Deutsche Islamisten Von der Bundeswehrkaserne ins Terrorcamp

Die Brüder waren die netten Jungs von nebenan, galten an ihrer Bonner Schule als Spaßvögel - und absolvierten nach Informationen von SPIEGEL ONLINE den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Heute rufen Mounir und Yassin C. am Hindukusch zum bewaffneten Kampf auf. Eine Spurensuche.

Von Yassin Musharbash und


Berlin/Bonn - Wer wird Superstar? So lautete eine interne Umfragen des Abiturjahrgangs 2004 an dem angesehenen Bonner Gymnasium. Das Ergebnis steht im Abi-Heft. Am häufigsten von den Mitschülern genannt: Yassin C.

Mounir C. alias Abu Adam: Angestellter, Soldat, Dschihadist

Mounir C. alias Abu Adam: Angestellter, Soldat, Dschihadist

In gewisser Weise ist die Prophezeiung wahr geworden: Der marokkanisch-stämmige Deutsche macht dieser Tage jedenfalls Schlagzeilen und erregt die Gemüter. Denn der heute wohl 24 Jahre alte Rheinländer hat sich der militant-dschihadistischen "Islamischen Bewegung Usbekistan" (IBU) angeschlossen.

In bereits zwei Propagandavideos der IBU, deren Zentrale im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet liegen dürfte, ist Yassin C. aufgetreten - und hat sich damit eingereiht in eine offenbar wachsende Riege deutschsprachiger Terrorpropagandisten am Hindukusch, die ihr Heimatland per Video und Audiobotschaft mit Mahnungen und Drohungen belegen.

"Wir werden nicht ruhen, bis jede muslimische Angelegenheit geregelt ist", sagte etwa Yassin C. in der bislang letzten Video-Botschaft der IBU, die Anfang Februar im Internet veröffentlicht wurde. Sein Kampfname: Abu Ibraheem.

"Die waren nicht ausgegrenzt"

Unter den deutschsprachigen IBU-Propagandisten ist Abu Ibraheem dennoch nur die Nummer Zwei. Noch prominenter ist "Abu Adam", der in den Videos die Rolle der Leitfigur einnimmt. "Sterbt den Tod der Ehre!", ruft er in dem aktuellen Band sein Publikum auf. Abu Adam ist drei Jahre älter als Abu Ibraheem. Die beiden sind leibliche Brüder.

Mounir C. wuchs mit seinem Bruder Yassin in Bonn-Kessenich auf. Sie besuchten dieselbe Schule, an der sie allseits bekannt waren: als Spaßvögel, als aktive Sportler, als gut aussehende, gut integrierte Schüler mit Migrationshintergrund. "Sie waren beliebt", sagt ein ehemaliger Mitschüler.

Biologie und Geschichte waren Yassins Leistungskurse. Er war weder brillant noch faul, und er fiel keineswegs durch brisante Ansichten auf. Eine Kursfahrt ging nach Polen, der Irakkrieg hatte gerade begonnen, die Schüler besuchten auch das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Aber es sind keine blöden Kommentare, keinerlei Ausfälle von Yassin C. überliefert, nicht einmal Kritik am US-Feldzug. Er sprach praktisch nie über Politik.

Von Frömmelei oder gar Extremismus war bei den Brüdern lange anscheinend überhaupt nichts zu spüren. Yassin etwa trank gerne mal ein Bier und versteckte das nicht. Mounir, der noch ein wenig selbstsicherer als sein kleiner Bruder wirkte, soll dem Alkohol ebenfalls nicht abgeneigt gewesen sein. Aber da war nichts, was die spätere Laufbahn andeutete. "Die waren nicht ausgegrenzt, hatten Freunde, wurden respektiert", erinnert sich ein ehemaliger Mitschüler.

Grundwehrdienst neben dem Verteidigungsministerium

Nach der Schule leisteten Mounir C. und sein Bruder bei der Bundeswehr ihren Grundwehrdienst ab. Yassin diente offenbar im Sanitätszentrum der Kaserne in Bonn, die neben der Dependance des Bundesverteidigungsministeriums liegt. Mounir soll zum Sanitäter ausgebildet worden sein, irgendwo in der Nähe, heißt es.

Von der Bundeswehr ins Terrorcamp: War das der Plan der beiden? Wollten sie im Wehrdienst Fertigkeiten erwerben, die im späteren Leben als Mudschahidin von Vorteil wären?

Diese Frage ist, wie viele weitere, ungeklärt. Allerdings deutet wenig auf ein derart planvolles Handeln hin. Denn nach seiner Bundeswehrzeit machte Mounir, der Ältere, von 2003 bis 2006 eine Ausbildung als Fachangestellter für Bürokommunikation. Zeitweilig arbeitete er in der Bonner Zweigstelle des Bundesamtes für Statistik. Bei Kollegen fiel er nicht durch radikale Ansichten auf, ein "stiller Einzelgänger" sei er gewesen, sagt einer, "der liebe Junge von nebenan".

Der nette Junge vom Amt

Wenn Mounir im Amt für Geraune sorgte, dann dadurch, dass er oft am Arbeitsplatz einschlief und regelmäßig vor die Tür ging, um lange Handygespräche zu führen, in einer Sprache, die seine Kollegen für Arabisch hielten. Auch dass er sich ungern fotografieren ließ, fiel manchen auf. Mit seinen Leistungen schien man im Amt indes zufrieden, er wurde übernommen.

Über sein Privatleben sprach Mounir selten, erinnern sich Kollegen, nur dass er heiratete und sich kurz darauf Nachwuchs ankündigte, bekamen sie mit. Als ein Mitarbeiter den jungen Vater fragte, ob seine Frau denn den Schleier trage, habe Mounir das bestätigt, erinnert sich ein Kollege.

Mit Neugier und Spott mancher Kollegen sei Mounir souverän umgegangen, sagt einer seiner ehemaligen Zimmernachbarn in den Amtsfluren. Einer der Kollegen habe ihn wegen seiner weißen Klamotten und dem Kinnbart sogar "Bombenleger" genannt.

Auslandsreise als Schlüsselerlebnis?

Die Karriere in der deutschen Statistik-Behörde endete indes jäh. Mounir habe von einem Tag auf den anderen gekündigt, heißt es dort. Seinen Kollegen erzählte Mounir, er gehe ins saudi-arabische Riad, zu einer Import-Export-Firma, wo er seine Sprachkenntnisse im Englischen und Arabischen einsetzen könne. "Niemand hat an dieser Version gezweifelt", sagt ein ehemaliger Kollege.

War diese oder eine andere Reise das Schlüsselerlebnis für Mounir C.? Ein anderer Ex-Kollege glaubt, dass es eine Auslandsreise war, wohl 2005, die eine Wandlung bei Mounir auslöste. Diese Reise soll, aber das ist unbestätigt, eine Pilgerfahrt nach Mekka gewesen sein. Schon länger gehen Sicherheitsbehörden davon aus, dass Terror-Rekruteure den Hadsch gezielt nutzen, um Nachwuchs zu finden. Vielleicht war es bei den Brüdern so. Auch bei Yassin C. datieren erste Mutmaßungen, er könne sich radikalisiert haben, erst aus der Zeit nach dem Wehrdienst.

Instant-Mudschahidin aus dem Rheinland?

Es sieht also eher danach aus, als handle es sich bei den Brüdern gewissermaßen um Instant-Mudschahidin, bei denen zwischen Erweckungserlebnis und dem Anschluss an die Militanten nur wenig Zeit verging.

Interaktive Karte
SPIEGEL ONLINE
Interaktive Grafik: al-Qaidas wichtigste Kader
Nachdem Anfang Februar das zweite IBU-Video veröffentlicht wurde, in dem "Abu Adam" und "Abu Ibraheem" sich unvermummt zeigen, kursierte in der deutschsprachigen islamistischen Szene bald ein Lebenslauf der beiden. Einige der darin enthaltenen Angaben sind richtig. Bei anderen ist das nicht sicher. Doch diesen Informationen zufolge reisten die Brüder bereits 2006 oder 2007 in den Jemen, um sich einer Dschihad-Gruppe anzuschließen. Sie sollen Geld gesammelt haben für den Kampf in aller Welt. 2008 habe sich ihnen dann der Weg nach Afghanistan geebnet, auch an "Operationen" in Pakistan seien sie beteiligt gewesen.

Im Moment halten sie sich vermutlich im Grenzgebiet zwischen den beiden Ländern auf. Die IBU, in deren Namen die beiden Bonner und mindestens drei weitere deutschsprachige Rekruten Propaganda betreiben, ist eine obskure Gruppe. In Usbekistan gegründet, hat sie sich längst internationalisiert; seit Jahren liegt ihr Zentrum in Pakistan, nahe der afghanischen Grenze. IBU-Kämpfer sollen mit Taliban Seite an Seite kämpfen, womöglich gibt es Verbindungen zu al-Qaida.

Drei Bonner am Hindukusch

Im Januar hatten Mounir und Yassin C. sich bereits in einem ersten IBU-Band an deutsche Adressaten gewendet. Zuvor war die IBU deutschen Behörden zwar schon ein Begriff gewesen - allerdings eher indirekt: Denn die "Islamische Dschihad-Union" (nach ihrer englischen Schreibweise IJU abgekürzt), die hinter den Planungen der Sauerland-Bomber stecken soll, gilt als Abspaltung der IBU. Im Namen der IJU sprengte sich im März 2007 der erste aus Deutschland stammende Selbstmordattentäter in die Luft. Mit Eric B. und Houssain al-M. hat die IJU mindestens zwei aus Deutschland stammende Kämpfer in ihren Reihen.

Nun hat sich das Bild gewandelt: IJU wie IBU haben deutsche Rekruten und hoffen auf Nachzügler. Und nicht nur diese beiden Truppen konzentrieren sich in ihrer Propaganda auf Deutschland - auch al-Qaidas Medienabteilung hat 2009 erstmals zwei Botschaften von einem deutschen Mudschahid veröffentlicht: von Bekkay Harrach, einem Deutsch-Marokkaner. Er stammt ebenfalls aus Bonn.

Das wirft Fragen auf. Kannten sich die Gebrüder C. und Harrach? Harrach verdankt seinen Einstieg in die Terrorszene mutmaßlich einem in Deutschland lebenden Pakistaner, gegen den in Koblenz derzeit ein Prozess läuft. Aleem N. soll ihn mit einem Empfehlungsschreiben ausgestattet haben. Hatten auch Yassin und Mounir C. einen Mentor, der ihnen den Weg wies - oder sind die Wege ins Kampfgebiet im achten Jahr nach 9/11 so offen, dass drei Bonner unabhängig voneinander innerhalb von einem Jahr dort ankommen können?

Konzertiertes Vorgehen der Militanten?

Es ist wahrscheinlich, dass es Kooperationen zwischen IJU, IBU, Taliban und al-Qaida gibt, womöglich auch bei der Rekrutierung. Jahrelang gab es kein Terrorpropagandavideo in deutscher Sprache, jetzt gleich ein halbes Dutzend innerhalb weniger Monate - kaum ein Analyst glaubt an Zufall. Offenbar sind die Gruppen zu dem Schluss gekommen, dass der Druck erhöht werden müsse; und vielleicht auch, dass Deutschland ein nicht ausgeschöpfter Markt für Rekruten ist.

Was das für die Gefährdungslage bedeutet, ist eine der in deutschen Sicherheitsbehörden am meisten diskutierten Fragen. Hört man genau hin, droht der deutsche Nachwuchs freilich nicht mit Terror in Deutschland, sondern mit Anschlägen in Afghanistan. Aber soll man ihm glauben? Schon die offenbar von der IJU in Gang gesetzte Bombenproduktion der Sauerland-Zelle spricht eine andere Sprache.

Es wird wohl noch genügend Gelegenheiten geben, die Verlautbarungen der Deutschen vom Hindukusch zu untersuchen: Sowohl Bekkay Harrach als auch die IBU haben angekündigt, dass mit weiteren Botschaften zu rechnen ist.

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