Sabine Rennefanz
Sabine Rennefanz

Unser Blick auf Russland Deutschland leidet wieder am Sozialarbeitersyndrom

Sabine Rennefanz
Eine Kolumne von Sabine Rennefanz
Eine Kolumne von Sabine Rennefanz
Ein Sorry wird nicht reichen. Jahrelang bestimmten Angst, Schuld und Selbstüberschätzung das Verhältnis zu Russland.
Der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zu Gast im Kreml, März 2016

Der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zu Gast im Kreml, März 2016

Foto: Kirill Kudryavtsev / AFP

Es ist die Zeit des großen Sorry. Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich entschuldigt, dass er Russland und Putin falsch eingeschätzt hat. Er habe sich geirrt, sagt er. Geirrt, das klingt lapidar, wie ein Anrufer, der die falsche Nummer gewählt hat. Steinmeier rief als Bundespräsident ständig mit pathetischen Worten zur Verteidigung der Demokratie auf, dem Antidemokraten Wladimir Putin aber zeigte er sehr lange sehr viel Verständnis.

Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, hat sich ebenfalls entschuldigt, dass ihr Festhalten an Nord Stream 2 falsch war. Wahrscheinlich arbeitet Ex-Kanzlerin Angela Merkel auch schon an einer Apologie.

Doch was bringt das alles? In Partnerschaften soll eine Entschuldigung ein Gespräch öffnen, so empfehlen es Therapeuten. In der Politik dient ein »Sorry« eher dazu, Diskussionen zu beenden. Sorry, nächstes Thema. Steinmeier wechselte mühelos zum anderen Extrem und nannte Putin einen »eingebunkerten Kriegstreiber«.

Man muss flexibel sein, anders hält man sich nicht dreißig Jahre in der Politik ganz oben.

Und es sind ja nicht nur »die Politiker«, die ein einseitiges Russlandbild gepflegt haben, geboren aus einem komplexen Gemisch aus Schuld gegenüber der Sowjetunion, Angst vor der Atommacht und Selbstgerechtigkeit. So viele Menschen bilden sich viel darauf ein, Russland ganz besonders gut zu verstehen. »Putinversteher« bevölkerten Talkshows und Bestsellerlisten. Das Wort ist inzwischen in die englische Sprache übergegangen, es gibt einen Wikipedia-Eintrag. Und die russische Kultur! Kein Tag vergeht, in dem nicht jemand darauf hinweist, dass man jetzt aber trotzdem weiter Tolstoi lesen darf. Hierzulande muss sich der ukrainische Botschafter, Andrej Melnyk, ständig zur russischen Kultur positionieren, als sei das jetzt irgendwie wichtig, ob er Tschaikowsky höre oder nicht. Und nichts gegen Tolstoi, aber vielleicht sollten die Deutschen eher Swetlana Alexijewitsch lesen, um etwas über die postsowjetische Gesellschaft zu erfahren.

Ich erinnere mich noch, wie ich als Korrespondentin 2006 über die Vergiftung des russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko berichtete. Damals, bei den Recherchen in einem Fünfsternehotel, bekam ich Angst vor Putin. Schon damals schwang bei den Gesprächen mit Kollegen in Deutschland ein Misstrauen mit. Das war doch ein Spion, war er nicht selbst schuld an seinem Schicksal? Das Victim-Blaming setzte sich unterschwellig fort: Wer weiß, was die Georgier gemacht haben, um Russland 2008 zu provozieren?

Man kann dieses Denken auch nach Bekanntwerden der Verbrechen von Butscha beobachten. Trotz vielfältiger Belege gibt es eine große Bereitschaft, die Bilder in Zweifel zu ziehen.

In den Neunzigerjahren existierte in Ostdeutschland das Prinzip der »akzeptierenden Jugendarbeit« beim Umgang mit Rechtsextremismus. Junge Rechtsextreme sollten nicht gerügt oder bestraft werden, das würde sie weiter in die Enge treiben, sondern man sollte ihnen Angebote für Gespräche, Ausbildungsplätze und positive Bestätigung geben. Dann würden sie sich Schritt für Schritt automatisch zu demokratisch gesinnten Bürgern entwickeln. Rechte Jugendliche durften Jugendklubs besetzen. Es war ein Faktor – nicht der einzige – warum rechte Jugendkultur im Osten in den Neunzigerjahren zum Mainstream wurde.

Das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland erinnert mich an dieses Prinzip: Deutschland hat lange mit dem Blick des verständnisvollen Sozialarbeiters auf Russland geschaut. Der eine prügelt, der andere entschuldigt und barmt. Der Sozialarbeiter hofft auf Läuterung, wenn man nur genügend Angebote macht. Irgendwann werde sich der Gewalttäter besinnen.

Dahinter steckt Hilflosigkeit. Dahinter steckt auch die seit 30 Jahren währende Hybris zu glauben, dass die westliche Demokratie 1989 gemeinsam die totalitäre Herrschaft der Sowjetunion besiegt habe. Die Sowjetzeit, das imperiale Erbe wurde in Russland nie aufgearbeitet. Anders als in Ostdeutschland und osteuropäischen Ländern blieben die kommunistischen Eliten auch nach 1990 an der Macht. Dass die militärische Supermacht Sowjetunion friedlich untergegangen war, war für die Mehrheit der Russen kein Grund zum Feiern, sondern zum Schämen. Schon 2007 hat Wladimir Putin klargemacht, dass sich sein Russland nicht wie Westdeutschland 1945 verhalten werde, seine Sünden bereuen und sich in den Klub der westlichen Staaten aufnehmen lassen, wo ihnen Benehmen beigebracht wird. So beschreiben es Ivan Krastev und Stephen Holmes in ihrem Buch »Das Licht, das erlosch«.

Viele in Deutschland dachten, sie haben Russland im Griff. So wie man lange dachte, man habe die Demokratiefeinde im eigenen Land im Griff. Die Ablehnung westlicher Werte wie Gewaltenteilung, freie Wahlen, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Minderheitenschutz können sie sich nicht anders erklären, als dass es eine Krankheit ist. So wie Steinmeier jetzt wieder vom »imperialen Wahn« Putins spricht. Der SPD-Außenpolitiker Günther Verheugen und andere möchten den Russen schon wieder die Hand reichen. Bitte nicht. Jedenfalls nicht jetzt. Russland ist kein Patient, sondern ein Gegner.