Deutsche Terror-Verdächtige Pakistan kündigt Auslieferung an

Zwei der drei in Pakistan unter Terror-Verdacht festgenommenen Deutschen könnten schon bald ausgeliefert werden. Was den Männern konkret vorgeworfen wird, ist noch unklar. Einer der Männer, ein Türke mit deutschem Pass, ist der Terror-Fahndern jedoch bestens bekannt.


Berlin - Die beiden am 10. Juni an der pakistanisch-afghanischen Grenze festgenommenen Deutschen könnten nach Angaben aus pakistanischen und deutschen Regierungskreisen schon bald nach Deutschland ausgeliefert werden. In Islamabad hieß es, Pakistan sei nach mehreren Vernehmungen bereit, den 29-jährigen Tolga D. aus Ulm in Baden-Württemberg und den staatenlosen Libanesen Hussain al-M., der eine Aufenthaltsgenehmigung hat, nach Deutschland zu überstellen.

In Berlin hieß es in Regierungskreisen, es gebe solche Gerüchte in Pakistan, ein konkretes Angebot liege allerdings noch nicht vor.

Am Montagnachmittag gelang es der deutschen Botschaft zum ersten Mal, die beiden Männer in einem Gefängnis des pakistanischen Geheimdienstes ISI zu besuchen. Botschaftsangehörige bekamen Zugang zu dem Gefängnis und hatten die Gelegenheit, mit den beiden Männern zu sprechen. Über Details des Besuchs wurde zunächst nichts bekannt. Auch ob sich die Männer zu den Vorwürfen gegen sie geäußert haben, blieb unklar. In der vergangenen Woche hatte sich die Botschaft vergeblich um einen konsularischen Zugang zu den beiden Deutschen bemüht.

Über die Vorwürfe gegen die beiden Deutschen ist immer noch nicht viel bekannt. Am 10. Juni wurden sie von der pakistanischen Polizei an der iranisch-pakistanischen Grenze bei Taftan aufgegriffen. Offenbar hatten sie gefälschte Ausweispapiere aus Afghanistan bei sich, mit denen sie unauffällig nach Pakistan einreisen wollten. Auch das Gepäck des Duos, die gemeinsam mit einem Kirgisen reisten, war der Polizei aufgefallen. In einem Rucksack trugen sie Satellitentelefone bei sich, nicht gerade die Standardausrüstung für Touristen.

Kontakt zu pakistanischer Terror-Gruppe

In Islamabad hieß es nun, die Deutschen stünden im Verdacht, der pakistanischen Terror-Gruppe Jihad-e-Islami anzugehören. Die radikale Gruppe agiert hauptsächlich in der Region Kaschmir, den Mitgliedern werden enge Kontakte zu den Taliban in Afghanistan nachgesagt. Innerhalb der Gruppe sollen Geheimdiensterkenntnissen zufolge auch Ausländer agieren, die jedoch hauptsächlich aus dem zentralasiatischen Raum kommen. Die USA hingegen warnten Deutschland bereits, dass sich auch Deutsche in den Lagern diverser Gruppen in Pakistan aufhalten würden.

Was Tolga D. und sein Begleiter in Pakistan wollten, ist weitgehend unklar. Der 29jährige aus Ulm, der für die deutschen Behörden als islamistischer Gefährder mit engen Kontakten in die radikale Szene bekannt ist, hatte sich bereits im Frühjahr 2006 nach Ägypten aufgemacht, angeblich um arabisch zu lernen. Zuvor wohnte er in Ulm und besuchte regelmäßig ein Kulturzentrum, das jahrelang Treffpunkt von radikalen Islamisten war. Kontakte unterhielt er sowohl zu einem prominenten Vorbeter aus dem Zentrum als auch zu Reda Seyam, der aus Sicht der Behörden eine wichtige Figur der Islamisten-Szene ist.

Die Festnahmen wurden vergangene Woche vom Bundesinnenministerium und vom Bundeskriminalamt (BKA) als ein Indiz neben anderen genannt, warum sich die Gefahr von Terror-Anschlägen für Deutschland erhöht hat. Das BKA sprach sogar von ungefähr zehn Deutschen, die sich vermutlich in Terror-Lagern in Pakistan und Afghanistan aufhalten. Was mit den beiden Deutschen nach einer Auslieferung passiert, ist zurzeit noch unklar. Da offiziell kein Verfahren gegen sie läuft, könnten sie vermutlich ohne Probleme nach Deutschland zurückkehren.

Schmuckhändler oder Terrorist?

Der Fall eines weiteren Deutschen in pakistanischer Haft ist dagegen noch vollkommen offen. Der 45-jährige Pakistaner Aleem N. aus Germersheim war am vergangenen Montag auf dem Flughafen in Lahore festgenommen worden, ihm werfen die pakistanischen Behörden vor, er habe in einem Trainingslager der al-Qaida den Umgang mit Sprengstoff erlernt. Der Geheimdienst ISI nahm den Mann fest, als er zurück nach Deutschland fliegen wollte. Bisher haben die deutschen Diplomaten noch keinen Zugang zu ihm bekommen.

Wie Tolga D. gehört auch Aleem N. zu den "Gefährdern", die von der Polizei beobachtet werden. Kurz nach dem 11. September 2001 hatte er sich positiv über die Terror-Anschläge geäußert. Daraufhin verlor er umgehend seinen Werksvertrag in einem Ingenieurbüro, wo er als Maschinenbau-Konstrukteur angestellt. Das Büro arbeitete neben anderen Aufträgen auch für das Institut für Transurane beim Forschungszentrum Karlsruhe. Das Institut teilte jedoch mit, dass Aleem N. im Gegensatz zu anders lautenden Medienberichten nie Zugang zu radioaktivem Material oder sicherheitsrelevanten Bereichen der Einrichtung hatte.

Die Ehefrau von Aleem N. bezeichnete die Vorwürfe gegen ihren Mann als haltlos. Laut ihren Angaben betreibt Aleem N. eine kleine Firma, die mit afghanischen Edelsteinen handelt. Um neue Steine zu kaufen, sei er in Pakistan gewesen. Mit seiner Ehefrau ist Aleem N. seit rund 20 Jahren verheiratet, sie haben vier Kinder. Die Ehefrau sagte am Montag, Aleem N. fahre regelmäßig nach Pakistan, wo auch seine Familie lebt. Die Vorwürfe gegen ihn seien "lächerlich", so Katja N.

mgb



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.