Deutsche Olympia-Bilanz Sieger statt kungelnde Funktionäre

Deutschlands Medaillenbilanz ist bislang durchwachsen - prompt rufen viele nach mehr Geld für den Sport. Doch Goldmedaillen kann man nicht kaufen. Langfristiger Erfolg benötigt Investitionen in die Breite und mündige Athleten. Dann gibt es bei Olympia auch wieder echte Sieger.
Deutsche Silbermedaillen: Kräfteverhältnisse haben sich kolossal verändert

Deutsche Silbermedaillen: Kräfteverhältnisse haben sich kolossal verändert

Foto: DAMIEN MEYER/ AFP

82 Medaillen gewannen die Deutschen 1992, als sie erstmals seit der Wiedervereinigung bei Sommerspielen mit einer vereinten Mannschaft antraten. 41 waren es vor vier Jahren in Peking. In London sind bis Donnerstag Nachmittag 34 zusammengekommen, und auch die Siege des Diskuswerfers Robert Harting, der Kanuten und Ruderer können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Zeit ist für eine Grundsatzdebatte.

Denn alle vier Jahre wird nach mehr Geld und mehr staatlicher Unterstützung verlangt. Doch dafür muss das Eigenleben untersucht werden, das die unter dem Dach des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) organisierten Verbände führen.

Medaillenstatistiken sollten aus mehreren Gründen nicht der einzige Maßstab sein. Jahrzehntelang wurde der Leistungssport im Wettstreit der Systeme gepusht, im Osten gab es systematisches Doping, im Westen kaum weniger. Von diesen Altlasten profitierten die Deutschen in den neunziger Jahren und konnten die Bilanzen schönen.

Mittlerweile haben sich die Kräfteverhältnisse im Weltsport kolossal verändert. Immer mehr Länder gewinnen Medaillen. Seit Montag hat sogar die winzige Karibikinsel Grenada einen Olympiasieger, den Rundenläufer Kirani James, der in den USA studiert. Grenada ist das 143. Land, das eine Olympiamedaille holte.

Dennoch: Es ist eine Debatte fällig, und zwar ohne jedes Tabu. Dabei kann aber nicht nur der olympische Hochleistungssport im Mittelpunkt stehen. Denn das Programm der Spiele ist willkürlich von Funktionären festgelegt, die mit ihren Verbänden abhängig sind von den Vermarktungsgeldern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und eben von Steuermitteln.

Deutsche Medaillenbilanz bei Olympischen Sommerspielen

Jahr Gold Silber Bronze Gesamt
1992 33 21 28 82
1996 20 18 27 65
2000 13 17 26 56
2004 13 16 20 49
2008 16 10 15 41
2012 11 19 14 44

Die Summe der Disziplinen spiegelt aber keinesfalls die Wirklichkeit wider. Es gibt olympische Sportarten, die weltweit nur von wenigen hundert Spezialisten betrieben werden. Andere Disziplinen sind populär und werden trotzdem nicht ins Olympia-Programm aufgenommen. Skating etwa wird von mehr Menschen betrieben als Gewichtheben, Ringen oder Schießen.

Doch Deutschland investiert in solche exotischen Disziplinen, wenn sich damit Medaillen gewinnen lassen: Zum Beispiel Rennrodeln oder Bobfahren, für die es viele sündhaft teure und die Umwelt verschandelnde Bahnen gibt wie weltweit sonst nirgends.

Für die Gesellschaft und damit die Volksgesundheit aber wären Investitionen in die Breite, also auch in den Schulsport hilfreicher als die Hochleistungssportförderung. Schulsport ist Ländersache.

Schattenwirtschaft der Funktionäre und Politiker

In der Diskussion über Leistungssportförderung in Deutschland wird der wichtigste Aspekt bislang vernachlässigt: die Transparenz der Entscheidungen, was wie gefördert werden soll. Es kann nicht zuerst um die Frage gehen, wie viel Geld verteilt werden muss, um Medaillen zu produzieren. Es müssen zunächst alle Fakten auf den Tisch, also auch alle Dokumente zur Sportförderung, die vom DOSB und dem Bundesinnenministerium (BMI) noch immer verheimlicht werden, und die nicht einmal den olympischen Fachverbänden vorliegen.

Innenminister Hans-Peter Friedrich blockiert vehement eine Offenlegung der Medaillenpläne. Der CSU-Politiker legte jetzt auch Beschwerde gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin ein, vor dem ein Journalist eine Veröffentlichung erstritten hatte.

DOSB und BMI kungeln unter Mitwirkung des Sportausschusses im Bundestag seit Jahrzehnten. Ein Beispiel für diese intransparente Spezialdemokratie: BMI-Sportstaatssekretär Christoph Bergner (CDU) etwa bespricht sich vor Ausschusssitzungen regelmäßig auch mit seinen Parteifreunden der Koalition - mit jenen also, die ihn, so sollte es in einer Demokratie sein, kontrollieren müssten. So setzte das BMI immer wieder seinen Willen durch, der Sportausschuss ist längst zur Lachnummer verkommen. Das Gremium tagt seit Herbst 2011 wieder nichtöffentlich, weil den Abgeordneten die Kritik an ihrer Arbeitsweise zu viel war und sie sich nicht mehr von Journalisten beim Kartenspielen am iPad beobachten lassen wollten. Diese Schattenwirtschaft muss ein Ende haben.

Mit ihrem Herrschaftswissen dominieren die Sportabteilung des BMI, die ohnehin weitgehend unkontrolliert im beschaulichen Bonn und nicht in Berlin werkelt, und der DOSB die Szene. Es darf auch nicht sein, dass dieselben Personen, die Medaillen planen, die Macht haben über die Nationale Anti-Dopingagentur. Auch dieser Widerspruch muss aufgelöst werden. Die deutsche Sportpolitik braucht unabhängige Denker auf allen Ebenen. Und sie braucht Kontrolleure, keine Lobbyisten und Parteikader, wie sie im Sportausschuss des Bundestages dominieren.

Es gibt kein Patentrezept für Olympia-Erfolg. Und es hilft nichts, ausländische Systeme zu kopieren. Das wurde nach allen Sommerspielen seit 1996 versucht. Damals wurden etwa die Franzosen zum Vorbild auserkoren, kurz darauf brach deren auf systematischem Doping basierendes System zusammen.

Dann hieß es, Australien mit seinem nationalen Sportinstitut sei die große Nummer. Wo sind eigentlich in London die Australier? Was ist bei denen vom angeblichen Schub der Olympischen Spiele 2000 geblieben? Fast gar nichts. Und das ist typisch für derlei Olympia-Showveranstaltungen. Das werden auch die Briten merken, in einigen Jahren.

Plädoyer für den mündigen Athleten

Wer sich an Medaillenspiegeln und Nationenwertungen orientiert, muss ein Auf und Ab in Kauf nehmen und nicht gleich in Panik ausbrechen. Zwischen Vorkampf-Ausscheiden und einem Platz auf dem Podium liegen oft nur Winzigkeiten. Eine wirklich dramatisch schlechte Vorstellung haben in London eigentlich nur die Schwimmer geboten. Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) muss sich deshalb völlig neu aufstellen. So wie es der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) nach den Sommerspielen 2004 getan hat - der nun die Früchte erntet. Der DLV hat damals Querdenker wie den Soziologen Eike Emrich und den Trainer Jürgen Mallow verpflichtet. Emrich lieferte quasi den geistigen Überbau, Mallow seine Erfahrung, an einem kleinen Ort mit bescheidenen Mitteln Weltklasse auszubilden.

Diese Kombination war gegen alle Widerstände erfolgreich, und glücklicherweise haben es Emrich und der DLV-Präsident Clemens Prokop geschafft, planmäßig die richtigen Nachfolger zu installieren. Andere im DLV wollten Zentralismus-Fanatiker in Positionen hieven, doch die Nachfolger von Emrich und Mallow - Günther Lohre, Vizepräsident Leistungssport, und Sportdirektor Thomas Kurschilgen - setzen den 2004 begonnenen Kurs fort.

In der olympischen Kernsportart Leichtathletik, wo die Konkurrenz härter ist als in allen anderen Disziplinen, haben die Deutschen nun wieder ein junges, hoffnungsvolles Team. Die Goldmedaille für den Diskuswerfer Robert Harting war die vorläufige Krönung dieser Entwicklung. Harting, der gerne einmal meckert, aber Sport, Bundeswehr und sein Studium an der Universität der Künste in Berlin meistert, steht für eine neue Generation von Sportlern. Gerade unter den Leichtathleten gibt es etliche solcher Athleten: eloquent, intelligent, selbstbewusst - mit einem Hang zur produktiven Diskussion. Beim Leichtathletik-Verband meinen sie es also ernst, wenn sie vom "mündigen Athleten" sprechen.

Der mündige Athlet sollte für den gesamten deutschen Sport im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen. Und nicht die Frage, wie sich Sportbürokraten im BMI und DOSB ihre Positionen sichern und mit zentralistischen Methoden noch mehr Steuermittel unkontrolliert in die Medaillenproduktion fließen.