wir den Zweiten Weltkrieg mal beiseite lassen, kann man sagen, dass die daher rührt, dass wir uns viel zu ähnlich sind. Wir sind wie Cousinen, unsere Reibungen kommen von zu viel Nähe.

SPIEGEL ONLINE: Das Verhältnis England-Deutschland ist wie das Klischee einer Frauenfreundschaft - man mag sich eigentlich und kratzt sich deshalb die Augen aus?

Boyes: Ja, nur noch komplizierter. Wir sind Seeleute, ihr seid Waldleute. Aber deutsche Diplomaten sagen mir oft, dass sie bei den Engländern gleich zur Sache kommen können, anders als bei den Franzosen. Wir sind beide pragmatische Völker und können improvisieren. Über Harald Schmidt würden die Engländer herzhaft lachen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn wir uns so gleichen, was ist dann noch das spezifisch Deutsche?

Boyes: Nach der Wiedervereinigung gab es ein berühmtes Treffen, zu dem die damalige Premierministerin Margaret Thatcher Historiker und Philosophen auf ihren Landsitz eingeladen hatte. Da wurde diese Frage erörtert: Wie ist der deutsche Charakter? Heraus kam eine Liste von A bis Z: arrogant, überheblich, die Deutschen haben Angst, Selbstzweifel, sind überempfindlich und arbeiten wie die Ameisen. Die Liste geht noch weiter, aber mir fällt momentan nichts mehr ein.

SPIEGEL ONLINE: Das reicht ja auch erst einmal, schönen Dank auch.

Boyes: Ja, das reicht. Aber das waren nun mal die Eigenschaften, die man den Deutschen Anfang der neunziger Jahre zugeschrieben hat. Dieses übertrieben negative Bild hat damals auch die Politik bestimmt. Und die Boulevard-Zeitungen haben mit ihren Berichten über Helmut Kohls Essgewohnheiten, Fußball-Kriege und Neonazis in dieselbe Kerbe geschlagen. Das war eine gefährliche Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat das die britische Politik beeinflusst?

Boyes: Ein Grundelement britischer Politik seit dem Krieg ist, die Bundesrepublik von Frankreich zu trennen und mit beiden Ländern separat zu verhandeln. Das war und ist die unausgesprochene Logik der englischen Europa-Politik.

SPIEGEL ONLINE: Unter solchen Vorzeichen ist es für einen deutschen Botschafter in London keine leichte Aufgabe, die Engländer für sich zu gewinnen.

Boyes: Ich habe inzwischen viele Botschafter in London kommen und gehen gesehen. Am Anfang sind sie alle ganz nett und offen und gehen mit den Chefredakteuren der Boulevardblätter essen.

SPIEGEL ONLINE: Bis dann die "Sun" nach so einem Lunch titelt: "The Sun met the Hun".

Boyes: Ja, da ist dann der Botschafter gezwungen, einen Protestbrief zu schreiben. Und wir denken dann: Vorurteil bestätigt, die Deutschen haben keinen Humor. Damit fängt ein negativer Zyklus an, und zum Schluss hofft der deutsche Botschafter nur noch auf eine Versetzung nach Belgien. Deutscher Presseattachée in London zu sein ist eine echte Strafe, die müssen immer die Kohlen aus dem Feuer holen.

SPIEGEL ONLINE: Da hilft nur noch die Flucht nach vorn.

Boyes: So ist es. In ein paar Jahren wird es in Groß-Britannien zu einem Referendum darüber kommen, ob wir den Euro wollen oder nicht. Dann werden die Euro-Gegner die negativen Vorurteile gegenüber Deutschland wieder hochspielen. Um das zu verhindern, haben sich die Botschaft und das Goethe-Institut darauf geeinigt, Deutschland jetzt schon offensiv zu vermarkten. Sie haben Experten eingeladen, die normalerweise BMW verkaufen oder Claudia Schiffer beraten. Diese Leute sollen sich, ähnlich der "Cool Britannia"-Kampagne, ums Deutschland-Branding kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Nun war "Cool Britannia", die der Premier Tony Blair damals angeschoben hat, ja kein großer Erfolg und hat den Machern Hohn und Spott eingebracht.

Boyes: Genau, weil man ein Land eben nicht wie Spreewald-Gurken verkaufen kann. "Cool Britannia" war nur auf London bezogen, weil man Wales unmöglich als schick und modern verkaufen konnte. In Deutschland ist das Problem, dass Berlin eine etwas abgelegene, preußische und bankrotte Stadt ist - also nicht sehr cool.

SPIEGEL ONLINE: Wie also soll sich Deutschland dann gegen seinen schlechten Ruf wehren?

Boyes: Man muss die negativen Stereotypen zu Ende denken und den Spieß umdrehen. Wenn Berlusconi sagt, es fehle den Deutschen an Humor, dann glauben die Engländer das auch. Die These ist: Deutschland ist eine ironiefreie Zone. Dabei ist Ironie ja nicht unbedingt nett, sie ist eine Art Täuschung, ein nicht ganz ehrlicher Humor. Ironie versucht, Leute klein zu machen. Die Deutschen sind ehrlicher, direkter. Sie sind anständiger, bessere Freunde und deshalb auch bessere Alliierte. Die Abneigung gegen Ironie ist bei näherem Hinsehen also eine positive Eigenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Und mit solch positiven Eigenschaft sollte man hausieren gehen?

Boyes: Das Grundproblem ist, dass in Deutschland patriotisches Vokabular immer verdächtig bleiben wird. Es ist unfähig, seine Nationalinteressen richtig auszudrücken und eigene Erfolge mit Stolz zu erleben. Man kann kein Land vermarkten, das voller Selbstzweifel ist.

SPIEGEL ONLINE: Also bleibt nur, "Cool Germany" abzublasen, weil wir imagetechnisch sowieso ein hoffnungsloser Fall sind?

Boyes: Was die Medien angeht, muss man den Redakteuren, die als Korrespondenten nach Berlin kommen, eine Crash-Kurs in Geschichte verpassen, damit sie ein Gespür für das Land bekommen. Die Chefredakteure der englischen Tageszeitungen müssen nach Deutschland eingeladen werden, damit sie sehen, welche Themen abseits vom Dritten Reich in der Bundesrepublik relevant sind. Die deutsche Informationspolitik ist zu schwach. Die Regierung muss Nachrichten aus Deutschland besser verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Das waren die Medien. Wie aber überzeugen wir den normalen Engländer davon, dass wir eigentlich ganz liebenswert sind?

Boyes: Da rate ich Ihnen nur eins: Geben Sie's auf.

Das Gespräch führte Ulrike Putz

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