Deutsche Krisenpolitik Läster-Attacke gegen Merkel

Tut Angela Merkel zu wenig gegen die Euro-Krise? Während die schwarz-gelbe Koalition über das weitere Vorgehen zankt, kommt nun auch aus dem Ausland heftige Kritik. US-Investor Soros und die Zeitschrift "Vanity Fair" knöpfen sich die Kanzlerin vor.
Kanzlerin Merkel: Zu spät, zu ruhig, zu unentschlossen?

Kanzlerin Merkel: Zu spät, zu ruhig, zu unentschlossen?

Foto: dapd

Berlin - Eine unglaubliche Ratlosigkeit strahle die Regierung aus, sagte Angela Merkel ziemlich empört. Ein bisschen hier, ein bisschen dort: "Die ruhige Hand vertuscht doch nur, dass man im Grunde gar nicht weiß, in welche Richtung sie zucken soll."

Das war vor neun Jahren. Merkel saß in der Opposition, und der Kanzler hieß Gerhard Schröder. Der mit der ruhigen Hand, Sie erinnern sich, damals in der Wirtschaftskrise.

Plötzlich aber trifft Angela Merkel, die Kanzlerin, der gleiche Vorwurf: Sie versuche, die Euro-Krise auszusitzen. Zu spät, zu ruhig, zu unentschlossen handele sie. Ja, sie kehre noch nicht einmal aus ihrem Urlaub zurück, obwohl die Börsen verrückt spielen. Wo ist Merkel? Das fragt nicht nur die Opposition. Längst rumort es wegen der Krisenpolitik der Kanzlerin gewaltig in der schwarz-gelben Koalition, die FDP geht auf Kamikaze-Kurs. Zuletzt sprach eine FDP-Abgeordnete öffentlich über ihre Sympathien für den Koalitionsbruch.

"Den Deutschen gehört jetzt Europa"

Nun kommen auch noch heftige Schelten aus dem Ausland hinzu. Die US-Zeitschrift "Vanity Fair" zieht in einem mehrseitigen Beitrag unter der Überschrift "It's the Economy, Dummkopf!"  mit drastischen Worten über die deutsche Europa-Politik im Besonderen und den vermeintlichen Nationalcharakter im Allgemeinen her - ergänzt durch ausführliche Passagen zu den diversen Varianten und Ausformungen des Wortes "Scheiße" im deutschen Sprachgebrauch.

"Vanity Fair"-Autor Michael Lewis schreibt, die europäische Währungsunion sei einst als Instrument gedacht gewesen, um Deutschland in Europa zu integrieren und die Deutschen davon abzuhalten, die anderen zu dominieren; nun sei es zum Gegenteil gekommen: "Den Deutschen gehört jetzt Europa." Während die Arbeitslosenquote in Griechenland auf mittlerweile über 16 Prozent gestiegen sei, falle sie in Deutschland auf ein Rekordtief von unter sieben Prozent, konstatiert Lewis, der für seine Recherche kreuz und quer durchs Land gefahren ist. Den Griechen werde eine "Strukturreform" verordnet, die nichts anderes sei als ein Euphemismus für die radikale Transformation in ein Volk, das so effizient und produktiv sein solle wie die Deutschen.

Es ist ein deutsches Europa, vor dem "Vanity Fair" warnt. Dabei konstatiert der Autor, dass es vor allem deutsche Banken waren, die die Finanzkrise 2008 und ihre Folgen entscheidend mitverursacht haben. Und nun? "Die deutsche Regierung überweist Geld an den Euro-Rettungsfonds, der gibt es an die irische Regierung, jene leitet es an die irischen Banken weiter, damit wiederum diese ihre Kredite an deutsche Banken zurückzahlen können."

Schelte vom Finanz-Guru

Die deutsche Öffentlichkeit sei gleichzeitig immer mehr verärgert über Verstöße gegen die einstigen Absprachen über die Währungsunion, über neue Milliarden-Rettungsschirme: "So verärgert, dass sich Kanzlerin Angela Merkel - die den Ruf hat, auf die öffentliche Stimmung zu setzen - nicht einmal bemüht hat, vor die Deutschen zu treten und sie zu überzeugen, den Griechen zu helfen."

Massive Kritik an Merkel kommt auch von US-Investor George Soros. Der 80-Jährige gibt der Bundesregierung die Hauptschuld am europäischen Ungemach: "Die Euro-Krise hatte ihren Ursprung in der Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, für Zahlungsausfälle nicht die Europäische Union, sondern jeweils die einzelnen Länder bürgen zu lassen." Und es sei das "deutsche Zögern" gewesen, das die Griechenland-Krise verstärkt und zur Ansteckung geführt habe, "die sie in eine Existenzkrise für Europa verwandelte", schreibt Soros in einem Gastbeitrag fürs "Handelsblatt".

Die Bundesregierung sei nun in besonderer Verantwortung: "Nur Deutschland kann die Dynamik des europäischen Zerfalls umkehren", schreibt der Investor: "Die Situation wird zunehmend unhaltbar." Soros plädierte für die Einführung von Euro-Anleihen. Nicht jedes Land für sich würde sich dann Geld leihen, sondern die Mitglieder der Währungsunion im Kollektiv. Die Bundesregierung lehnt dieses Modell bisher strikt ab. "Deutschland und die anderen Länder mit AAA-Anleiheratings müssen einem wie auch immer gearteten Euro-Bond-Regime zustimmen. Andernfalls bricht der Euro zusammen", meint Soros.

Trost kommt für Merkel aus Frankreich. Laut einer in der Zeitung "Le Parisien" veröffentlichten Umfrage glauben 46 Prozent der Franzosen, dass die deutsche Regierungschefin die Lage an den Finanzmärkten beruhigen könne. Damit führt Merkel die Liste der fähigsten Krisenmanager an, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy kommt mit einem Vertrauenswert von 33 Prozent erst auf Platz sieben.

Und ab der nächsten Woche ist die Kanzlerin dann auch wieder im Dienst.

sef
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