Deutsche Soldaten in Afghanistan Verschlüsselte Bestätigung aus Berlin

Offiziell will das Verteidigungsministerium US-Berichte über die ersten deutschen Soldaten in Afghanistan nicht kommentieren. Doch intern bestätigen verschiedene Mitarbeiter des Ministeriums jetzt den Einsatz deutscher Verbindungsoffiziere bei Kandahar.


Über den Einsatz von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan wurde am Wochenende heftig spekuliert
DPA

Über den Einsatz von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan wurde am Wochenende heftig spekuliert

Berlin - Es ist nur ein einziger, wenn auch langer Satz, den das Bundesverteidigungsministerium am vergangenen Sonntag veröffentlichte: "Die Bundeswehr macht grundsätzlich zu operativen Fragen im Zusammenhang mit Streitkräften keine Aussagen, da nur so der Schutz der Soldaten und die Operationsführung sichergestellt werden kann." Mehr gibt es auch heute nicht, auch wenn jeder einzelne Journalist der Republik die Sprecher von Minister Scharping noch so oft und hektisch anruft. Alle haben die gleiche Frage: Sind nun deutsche Soldaten in Afghanistan angekommen oder nicht und was machen sie dort? Darauf jedoch gibt ihnen der Bandwurmsatz des Ministeriums keine Antwort.

In die unangenehme Erklärungsnot über die erste deutsche Beteiligung am Bodenkrieg gegen den Terror in Afghanistan hat sich Rudolf Scharping diesmal nicht selber gebracht. Seit dem ersten Tag der deutschen Hilfsflüge war der Minister vorsichtig mit jeglichem Detail geworden. Am Sonntag aber versetzten die Amerikaner Scharping in eine peinliche Lage: Ohne konkreten Anlass sagte ein Sprecher der US-Streitkräfte in Afghanistan Reportern der "Washington Post", dass "deutsche Verbindungsoffiziere" bereits in dem US-Camp auf einem ehemaligen Flughafen südlich von Kandahar eingetroffen seien. Die Offiziere seien bisher "hauptsächlich für Koordinierungsfragen" anwesend, orakelte der Hauptmann. Bisher jedoch sei sowohl die Zahl auch die Bedeutung der Ausländer eher gering.

Hektische Telefonate in Berlin

Verteidigungsminister Rudolf Scharping gerät durch die lockere Informationspolitik der Amerikaner in Erklärungsnot
AP

Verteidigungsminister Rudolf Scharping gerät durch die lockere Informationspolitik der Amerikaner in Erklärungsnot

Intern bestätigten jetzt mehrere Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums den Einsatz von Verbindungsoffizieren in Afghanistan, ohne dass sich jemand mit Namen nennen lassen wollte. Ein informierter Mitarbeiter sagte am Montag, dass die Berichte darüber "keineswegs abwegig" seien. An anderer Stelle des Scharping-Ministeriums gab man zu bedenken, dass allein die Sprachregelung in der offiziellen Mitteilung fast eine Bestätigung sei. "Ohne einen Soldaten auf feindlichem Gebiet müssen sie auch keinen Soldaten und auch keine extra im Text erwähnte Operation schützen", unkte ein Mitarbeiter am Montag. Einzelheiten zu den eingesetzten Kräften in Afghanistan wollte aber niemand im Ministerium enthüllen, weder zu der Zahl der Offiziere noch zu deren Aufgaben.

Für den amerikanischen Sprecher der Streitkräfte war das Zitat keine große Geschichte und auch in den amerikanischen Zeitungen taucht die Beteiligung der Deutschen eher am Rande auf. In Berlin schlug die Nachricht jedoch ein. Eine Stationierung von deutschen Soldaten in Afghanistan - seien es auch nur einige Offiziere - gäbe der deutschen Beteiligung eine ganz neue Qualität und würden so manchen Satz aus der Bundestagsdebatte bei der Abstimmung über den Kriegseinsatz als Farce enttarnen. Und so wurde am Sonntagabend in der Hauptstadt viel telefoniert und spekuliert.

Spekulationen über deutsche Friedenstruppe dementiert

Als von den Amerikanern begehrt gelten die Truppen des Kommandos Spezialkräfte (KSK)
DPA

Als von den Amerikanern begehrt gelten die Truppen des Kommandos Spezialkräfte (KSK)

Eine Spekulation schien am Wochenende besonders plausibel: Die deutschen Soldaten in Afghanistan könnten die erste Vorhut für eine Friedenstruppe für die Zeit nach dem Sieg über die Taliban sein. Doch auch über diese Friedenstruppe für Afghanistan gab es nach dem Wochenende mehr Verwirrung als Klarheit. Immer wieder war in den letzten Tagen aus den Kreisen der Verhandlungspartner vom Petersberg nahe Bonn berichtet worden, man wünsche sich auf Seiten der Nordallianz eine möglichst starke deutsche Beteiligung an einer solchen Friedenstruppe. Und schon wurde in Berlin über die Entsendung deutscher Truppen spekuliert und diskutiert.

Der deutsche Beauftragte des Auswärtigen Amts zeigte sich jedoch am Montag überrascht über die Berichte. "Die Diskussion über eine deutsche Beteiligung an einer multi-nationalen Friedenstruppe spiegelt sich nicht im bisherigen Konferenzverlauf wieder", sagte der Diplomat Hans-Joachim Daerr der Nachrichtenagentur AP. Die häufige Erwähnung der Deutschen ist demnach eher eine Art Höflichkeitsbekundung gegenüber dem Gastgeber als ein echter Wunsch nach deutscher Beteiligung. Der Nordallianz-Unterhändler bestätigte diese Einschätzung Daerrs und betonte, dass er möglichst wenige ausländische Truppen im Land wünsche. Diese sollten möglichst aus islamischen Staaten kommen. Nach Einschätzungen anderer Beobachter würden für einen solchen Einsatz eher Truppen aus der Türkei in Frage kommen. In dieser Frage war die Bundeswehr dann auch am Montag ganz deutlich. Es gebe "keine Pläne" für einen Friedenseinsatz, sagte ein Sprecher von Minister Scharping.

Matthias Gebauer



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