Deutsche Milieus Wandel in der Beletage

Rückzug ins Private: Die Beletage der deutschen Gesellschaft ist von der Krise der vergangenen Jahre nicht verschont geblieben. Die Elite, ob alt oder neu, legt mehr Wert auf individuelle Fitness als auf politisch-gesellschaftliches Engagement.

Von Franz Walter


Die Elitengruppen der deutschen Gesellschaft werden von den Milieu-Experten des Heidelberger Sinus Sociovision-Instituts folgendermaßen etikettiert und proportional gewichtet: die "Konservativen" mit fünf Prozent, die Postmateriellen mit zehn Prozent, die "Etablierten" mit ebenfalls zehn Prozent. Die "Modernen Performer" stellen neun Prozent der Bevölkerung.

Lieber edel essen gehen: Vom "Postmateriellen" zum "Luxuskonsummaterialisten"
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Lieber edel essen gehen: Vom "Postmateriellen" zum "Luxuskonsummaterialisten"

Die Welt der "Konservativen" scheint unweigerlich unterzugehen. Sie selbst sehen sich zwar immer noch gern als Zentrum der Gesellschaft. Aber sie sind es natürlich längst nicht mehr. Die meisten sind weit älter als 60 Jahre, viele verwitwet. Und weil sie dann doch ahnen, dass ihre Art zu denken und zu leben, der Vergangenheit angehört, pflegen sie gerne über Sitten- und Werteverfall zu klagen. Ihre Zeit war die der fünfziger Jahre; dieses Jahrzehnt hat sie zutiefst geprägt. Konservative legen viel Wert auf Hochkultur und humanistische Bildung. Sie atmen noch den Geist des klassischen Bildungsbürgertums der vordemokratischen Epoche. Die Tugend der Pflicht wird hochgehalten; autoritäre und hierarchische Denkmuster, auch rechtskonservative Gesinnungen komplettieren das Bild. Diskursiv ist dieses Milieu nicht. Doch gehörte der Imperativ sozialer Verantwortung lange fest zum Tugendkanon. Für Konservative war das Engagement im Ehrenamt jahrzehntelang durchaus Ehrensache.

Das eigentliche Elitenmilieu schlechthin indessen ist das "Etablierte". Mitte ist es lediglich in dem Sinne, dass seine Entstehungszeit in der zeitlichen Mitte der bisherigen bundesdeutschen Geschichte lag, dass es also weder klassisch konservativ und traditionell noch postmodern und individualitätsfixiert ist. Die meisten Etablierten befinden sich im Alter von 34-64 Jahren. Sie sind sich ihrer Elitenpositionen gewiss, sind jederzeit bereit - arbeiten auch zielstrebig darauf hin - Führungsaufgaben in Wirtschaft und Gesellschaft zu übernehmen. Sie sind schon deshalb nicht konservativ, weil sie ein ganz pragmatisches, mehr noch: ein affirmatives Verhältnis zum Wandel haben. Etablierte neigen, was den ökonomischen und technologischen Fortschritt angeht, zum Optimismus. Sie selbst wollen dem Fortschritt jeweils gar einen Schritt vorauseilen, halten ihn auch mit den Instrumenten professionellen Managements für souverän beherrschbar. Die Länge und Schärfe der ökonomischen Krise hat die "Etablierten" zuletzt enorm verhärtet; Fitness, Stärke, Durchsetzungsenergie gelten hier wieder mehr als die in Managerseminaren nach wie vor gern gepredigten "Soft Factors".

Durch und durch bürgerlich

Jenseits eines langen Berufsalltags sind Etablierte sehr dezidierte Familienmenschen. Ihr ganzer Habitus strahlt Eleganz und Exklusivität aus. Etablierte zeigen sich, was Musik, Malerei, Esskultur, Wohnungseinrichtungen betrifft, als "Kenner" mit edlem und sicherem Geschmack. Das ist ihnen wichtig, aber man bemüht sich, es nicht allzu aufdringlich zur Schau zu stellen. Denn dergleichen wäre parvenuehafte Protzerei.

"Postmaterielle" hatten lange ein kritischeres Verhältnis zur Technik, auch zur vorherrschenden Globalisierung und zu den permanenten Mobilitätsanforderungen des beschleunigten Kapitalismus. Ihr primärer Erfahrungshorizont lag bekanntlich in der sozial neu bewegten Zeit der siebziger und achtziger Jahre, mit der Frauen-, Ökologie- und Friedensbewegung. Seinerzeit stand der juvenile und zunächst radikal auftretende Postmaterialismus in einem scharfen, polarisierenden Gegensatz zu den eher konventionellen Attitüden des älteren Establishments, die derzeit eben als "Konservative" und "Etablierte" in der Sinus-Expertise ausgewiesen werden. Die tiefen lebensweltlichen Differenzen indessen haben sich offensichtlich abgeschwächt. Die "Etablierten" begegnen neuen kulturellen Formen offener und aufgeschlossener; die Konservativen haben sich fleißig der Aufgabe des Umweltschutzes angenommen; die Postmateriellen wiederum sind einfach älter geworden, präsentieren sich nunmehr im Grunde als durch und durch bürgerliche Formation.

Das Buch ist Postmaterillen ebenso heilig wie den alten Konservativen. Klavier und Geige findet man in den Hausständen hinreichend häufig hier wie dort. Man geht in Museen, zu Vernissagen, ins Konzert und Theater. Mit fundamentalistischen Ideologien haben Postmaterielle nichts (mehr) im Sinne. Familiäre und berufliche Herausforderungen bewältigen sie souverän. Kurzum: Sie setzen die Tradition des bürgerlichen Individualismus kraftvoll und selbstbewusst fort. Insofern ist der Riss, der sich seit den späten sechziger Jahren kulturell durch die bürgerlichen Lebenswelten in Deutschland zog und letztlich auch das Parteiensystem mit Gründung der "Grünen" verändert hatte, unzweifelhaft kleiner, ja fast bedeutungslos geworden.

Edel essen statt Gesellschaftskritik

In ihrer durchaus elitären Verachtung für einen ungeistigen Hedonismus und schnäppchenjagenden Konsummaterialismus stehen Postmaterielle rundum in der langen Kontinuität des deutschen Bildungsbürgertums. Dabei zeichnen sie sich selbst durch einen hohen luxuriösen Konsumstill aus: Edel essen gehen, exquisite Weine trinken, teuere und weite Reisen unternehmen – das alles gehört zum distinkten savoir vivre. Ein bisschen boshaft könnte man die sogenannten Postmateriellen von ehedem mittlerweile auch als "Luxuskonsummaterialisten" bezeichnen. Von der alten Gesellschaftskritik ist kaum etwas übrig geblieben außer einem etwas manierierten Gestus, nicht dem banalen Mainstream anzuhängen. Die Postmateriellen sind – so die Sinus-Forscher mit Recht – von einem "Bewegungs- zum "Statusmilieu" mutiert. Der kulturelle Humus für schwarz-grüne Allianzen jedenfalls steht unzweifelhaft bereit.

Die jüngeren Geschwister der Postmaterialisten sind gewissermaßen die "Modernen Performer". Die Geschwister weisen durchaus einige Ähnlichkeiten auf, aber auch bemerkenswerte Unterschiede. Sie sind eben in verschiedenen Zeiten sozialisiert worden. Die Performer sind eine ganze Kohorte jünger, haben von Demonstrationen, vor Atomkraftwerken und gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen, nichts mehr mitbekommen. Sie sind vielmehr die Kinder des Privatfernsehens, des Internets, des Handys und der New Economy, man mag auch sagen: der "Generation Westerwelle". Bei ihnen ist der Individualismus gewissermaßen rigide auf die Spitze getrieben, ob im Beruf oder in der Freizeit. Hier wie dort wollen Performer bis an die Grenze gehen, die eigenen Potentiale aber auch Beschränkungen nachgerade brutal erfahren. Das Leben soll in jeder Sekunde intensiv sein; moderne Performer sind die Akteure der Extremsportarten.

Doch der Einsturz in der New Economy hat diese Gruppe empfindlich getroffen. Seither ist Ernüchterung eingekehrt. Sicherheitsaspekte werden nicht mehr verächtlich ausgeblendet. Mit zunehmendem Alter werden Wünsche nach verlässlichen Bindungen lauter. Insgesamt aber haben die modernen Performer den Abschied vom überlieferten bürgerlichen Konservatismus in der Hinsicht radikal vollzogen, dass sie die klassischen Disziplin- und Leistungswerte zwar hochprofessionell praktizieren, aber ohne Hemmungen mit weit gestreckten Momenten der Lustbefriedigung und des unmittelbaren Genusses verknüpfen. In dieser Gruppe fehlt dem Primat der individuellen Selbstverwirklichung bislang das Korrektiv oder die Ergänzung einer gemeinschaftsbezogenen Verpflichtungsethik.

Mit sich selbst genug zu tun

Doch ist der Gemeinsinn, das öffentliche Engagement insgesamt in der gesellschaftlichen Beletage erheblich zurückgegangen. Dabei gehörte auch und gerade im klassischen konservativen Bildungsbürgertum das Ehrenamt, nicht zuletzt die Zuwendung nach unten zum Verantwortungskodex. Doch zahlreiche Konservative haben in den letzten Jahren innerlich resigniert, sich auf sich selbst zurückgezogen. Sie verstehen die Welt nicht mehr, nicht ihre eigene, kaum noch als christlich zu charakterisierende Partei, nicht die moderne Technik, nicht den Verlust von Heimaten und Wurzeln.

Aber auch die modernen "Etablierten" haben soziale und karitative Aktivitäten mehr und mehr storniert. Die Mobilitäten und Anpassungsleistungen der letzten Jahre im Beruf haben Kraft gekostet – und sind zu Lasten des zivilgesellschaftlichen Tuns gegangen. In diesem Exodus aus Öffentlichkeit und Politik sind auch die Postmateriellen - die eifrigen Aktivisten von ehedem - eingeschlossen. Der "gesamtgesellschaftliche" Ansatz, der sie in ihrer Konstitutionsphase so stark geprägt hatte, ist längst ad acta gelegt. Der Postmaterielle hat nun mit sich selbst genug zu tun. Wer nach den Gründen für die politische Bräsigkeit der "Grünen" fragt, findet in der neuen Befindlichkeit ihrer Kernanhänger ein weites Feld von Antworten.

Alles in allem: Die Elite, ob alt oder neu, in Deutschland liegt im Jahr 2007 mehr Wert auf individuelle Fitness, einen gestählten Körper und robuste persönliche Gesundheit als auf politisch-gesellschaftliche Mitwirkung. Die Sozialreform der letzten Jahre haben die Kräfte der Bürgergesellschaft signifikant erlahmen lassen – unten wie oben.



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