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Deutsche und Polen Jahrmarkt der Vorurteile

Der Kanzler wird am 1. August in Warschau des polnischen Aufstands von 1944 gedenken. Beide Länder bemühen sich, die Differenzen der vergangenen Monate beizulegen. Doch abseits der offiziellen Politik grassieren weiter die Klischees und Stereotypen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Als Bundespräsident Roman Herzog 1994, vor seinem Besuch in Polen, dem "Stern" ein Interview gab, war der Fauxpas nicht mehr rückgängig zu machen. Dem Pressechef des Bundespräsidialamtes und drei "Stern"-Redakteuren war schlichtweg entgangen, dass Herzog im Gespräch den Warschauer Aufstand von 1944 mit dem jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto ein Jahr zuvor verwechselt hatte. In der polnischen Öffentlichkeit hagelte es damals Kritik, auch wenn Herzog sich schnell für den peinlichen Fehler entschuldigte.

Für die Polen ist der Aufstand von 1944, in dem sich die Heimatarmee erfolglos gegen die deutschen Besatzer erhob, eines der wichtigsten Ereignisse ihrer jüngeren Geschichte. Die Verwechslung des damaligen Bundespräsidenten und die Unwissenheit der Redakteure zeigte in den Augen vieler Polen wieder einmal die Ignoranz, die die Deutschen ihrem Nachbarn noch immer entgegenbringen. Zehn Jahre später, nach Herzogs Rede zum Warschauer Aufstand, wird Bundeskanzler Gerhard Schröder am kommenden Sonntag der Toten in der polnischen Hauptstadt gedenken.

Ein Ereignis, das diesmal weit weniger Emotionen in Polen entfacht hat. Wohl auch, weil Herzogs anschließende Bitte um Vergebung von vielen Polen, vor allem den Veteranen, dankbar aufgenommen worden war.

Schröder unterbricht Italienurlaub

Schröder weiß um die große Bedeutung seines Auftritts. Für die Teilnahme an diesem Sonntag unterbricht er seinen Urlaub in Italien. Schon am 20. Juli, dem Gedenktag an den deutschen Widerstand, hatte der Kanzler in seiner Ansprache in Berlin den Brückenschlag versucht - zwischen dem gescheiterten Attentat gegen Hitler und dem nur eineinhalb Wochen später begonnenen Aufstand an der Weichsel. Beides, so Schröder, seien "flammende Zeichen" einer europäischen Wertegemeinschaft.

In Polen umweht die Feierlichkeiten bis heute eine Glorienaura, die in Deutschland mit seiner nüchternen Geschichtsbetrachtung kaum verstanden wird. Der Aufstand war ein doppelter Akt der Selbstbehauptung: gegenüber den Deutschen und den Sowjets, die tatenlos am östlichen Weichselufer der Vernichtung der polnischen Heimatarmee zusahen. Die westlichen Allierten kamen den Aufständischen lediglich mit einer weitestgehend unwirksamen Luftversorgung zu Hilfe. Polen fiel damit auch der politischen Rücksichtnahme auf die Interessen Stalins zum Opfer. Kein anderer als Winston Churchill hat darüber später selbstkritisch in seinen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg geschrieben.

Der Aufstand hat sich tief in die Seelenlage der Polen eingegraben. 200.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Es gibt kaum eine Warschauer Familie, die keine Toten zu beklagen hatte. Wehrmacht und SS-Verbände schlugen den Aufstand erbarmungslos nieder. Nach 63 Tagen kapitulierten die Polen. Die Deutschen hatten Warschau, von wenigen Häuserquartieren abgesehen, dem Erdboden gleichgemacht - so hatte Adolf Hitler es befohlen.

Vor zehn Jahren meinten 86 Prozent der Polen, der Aufstand sei ein "wichtiges Ereignis". Zwei Drittel der Befragten erklärten gar, er sei zu wichtig, um bei einer rationalen Betrachtung zu bleiben. Das ist bis heute so geblieben - zumindest in den offiziellen polnischen Stellungnahmen. Jeder, der einmal am 1. August auf dem Warschauer Friedhof Powazki gewesen sei, wisse, dass die Erinnerungen an den Aufstand des Jahres 1944 "uns heilig sind", heißt es etwa in einer Presseerklärung des polnischen Botschafters in Berlin, Andrzej Byrt.

Kein russisches Staatsoberhaupt eingeladen

Wie vor zehn Jahren, so wird auch diesmal kein russisches Staatsoberhaupt an den Feierlichkeiten teilnehmen. 1994 hatte Lech Walesa, damals Staatspräsident, noch seinen russischen Kollegen Boris Jelzin in einer Geste der Versöhnung eingeladen - doch der Mann aus Moskau kam dann nicht und schickte stattdessen seinen Kanzleichef, wohl auch, weil die Einladung an die russische Seite Zorn und Ärger unter polnischen Veteranen ausgelöst hatte.

Für Verstimmungen im deutsch-polnischen Verhältnis hatten zuletzt die Pläne des Bundes der Vertriebenen und seiner Vorsitzenden Erika Steinbach (CDU) für die Einrichtung eines "Zentrums gegen Vertreibungen" gesorgt. Die Bundesregierung hat in dieser Frage inzwischen klar Position bezogen. Ihre Staatsministerin für Kultur, Christina Weiss, unterstützt ein Alternativkonzept für wechselnde Wanderausstellungen, das neben Deutschland auch Polen, Österreich, Ungarn, Tschechien und die Slowakei als "Netzwerk" aufbauen wollen. Gerade die Aufregungen, die Steinbachs Projekt unter Publizisten und Akademikern in Polen ausgelöst hatte, zeigt aber auch ein Dilemma der polnischen Innenpolitik: Antideutsche Ressentiments sind jederzeit aktivierbar und finden nicht nur in Wahlkämpfen im Volk, sondern auch unter den Intellektuellen immer wieder Resonanz.

Schröders Würdigung des polnischen Aufstands offenbart, wie sehr Berlin um eine weitere Normalisierung der Nachbarschaft bemüht ist. Begleitet wird die Kanzler-Kurzvisite von einem bemerkenswerten deutschen Interesse am Warschauer Aufstand: Wohl noch nie ist der verzweifelte Kampf der Polen gegen die unbarmherzigen Besatzer so ausführlich in den Feuilletons besprochen worden wie in diesen Tagen. Auch der Blick auf Neuerscheinungen im deutschen Buchmarkt zur polnischen Tragödie scheint das zu bestätigen.

Polnische Mobilität

Jenseits der offiziellen Reden und Bekundungen sieht es mit den deutsch-polnischen Beziehungen vergleichsweise bescheiden aus. Die Tourismuszahlen steigen östlich der Oder zwar - doch noch immer zieht es die Deutschen lieber in den Süden oder Westen. Immerhin: 2003 verzeichnete Polen einen Boom deutscher Besucher, selbst ein vergleichsweise schwacher, aber anschwellender Gegenstrom ist zu verzeichnen.

Vor allem Berlin, nur 70 Kilometer von der Grenze entfernt, entwickelt sich auch zum offiziellen Reiseziel vieler Polen. Im Jahr 2003 übernachteten in Hotels und Pensionen 26.774 polnische Besucher in der deutschen Hauptstadt, 6,5 Prozent mehr als 2002. In den ersten zwei Monaten dieses Jahres stiegen die Zahlen mit 12,3 Prozent noch deutlicher an. Der EU-Beitritt im Mai, so die Hoffnung Berliner Tourismusmanager, könnte einen weiteren Zuwachs bringen.

Trotzdem ist Deutschland für die meisten Polen kein Urlaubsziel, sondern ein Land, in dem sich Geld verdienen lässt. Berlin gilt schon jetzt als die größte polnische Stadt im Westen. 130.000 Polen sollen hier leben. Nicht wenige gehen illegalen Beschäftigungen nach, sanieren Häuser und Wohnungen, arbeiten in Imbissen und Restaurants, hüten als Kindermädchen den Nachwuchs deutscher Familien. Ohne polnische Hilfe wäre ein ganzer Zweig der Schattenökonomie in Deutschland gar nicht denkbar - abgesehen von jenen legalen Beschäftigungen wie die bei der Spargel- oder Weintraubenernte.

Während Deutsche häufig nur zum Billig-Tanken über die Grenze fahren, nehmen Tausende von Polen jede Woche die Strapazen einer langen Reise auf sich, um vom strukturschwachen Osten ihres Landes in den Westen zur Arbeit zu fahren. Die Mobilität, die allenthalben im Diskurs der deutschen Öffentlichkeit von den eigenen Landsleuten verlangt wird, ist für viele Polen schon lange Wirklichkeit.

Mit Ironie gegen Klischees

Abseits dieser Wirklichkeit halten sich hartnäckig Vorurteile. Für viele Polen sind die Deutschen noch immer humorlose Ordungsfanatiker. Und vom Ordnungsfanatiker ist der Weg zum "Nazi-Deutschen" nicht weit, wie im vergangenen Jahr das Magazin "Wprost" bewies, das die Vertriebenen-Politikerin Steinbach auf dem Kanzler reitend in SS-Uniform abbildete. In Deutschland wiederum gelten vielen die östlichen Nachbarn als faul, als Autodiebe, Trinker und Chaoten.

Die Polen in Deutschland und auch Deutsche, die mit Polen zu tun haben, reagieren auf die Klischees vielerorts mit Selbstbewußtsein und Ironie. "Kaum gestohlen - schon in Polen" hieß etwa eine Diskussionsveranstaltung von Europa-Experten im vergangenen Jahr in Berlin. Die Industrie und Handelskammer in Frankfurt an der Oder brachte einen viel beachteten Polen-Führer heraus, in dem spielerisch die gängigen Vorurteile verwendet werden. Der Autor: ein Pole.

Und der in Ost-Berlin residierende "Club der polnischen Versager", eine Gruppe polnischer und deutscher Künstler und Intellektueller, bricht schon im Titel mit den Stereotypen. Er ist mittlerweile eine auch im offiziellen Kanon anerkannte Institution des deutsch-polnischen Kulturaustausches.

Vor allem in Ostdeutschland halten sich die Vorurteile hartnäckig. In Brandenburg wurde eigens sogar ein Mobiles Beratungsteam namens "Eurokomm" eingerichtet, um den Prozess der EU-Mitgliedschaft zu begleiten. Vier Mitarbeiter, Deutsche und Polen, sollen in Schulen, Berufsausbildungsstätten und Kommunalverwaltungen für gegenseitiges Verständnis sorgen.

Wie es um die deutsch-polnischen Beziehungen im Kleinen bestellt ist, das illustriert anschaulich eine Homepage des Mitteldeutschen Rundfunks. Unter dem Schlagwort "Knigge für Polen" werden da jene Menschen gewarnt, die "es am Stammtisch mit einer ausgedehnten Sammlung von Polenwitzen zu Beliebtheit gebracht haben". In Polen, so heißt es, könnte das "nicht die gewünschte Wirkung zeigen".