Deutsche Selbstmordattentäterin Mit dem Kleinkind in den Dschihad

Der Fall einer Berliner Konvertitin sorgt die Behörden. Im Internet kündigte sie an, mit ihrem Kleinkind als Attentäterin in den Irak gehen zu wollen. Die Ausreise konnte noch verhindert werden, doch die Fahnder sehen in der Frau einen gefährlichen neuen Täter-Typ.

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Berlin - Nur der Leichtsinn hat das Schlimmste noch verhindert. So klar und deutlich waren die Worte auf einem islamistischen Webforum, dass die Terror-Fahnder den Fall ernst nahmen. Auf dem Weg ins Paradies, kündigte eine 40-jährige Berlinerin an, wolle sie in den Irak ziehen und sich dort als Selbstmord-Attentäterin in die Luft sprengen. Für die Tat und ihre eigene Tarnung, so die zum Islam konvertierte Deutsche, nehme sie auch ihr einjähriges Kleinkind mit in den Märtyrer-Tod.

Aus dem Plan wurde nichts. Kurze Zeit nachdem die Behörden auf das Posting im Web aufmerksam wurden, identifizierten sie die Frau aus der Hauptstadt und durchsuchten im April ihre Wohnung. Im Behördendeutsch der Polizei hieß es am heutigen Dienstag, dass der Verdacht dabei nicht entkräftet worden sei. Ein Fahnder drückte es deutlicher aus. "Auf dem Weg ins Paradies wollte die Frau sich und ihr Kind opfern und hat dies nicht aus Spaß im Internet angekündigt." Vielmehr suchte sie dort nach Tipps für die lange Reise in den Irak.

Auch wenn der Plan vereitelt worden ist, besorgt der Fall die Behörden. Die Terror-Fahnder fürchten einen möglicherweise neuen Täter-Typ. Schon seit längerer Zeit beobachten die Ermittler zum Islam konvertierte und radikalisierte Deutsche, die zum Kampf in den Irak ziehen wollen. Bisher waren diese Freizeit-Kämpfer jedoch meist Männer. Ein Typ wie die Berlinerin, eine Deutsche mit einem Kleinkind, fällt aus dem Raster. Ohne die Botschaft im Internet wäre sie wohl nie aufgefallen, hätte sie ihr Ziel womöglich erreicht.

Erinnerungen an die Kamikaze belge

Allein die Verbindungen der 40-Jährigen verstärkten den Verdacht, dass sie es ernst meinte. So ist sie mit mehreren bekannten Islamisten aus Berlin und dem Ausland befreundet, vor Jahren war sie zum Islam übergetreten. Auch ihre Web-Einträge ließen vermuten, dass sie beabsichtigte, sich zu opfern. Das Jugendamt entzog der Frau ihr Kind, nach einer etwa zweiwöchigen Einweisung in eine psychiatrische Klinik ist sie nun wieder auf freiem Fuß.

Wie viele andere Fälle von weiblichen Attentäterinnen mit europäischem Pass es noch gibt, weiß bei den Behörden bisher niemand. In Sicherheitskreisen war am Dienstag noch von zwei weiteren Frauen mit ähnlichem Profil die Rede, die ebenfalls an der Ausreise in Richtung Mittlerer Osten gehindert wurden. Jedoch seien diese nicht so eindeutig gewesen wie bei der Berliner Konvertitin, hieß es. 

Der Berliner Fall erinnert fatal an das Schicksal der Belgierin Muriel Degauque, der Kamikaze belge. Mit 38 Jahren und nachdem sie zum Islam konvertiert war, zog sie sich immer mehr aus ihrem alten Leben zurück. Im Internet las die mit einem streng gläubigen Muslim verheiratete Frau über den Heiligen Krieg und das Märtyrertum. Irgendwann im Herbst 2005 verschwand sie. Am 9. November zündete sie nördlich von Bagdad und riss mehrere irakische Polizisten in den Tod. Ihr Mann wurde wenig später von der US-Armee erschossen.

Degauque war die erste konvertierte europäische Attentäterin im Irak. Wie jetzt die Berlinerin hatte auch sie ihre Tat im Internet geplant und sogar ihre Reiseroute über die Türkei in Chaträumen beschrieben. Für die Reise in die Kampfzone gibt es dort Hunderte Seiten mit Propaganda, Reise-Tipps und Anleitungen für den Bombenbau. Interessierte chatten auf den Seiten über Absichten und Pläne. Folglich fürchten die Terror-Fahnder, dass die Berlinerin dem Beispiel der Belgierin folgen wollte.

Reisebüro in die Kampfzone

Die Szene der freiwilligen Helfer im Kampf gegen die verhassten Besatzer ist gut vernetzt und organisiert. Europäische Muslime, vor allem aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland, ziehen seit Jahren in den Kampf am Tigris. In vielen Ländern existieren regelrechte Reisebüros für die Dschihadis. Windige Vermittler wie der mittlerweile gefasste Münchner Lokman Mohammed organisieren alles, vom Transfer bis zum Anschluss an eine der versprengten Guerrilla-Truppen.

Gleichwohl stellen die Konvertiten eine ganz neue und schwer zu fassende Gruppe von Attentätern dar. "Bekehrte Muslime wollen sich vor allem selbst beweisen, dass sie besonders glaubenstreu sind", analysierte Alain Grignard von der belgischen Anti-Terroreinheit die Lage nach dem belgischen Fall. Durch den Rückzug aus ihrem alten Leben fehle oft auch der mäßigende Einfluss des sozialen Umfelds. Für radikale Islamisten, so die düstere Prognose, seien sie deshalb leichte Beute.

Innerhalb des weltweiten Terror-Zirkels, der mehr und mehr dezentral agiert, sind diese Nachrichten bereits angekommen. Schon letztes Jahr kursierte eine sogenannte Strategie im Netz, die von "neuen Soldaten" des Terrors sprach. Diese kämen aus der Mitte der westlichen Gesellschaft, einstige Kirchgänger, hätten nun die Wahrheit des Islam entdeckt - Konvertiten also. Auch wenn weder Verfasser noch die Authentizität bekannt ist, bleiben solche Ideen nicht ungehört.



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