Deutsche Unterschicht Philosophie mit Dosenbier, Fastfood, Körperkult

Stolz, aufstiegswillig, bildungsbeflissen: Das war früher die Unterschicht, die Klientel der SPD. Nichts davon findet die Beck-Müntefering-Partei heute wieder, zeigt eine Studie: Die neue Unterschicht will Freizeit, Spaß, Unterhaltung, Ablenkung, Body-Kult - ein Leben in Traumwelten.
Von Franz Walter

Im Herbst 2006 herrschte in der deutschen Republik für eine halbe Woche lautstarke Aufregung über eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zur "Gesellschaft im Reformprozess". Denn die Sozialforscher hatten in ihrer Untersuchung - die in ihren übrigen Facetten bis heute kaum zur Kenntnis genommen, ja meist nicht einmal gelesen wurde - auf die Rückkehr sozialer Polarisierungen hingewiesen, vor allem auf die Existenz eines "abgehängten Prekariats".

Das mündete dann in eine durchaus furiose, aber eben rasch vorübergehende "Unterschichtendebatte". Vor allem die Sozialdemokraten, einst politische Repräsentanten der unteren gesellschaftlichen Schichten, reagierten irritiert und ein wenig richtungslos. Dass ausgerechnet während ihrer Regierungszeit sich die sozialen Antagonismen und Marginalisierungen verschärft haben sollten, war ihnen nur schwer erträglich. Und daher dekretierte ihr sauerländischer Kompanieführer und Vizekanzler zackig, dass es in Deutschland keine Schichten gebe, dass dies alles nur krauses Geschwätz "weltfremder Soziologen" sei.

Doch hätte es des Münteferingschen Verbalhammers gar nicht bedurft, denn die Diskussion zur neuen sozialen Frage brach so plötzlich ab wie sie kurz zuvor jäh aufgekommen war. In den quirligen Rochaden der Mediengesellschaft existiert nur wenig Platz für kontinuierliche Debatten konstanter Probleme.

Nun hat in diesen Tagen das Heidelberger Sinus-Institut nachgelegt. Die Vorzüge der Sinus-Studien liegen darin, dass sie Analysen zur sozialen Lage mit den Einstellungen und Lebensstilen der Zugehörigen unterschiedlicher Milieus verknüpfen. Denn schließlich sagt die soziale Lage allein nichts über politische Einstellungen, soziales Engagement, den Charakter alltagsorientierender Deutungsmuster aus. Und dass die unzweifelhaft bedrückende soziale Lage der Prekarisierten in diesem Land bemerkenswert geringe altruistische oder solidarische Zuwendungen hervorruft, hat gewiss mit eben dieser subjektiven, lebensstilistischen Seite des Problems zu tun.

Prekariat wird selbst von Sozis und Grünen verachtet

Denn: Es gab Zeiten, da wurden die Outcasts und Unterdrückten dieser Welt politisch umschwärmt und literarisch mythologisiert. In einer solchen Zeit aber leben wir nicht. Das Prekariat des Postindustrialismus wird vielmehr verachtet. Auch prominente Sozialdemokraten und erst recht die etablierten Grünen können mit großem Eifer expressive Geschichten über die Disziplinlosigkeit, den schrillen Konsumismus, die Antriebsschwäche, ja die "Asozialität" des "neuen Unten" erzählen.

Den Sozialdemokraten gilt dabei als stetes Vorbild ihre eigene Geschichte mit den tüchtigen Facharbeitern im Zentrum - berufsstolz, aufstiegswillig, bildungsbeflissen, organisationsbereit. Nichts davon finden die Beck-Müntefering-Sozialdemokraten in den neueren unteren sozialen Lagen wieder. Die fleißigen Dreher, Drucker und Drechsler der frühen Arbeitsgesellschaft hatten sich noch - so wird es gerne sentimental erinnert - nach langen Arbeitszeiten bei Kerzenlicht durch Buchlektüre weiterzubilden versucht.

Das neue Prekariat aber, so wird es vorwurfsvoll kolportiert, liegt faul mit Dosenbier und Kartoffelchips auf der Couch vor einfältigen Kabel-1-Spielfilmen, verfettet und verlottert so auf Dauer in der von den Fleißigen mühevoll gespannten sozialen Hängematte des deutschen Wohlfahrtsstaates.

Die Sinus-Sozialforscher haben nun einen genaueren Blick in die prekären Lebenswelten der deutschen Gesellschaft geworfen. Zur Underclass zählen sie diejenigen mit einem Nettoeinkommen unter 600 Euro, einer geringstufigen Schulbildung und der soziokulturellen Entkopplung von den Möglichkeiten der Mehrheitsgesellschaft.

Folgt man der Prämisse, dann gehören in Deutschland nahezu vier Millionen Menschen zu dieser mehrfach abgehängten Schicht. Es gibt dabei ein deutliches Ost-West-Gefälle, da in den neuen Bundesländern zehn Prozent niederschichtig angesiedelt sind, im Westen sind es nur fünf Prozent. Bemerkenswerterweise konzentrieren sich die Unterschichten nicht wie vielfach angenommen in erster Linie in den urbanen Zentren, sondern verteilen sich, wenngleich nur leicht überproportional, im ländlichen, klein- und mittelstädtischen Raum.

Die einen schätzen Fleiß und Pünktlichkeit, bemühen sich um Sauberkeit und Ordnung. Die anderen feiern, saufen und wollen Spaß haben.

Gemeinsam ist den Zugehörigen dieser Lebenswelt, dass sie von Arbeitslosigkeit zumindest bedroht sind, sich vor weiteren Einschränkungen sozialer Transfers elementar fürchten, dass sie mit den beschleunigten Wandlungsprozessen in der Gesellschaft nicht mehr zurechtkommen, dass sie sich als Verlierer fühlen und daher zunehmend in subkulturellen Nischen einschließen. Ins Auge fällt auch, dass sich die unteren Schichten des Jahres 2007 anders als die qualifizierte Industriearbeiterschaft der Jahre 1890 oder 1920 oder 1960 ganz überwiegend keine langfristigen Ziele mehr setzten, auch nicht mehr an eine bessere Zukunft für sich durch Weiterqualifikation glauben. Emanzipation durch Bildung, Organisation und zähe, kontinuierliche Reformarbeit gehört somit nicht mehr zu den Identitäten und Hoffnungen der Minderprivilegierten.

Doch eine homogene Lebenswelt finden wir in den sozialen Hinterhöfen nicht vor. Es gibt kein uniformes soziales Unten in der deutschen Gesellschaft. Die Sinus-Expertise teilt ihren Untersuchungsgegenstand in "traditionelle" und "moderne Unterschicht" ein. Die "Traditionellen" sind während ihrer Sozialisation besonders in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten geprägt worden, die "Modernen" im Laufe der nachfolgenden Jahre von Individualisierung, Genussorientierung und Mehroptionalität.

Die traditionelle Unterschicht ist weiblicher; ihre Zugehörigen sind naturgemäß älter. Ein stattlicher Teil lebt von einer äußerst kargen Rente, ist verwitwet. Das Wertefundament ist noch klassisch, weist noch durchaus einige Affinitäten zur sozialdemokratisch, gewerkschaftlich, auch katholisch durchformten Arbeiterschaft auf.

Die traditionelle Unterschicht lebt bescheiden und sparsam, ist um Sauberkeit und Ordnung bemüht, schätzt Fleiß und Pünktlichkeit, strebt nach intakten Familienverhältnissen, sieht die Dinge nüchtern und realistisch. Soziale Gerechtigkeit, Solidarität und die Integration in Freundes- wie Vereinsnetzwerke gelten ihnen ebenfalls nach wie vor viel. Diesen Kanon von Tüchtigkeitstugenden übersetzt sich unmissverständlich in Freizeitaktivitäten: Man strickt, schneidert, gärtnert, bastelt und hobelt emsig vor sich hin.

Die Freizeit in den modernen Unterschichten gestaltet sich anders. Man strömt in Freizeitparks und begibt sich zu Techno-Events, hält sich in Schnellrestaurants auf oder vergnügt sich zu Hause bei Action-, Thriller- und Horror-DVDs. Die modernen Unterschichten sind jünger, männlicher, leben bevorzugt in Mehr-Personen-Haushalten, sind in der Tat keine praktizierenden Freunde von Disziplin, Langfristigkeit, Triebaufschub. Freizeit, Spaß, Unterhaltung, Ablenkung, Traumwelten, und Body-Kult - in diesen Chiffren drücken sich die Alltagsphilosophien und die Lebensbewältigung der modernen Underclass aus.

Nur Verachtung für die moderne Unterschicht

Mit der sozialkatholischen Lebensweise der kleinen, bescheidenen Leute und dem sozialdemokratischen Milieu klassenbewusster Arbeiter hat das nichts mehr zu tun. Die beiden (früheren) Volksparteien können daher auch ersichtlich nichts mit den neuen Unterschichten anfangen; ihnen ist deren Hedonismus, deren Ziel- und Organisationsindifferenz, die Leistungsdistanz fremd, ja verächtlich.

Die traditionelle Unterschicht steht ihnen da mit ihrem Anpassungs- und Einordnungskodex weit näher, wirkt natürlich auch weniger bedrohlich. In der neuen Unterschicht - das zeigt die Sinus-Studie sehr präzise - flackert demgegenüber gleichsam ein Stück Insubordination, Unberechenbarkeit, Aufbegehren. Die neuen Unterschichten lehnen es in großen Teilen ab, sich "bei der Arbeit herumkommandieren" zu lassen. Sie zeichnen sich durch Tabulosigkeiten, Lebenshunger, spontane Direktheit aus. Und deutlich wird ebenfalls: Sie wollen in den nächsten Jahren bei einem weiteren Anstieg der ökonomischen Wachstumsraten einen Teil des Kuchens auch für sich. Gehen sie leer aus, dann droht Krawall.

Schon jetzt findet es ein Viertel der modernen Unterschichtangehörigen - im krassen Unterschied zu den eingehegten traditionellen Arbeiterschichten der altbundesdeutschen Industriegesellschaft - keineswegs verwerflich, Gewalt beim Verfolgen der eigenen Interessen einzusetzen.

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