Deutsche Einheit Wahlkampf im Osten - ohne Ossis

15 Jahre nach der Wiedervereinigung bestimmen oft noch Westdeutsche, wo es lang geht im Osten. Doch das politische Selbstbewusstsein in den neuen Ländern wächst, sagen Sozialwissenschaftler.

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Ostdeutschland: Demonstranten fordern mehr Arbeitsplätze
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Ostdeutschland: Demonstranten fordern mehr Arbeitsplätze

Teutschenthal/Saalkreis - Das ehemalige Braunkohle- und Chemiegebiet bei Halle war bisher nicht für seine Schönheit bekannt. Doch auf Schloss Teutschenthal, etwa 15 Kilometer von der mitteldeutschen Großstadt entfernt, funkelt und glänzt es an jeder Ecke.

In einem goldverzierten Spiegelsaal treffen sich Mitte August die örtlichen Direktkandidaten von CDU, FDP, SPD, Grüne und Linkspartei zu einer Podiumsdiskussion. Sie treten alle im problembeladenen Wahlkreis Bitterfeld/Saalkreis/Bernburg an, sprechen über Bundespolitik und sind sich im Großen und Ganzen einig: Die Gegend braucht mehr Investitionen, mehr Bildung.

Eigentlich ist Wahlkampf, aber die Gegner streiten nicht. Von Rivalität ist keine Spur. Im Gegenteil: Sie verbindet viel. Erstens: Sie wollen in den Bundestag. Zweitens: Sie kandidieren im Osten. Drittens: Sie sind fast alle Wessis. Außer der Grünen Ines Brock. Vier von fünf Kandidaten aus dem Westen - nichts ungewöhnliches in Ostdeutschland.

Das Phänomen westdeutscher Politiker auf den Landeslisten der neuen Bundesländer im Wahlkampf 2005 findet man häufig. Die CDU-Liste in Berlin ist auf allen aussichtsreichen Plätzen ausschließlich mit Westberlinern und Westdeutschen besetzt. Die FDP änderte ihren Listen zugunsten westdeutscher Kandidaten in Berlin und Brandenburg. Selbst bei der PDS mussten sich Vorstandsmitglieder in Erfurt laut der "Thüringer Allgemeinen" erst kritisch gegen eine "hessische Thüringen-Liste" äußern, bis diese weniger "Wessis" aufwies. Käme die Linkspartei bei der Wahl tatsächlich auf 11 Prozent, wären das 66 Abgeordnete - davon 37 Westdeutsche. Fast alle hätten sie ihre Mandate aus ostdeutschen Wahlbezirken.

Ostdeutsche werden immer noch von Westdeutschen vertreten

Vor allem in den Jahren nach der Wende 1989/90 dominierten Westdeutsche die Politik der neuen Länder. Vier von fünf Ministerpräsidenten kamen zeitweilig Anfang der Neunziger Jahren aus dem Westen - nur Manfred Stolpe stammte aus der ehemaligen DDR.

Auch heute noch kommen etwa die Hälfte der Mitglieder ostdeutscher Landesregierungen aus der alten Bundesrepublik. Nach Recherchen des Mitteldeutschen Rundfunks, Stand 2004, sind Ostdeutsche gerade mal mit elf Prozent in der Bundesregierung vertreten.

Und wie sieht es umgekehrt aus? Von ostdeutschen Politikern in den alten Bundesländern kann - außer bei CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel - nicht die Rede sein. Die im Verhältnis zur Bevölkerung unterrepräsentierten ostdeutschen Politiker werden ausschließlich im Osten gewählt. Ossis, die politisch im Westen reüssieren, gibt es kaum.

Soziologe Reißig: Neue ostdeutsche Mentalität

Soziologe Reißig: Neue ostdeutsche Mentalität

"Die Übermacht westdeutscher Eliten im Osten ist nach wie vor eine Folge des besonderen deutschen Transformationsfalls", erklärt Rolf Reißig, Sozialwissenschaftler und Autor des Buches "Die deutsche Einheit - ein unvollendetes Projekt". Die DDR ist nach dem Fall des Eisernen Vorhangs der einzige Staat, der sich komplett auflöste und einer anderen Republik beitrat. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Funktionseliten der DDR ersetzt. Das geschah auch in anderen sozialistischen Staaten - doch im Gegensatz zu Polen oder Ungarn wurde das neue Deutschland 1990 im Osten durch den Elitentransfer von Ost nach West geprägt.

In Ostdeutschland ist "etwas Drittes" entstanden

Eine "Verwestung des Ostens" hat nach Reißigs Ansicht trotzdem nicht stattgefunden. Vielmehr sei in Ostdeutschland nach der Wende eine neue, besondere ostdeutsche Identität entstanden. In den neuen Ländern stehen seiner Auffassung nach die Themen Arbeit, Gerechtigkeit und Anerkennung im Zentrum des politischen und gesellschaftlichen Lebens. Während sich 1990 noch rund 70 Prozent der Ostdeutschen als "Bundesbürger" fühlten, sind es heute genauso viele, die sich primär als "Ostdeutsche" bezeichnen, erklärt Reißig. Ein neues Wir-Gefühl sei entstanden. Die Ostdeutschen wollen sich nicht mehr einfach nur dem Westen anpassen, sondern als "Ossis" akzeptiert werden.

"Der Osten wird selbstbewusster", resümiert Reißig. Eine Demokratisierung "von oben" stoße auf Kritik. In der ostdeutschen Provinz zeigt das erste Folgen im Politikbetrieb: In den Kommunen haben Ostdeutsche inzwischen klar die Oberhand - auch das war nach der Wende nicht selbstverständlich. Vor allem in der Umgebung Berlins findet man bis heute viele Westdeutsche, die es dort zum Bürgermeister gebracht haben. In Teutschenthal dagegen weht ein frischer Wind: Ein siegesgewisser westdeutscher Personalberater scheiterte bei den Bürgermeisterwahlen an der ostdeutschen Konkurrenz - übrigens ein Frisör.

Vertrauen in westdeutsche Kompetenz hält an

Das vor allem 1990 verbreitete bedingungslose Vertrauen in westdeutsche Eliten ist inzwischen gebrochen. Eine dumpfe Ant-West-Stimmung habe sich dennoch nicht breit gemacht, weiß Reißig. "Unternehmerische Kompetenz" ist laut SPD-Kandidat Klaas Hübner das, was er dem Wahlkreis Bitterfeld/Saalkreis/Bernburg bieten kann. "Mehr Arbeitsplätze" versprechen sich die Menschen vom erfolgreichen Unternehmer in der Region mit 22 Prozent Arbeitslosigkeit. Mit diesem Rezept gewann Hübner 2002 seinen Wahlkreis direkt.

"Der weiß eben, wie man's macht", hört man auf der Wahlkampfveranstaltung im Schloss. Auch der CDU-Kandidat Martin Warlies hofft auf den Wirtschaftsbonus-Effekt im Wahlkampf und stellt sich auf der Podiumsdiskussion als Unternehmer vor - tatsächlich ist er selbständiger Anwalt.

Dass Westdeutsche seit 15 Jahren im Osten eine wichtige Vorbildfunktion in Politik und Wirtschaft haben, bestreitet Reißig nicht. Von einer "Kolonialisierung der Ostdeutschen" nach der Wende kann seiner Ansicht nach keine Rede sein. Die Menschen im Osten wollten die Wiedervereinigung. Reißigs Bilanz: Es herrscht keine schlichte Anti-West-Haltung bei den ostdeutschen Bürgern. Sie wollen aber anerkannt werden im vereinten Deutschland. Einheit in der Vielfalt ist also nach wie vor das unerreichte Ziel.



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