Deutsche Milieus In der Mitte brodelt es

Resignation und Rückzug: Damit reagiert die gebeutelte Mitte der Gesellschaft auf Abstiegsängste, Sozialreformen und die allgegenwärtige Ökonomisierung. Sie hat fast alles akzeptiert, was ihr abverlangt wurde - und sieht sich doch als eigentliche Verliererin.
Von Franz Walter

Zur mittleren Lage – den "mittleren Mittelschichten", wie es im Jargon der Milieu-Experten des Heidelberger Sinus Sociovision-Instituts heißt – gehört ein Teil der (vorwiegend) altbundesrepublikanischen "Traditionsverwurzelten", aber auch der "DDR-Nostalgischen", die rund sechs Prozent der Deutschen stellen. Diese beiden Milieus haben trotz konträrer Systemeinflüsse viel gemeinsam. Ihre konstitutive Phase lag in der Wiederaufbauperiode der beiden deutschen Staaten. Die sogenannten Sekundärtugenden wurden und werden hier als primäre Gebote der Lebensführung betrachtet, also Ordnung, Fleiß, Sauberkeit, Disziplin, Pünktlichkeit und dergleichen mehr.

Die Furcht vor sozialen Einbußen, die den Traditionsverwurzelten (West) das Leben so schwer werden lässt, haben die Sozialismusveteranen (Ost) bereits hinter sich. Entsprechend größer ist im Ostmilieu die Bitternis, der Zorn über die "Wende" und die nachfolgenden Demütigungen. Der nostalgische Bezugspunkt zu einer Vergangenheit, in der die Welt noch in Ordnung schien, ist zwischen Rostock und Plauen natürlich ein anderer als zwischen Kiel und Passau: Eben die Wärmestube von Volkssolidarität und Gewerkschaftsferienhäusern der verblichenen DDR. Der Westen und sein Lebensstil ist hier verhasst.

Eine große weichenstellende Zukunftsbedeutung wird den DDR-Nostalgikern weder von der Wirtschaft noch von der Politik beigemessen. Anders steht es da mit dem zweiten Mitte-Milieu: Der sogenannten "Bürgerlichen Mitte". Mit 16 Prozent Zugehörigen ist dies in Deutschland die quantitativ stärkste Lebensgruppe. Da sie in der Tat ganz im Fokus der Gesellschaft steht, ist sie gerade für Volksparteien, Volkskirchen, für die Versicherungswirtschaft, Sparkassen etc. elementar. Die bürgerliche Mitte steht infolgedessen ganz automatisch im Mittelpunkt von Wahlkampagnen und Marketingstrategien. Ihre Zentrumspositionen sind vielfältig. Herausgebildet und fundiert hat sich dieses Milieu in der Mitte der bundesdeutschen Geschichte, in den sechziger und siebziger Jahren. Die 30- bis 50-Jährigen, also Menschen in der Mitte des Lebens, dominieren. Sie verfügen mehrheitlich über mittlere Bildungsabschlüsse, mittlere Einkommen, einen mittleren Status. Diese Mittelständigkeit haben viele durch Zielstrebigkeit und Fleiß systematisch aufgebaut. Individuelle Leistung im Berufsleben steht hier hoch im Kurs; insofern waren neoliberale Einstellungen in dieser Lebenswelt eine Zeitlang nicht ganz selten. Doch allzu schneidig artikulierte sich das neu-liberale Gedankengut auch wieder nicht. Dafür ist die "Bürgerliche Mitte" zu harmonieorientiert, zu sehr an Ausgleich und Anpassung als an Konflikt oder Konfrontation interessiert. Das häusliche familiäre Glück ist Fluchtpunkt aller individuellen Anstrengungen.

Gewiefte Verbraucher

Als Verbraucher, die jederzeit über preisgünstige und qualitativ geprüfte Angebote in den Supermärkten, Fachläden und Reisebüros der Republik Bescheid wissen, halten sich Mitte-Menschen für unschlagbar. Man ist modern, aber auch gediegen, mag keinen exaltierten Avantgardismus, will aber auch nicht durch ästhetische Rückständigkeiten negativ auffallen. Das eigene, verlässlich Ton in Ton eingerichtete Heim ist wichtig, auch das Mittelklasseauto, die regelmäßige Urlaubsreise und das schulisch-beruflich-familiäre Fortkommen der Kinder. Um Haus, Wohnung und Familie ranken sich überhaupt die Aktivitäten der Menschen in der bürgerlichen Mitte. Einrichtungsgeschäfte bilden einen favorisierten Ort für den Einkaufsbummel am Wochenende. Der eigene Ziergarten ist stets perfekt hergerichtet und akkurat gepflegt; Unkraut wird in der gesellschaftlichen Mitte Deutschlands konsequent bekämpft. Und die familiäre Fahrradtour in die nähere Umgebung gehört ebenfalls zum konstanten Rhythmus in der Freizeitgestaltung dieser durch und durch mittleren Lebenswelt Deutschlands.

Auch im ganz modernen Milieu der "Experimentalisten" benutzt man in der Freizeit gerne das Rad. Doch ist es dort nicht die gemütliche Fahrradtour, die begeistert, sondern harte Berg- und Geländetouren mit dem Mountainbike. Experimentalisten verlangen nach der extremen Herausforderung, wollen ihr Limit herausfinden, das denkbar mögliche aus sich herausholen, suchen nach den besonderen "Kick"; wo "fun" eben nur durch "risk" zu erreichen ist. Experimentalisten bilden das jüngste Mittemilieu in Deutschland. Diejenigen, die man hierzu rechnet, sind in den achtziger und neunziger Jahren groß geworden, als Begriffe wie Optionsgesellschaft, Wissensgesellschaft, Postmoderne, Pluralisierung im Schwange waren.

Die Experimentalisten sind ganz und gar Kinder dieser Ära, dürften im beträchtlichen Umfang auch Sprösslinge der bürgerlichen Mitte sein, die aber als Nachwuchs bereits aufgestiegener, mittelarrivierter Familien selbstverständlicher in den Genuss höherer Bildungsabschlüsse und kultureller Auswahlmöglichkeiten gekommen sind als noch ihre Eltern. Die jungen Experimentalisten jedenfalls geben sich gerne toleranter, neugieriger, offener als die älteren Bewohner der konventionellen bürgerlichen Mitte. Dass berufliche Biographien seit den späten siebziger Jahren weniger stetig geworden sind, haben Experimentalisten für sich selbst eine Zeit lang noch positiv gewendet, haben ihre eigenen Patchwork-Lebensgeschichten gleichsam zum Ideal eines offenen, routinelosen Lebens stilisiert. Doch auch in diesem Milieu hat die ökonomische Krise nach und nach für Ernüchterung gesorgt. Das Projekt- und Praktikumshopping bei niedriger Entlohnung macht allmählich müde beziehungsweise nervös. Einige – wenngleich nicht die Mehrheit - reagieren schon resigniert.

Elan erloschen

Resignation und Rückzug – ganz selten ist das nicht in der gebeutelten Mitte der deutschen Republik zu finden. Am stärksten trifft das gewiss auf das Sondermilieu der sogenannten DDR-Nostalgiker zu. In den ersten Jahren nach der deutschen Einigung war dieses Milieu außerordentlich traditionsorientiert, zog Kraft daraus für Resistenz und Engagement. Die alten SED-Veteranen waren hochpolitisiert, durchaus gut informiert und nachgerade daueraktiv. Dieser aus Trotz und realsozialistischer Gesinnung gewonnene Elan ist in den letzten Jahren erloschen. Die Frustrationen sind übermächtig geworden, der Traditionalismus ist zu einem nur noch individuell ausgelebten Anti-West-Ressentiment verkümmert. Das alte PDS-Vorfeld von ehedem hat sich in weiten Teilen nunmehr aus Politik und Öffentlichkeit verabschiedet.

Die westdeutsche bürgerliche Mitte der bundesrepublikanischen Wohlstandsjahre ist anders. Aber "Escape, Cocooning und Abschottung der privaten Sphäre" – so nennen es die Heidelberger Sinus-Forscher – haben auch hier in letzter Zeit erheblich zugenommen. Die hochanpassungsbereite Mitte hat in den letzten Jahren fast alles mitgemacht, was die meinungsführenden Eliten von ihnen herrisch verlangt haben: Sie haben fremde Sprachen gelernt, haben sich jede technologische Innovation angeeignet, haben Fortbildungskurse besucht, haben die Arbeitszeit nach Bedarf gestreckt und verlängert. Doch hat die bürgerliche Mitte das Gefühl, dass diese, ihr abverlangte Adaptionsleistung kaum honoriert wurde. Sie sehen sich als die eigentlichen Verlierer der Sozialreformen, bei den Korrekturen von Pendlerpauschalen, Eigenheimzulagen, in der Gefahr des raschen Absturzes in das Arbeitslosengeld II, das sie, die notorisch Fleißigen, mit Stadtstreichern etc. zusammenwürfelt.

Jetzt sollen sie für ihre Kinder auch noch Studiengebühren bezahlen, obwohl unsicherer denn je ist, ob ihr Nachwuchs trotz einer akademischer Ausbildung den hart erkämpften familiären Status wird halten, gar ausbauen können. In keinem anderen Milieu aber ist der Aufstiegsimperativ elementarer, identitätsstiftender als in der Mitte; gerade dort aber zweifelt man zunehmend an den Möglichkeiten des weiteren Aufstiegs der zum Abitur und Studium getrimmten eigenen Kinder.

Aggressivität wächst

Bei diesen Kindern, den sogenannten Experimentalisten, ist eine deutliche Abkehr von der neuliberalen Wirtschaftseuphorie der neunziger Jahre zu erkennen. Ausstiegswünsche vagabundieren stattdessen; auch ist man des Markenartikel-Konsumismus der Vorgängergeneration mehr und mehr überdrüssig, ja geradezu müde geworden.

In diesem jüngsten deutschen Milieu wächst die Kritik am totalitären Primat der Ökonomie, an den entfremdeten Alttagen, den sozialen Eisigkeiten. Experimentalisten übersetzen diese kritische Attitüde bislang nicht in kontinuierliche politische Aktivitäten; dazu ist ihre Lebensform zu bohemehaft, zu ruhelos und suchend. Insofern allerdings könnte der gestaute Unmut dort auch explosiv zum Ausbruch kommen. Die Sozialforscher jedenfalls haben keinen Zweifel, dass aggressive Neigungen in dieser Lebenswelt auffällig – wenn auch sonst in der Gesellschaft kaum bemerkt - angewachsen sind.

Ganz unterschwellig also scheint es in der deutschen Mitte zu brodeln.

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