Blick der Weltpresse Deutschland 2015 - gefürchtet, gehasst und bewundert

Ob Griechenlandkrise, Ukrainekrieg oder Flüchtlingskrise - die Welt blickte 2015 auf Deutschland. Die Urteile fielen äußerst gemischt aus.
"Kanzlerin der freien Welt": Cover des "Time"-Magazins

"Kanzlerin der freien Welt": Cover des "Time"-Magazins

Foto: AFP/ TIME

"Germany's year: Has it been worrying or wunderbar?", fragt die britische BBC  kurz vor Silvester auf ihrer Webseite. Ja, wie war es eigentlich, Deutschlands 2015, besorgniserregend oder eben doch wunderbar?

Die britische Rundfunkanstalt findet, dass unser zu Ende gehendes Jahr eines bestimmt nicht war: gewöhnlich. Deutschland habe "ein Talent dafür, extreme Reaktionen im Ausland zu provozieren. Von Empörung bis Heldenverehrung", schreibt die BBC. "Das war insbesondere 2015 der Fall."

Diese Auf-und-Ab-Bilanz spiegelt sich in internationalen Reaktionen auf Ereignisse wider, die Deutschland 2015 bewegt haben. Innerhalb weniger Monate wandelte sich etwa das Image Angela Merkels von der kühlen Euro-Verhandlerin zur warmherzigen Flüchtlingskanzlerin.

Ausgewählte Zeitungscover, Karikaturen, Berichte und Kommentare ausländischer Medien zeigen, wie sehr sich der Blick auf Deutschland im Laufe des Jahres veränderte.

Wie die Welt 2015 auf Deutschland schaute - der Jahresrückblick:


Erstes Quartal: Das griechische Drama

Anfang des Jahres rettet die EU Griechenland vor dem Grexit. Doch der Schuldenstreit zerrt an den Nerven der europäischen Partner, zwischenzeitlich droht ein griechischer Ausstieg aus dem Euro.

In Athen sorgt der verordnete Sparkurs für heftige Reaktionen: Mitte Februar veröffentlicht die Zeitung der griechischen Regierungspartei Syriza eine Karikatur von Finanzminister Wolfgang Schäuble als Nazi, der von der Vernichtung der Griechen träumt.

Griechische Nazi-Karikatur von Schäuble

Griechische Nazi-Karikatur von Schäuble

Foto: Foto: Tassos Anastasiou/I Avgi/dpa

Auch anderswo wird Deutschlands harte Haltung in der Schuldenkrise kritisch gesehen - sie wird nur nicht so geschmacklos vorgetragen. Viele internationale Medien sehen Merkel und ihre Regierung als Zuchtmeister, denen es an Empathie fehle. So schreibt die "New York Times"  , Merkel habe den Schutz ihrer Steuerzahler über alles andere gestellt. "Die moralische Arroganz könnte Deutschland noch teuer zu stehen kommen, vor allem, wenn Griechenland die Eurozone verlassen muss und pleite geht."


Zweites Quartal: Gipfel-Harmonie

Im Juni treffen sich sieben Staats- und Regierungschefs im bayerischen Schloss Elmau. Ein Foto vom G7-Gipfel schafft es sowohl im Inland als auch im Ausland auf mehrere Titelseiten, im Internet wird es mit Jux-Sprüchen versehen: Die Kanzlerin steht mit ausgebreiteten Armen vor Barack Obama, im Hintergrund die Alpen.

Die größte spanische Tageszeitung "El País" zeigt das Bild prominent, auch der britische "Guardian":

"The Hills are alive with the sound of Angela", steht über dem Foto - in Anspielung auf den Singfilm "The Sound of Music", in dem ähnlich posiert  wird wie auf der G7-Alm.

Zwar stand eigentlich die Russland-Krise im Mittelpunkt des Gipfels. Doch was im Ausland von dem Ereignis hängenbleiben wird: Die hübschen Berge, Barack Obamas Biergenuss um 11 Uhr vormittags  - und eben DAS Foto. Von dem zwar keiner so richtig weiß, was es zu bedeuten hat. Auf dem Merkel aber ziemlich energisch wirkt.


Drittes Quartal: Die Flüchtlingskanzlerin

Über den Sommer steigen die Flüchtlingszahlen, Deutschlands strikte Asylpolitik rückt in den Fokus. Eine Begegnung zwischen Merkel und dem Flüchtlingsmädchen Reem im Juli bringt internationale Medien auf das Thema. Als Reem in Tränen ausbricht, reagiert Merkel verständnisvoll - aber ziemlich nüchtern. Nicht jeder Flüchtling werde bleiben können, lautet ihre Botschaft. Die "York Times" stellt daraufhin Merkels Einfühlungsvermögen infrage .

Die Szene passt gut zum Image Deutschlands im Ausland - Merkel erscheint kontrolliert, oft kühl. Wie in der Eurokrise.

Dieser Eindruck ändert sich ebenso schlagartig wie die Lage in Deutschland selbst. Als die Flüchtlingssituation in Ungarn zu eskalieren droht, nimmt Deutschland auf einen Schlag Tausende Schutzsuchende auf. Bis Ende 2015 werden es mehr als eine Million Menschen sein. International wird Deutschland nun verbreitet als Beispiel für humanitäre Hilfe und großzügige Gastfreundschaft gesehen.

Die Titelseite des "Wall Street Journal" zeigt Merkel in einer Selfie-Session mit Flüchtlingen:

Weltweit preisen Medien und Hilfsorganisationen, wie sich Behörden und Bürger um Flüchtlinge kümmern . Merkel sei ein moralisches Vorbild, schreiben Magazine.

Moralisches Vorbild: Schlagzeilen zu Deutschlands Umgang mit Flüchtlingen

Moralisches Vorbild: Schlagzeilen zu Deutschlands Umgang mit Flüchtlingen


In die Euphorie mischt sich aber auch Skepsis. Der arabische Nachrichtensender Al Jazeera warnt früh vor einer Spaltung der EU . Und der französische "Figaro" hält Merkel für naiv - viele EU-Länder steckten in Schwierigkeiten, könnten jungen Flüchtlingen keine Perspektive und Jobs bieten.

Aus der Türkei kommen Befürchtungen, Deutschland werde bald mehr Unterstützung in der Flüchtlingskrise einfordern. "Die Türkei tut schon mehr als genug", schreibt "Daily Sabah" Ende August. Mittlerweile verhandelt die EU mit Ankara über einen Kontingentplan.


Viertes Quartal: Das Lob bleibt - mit Einschränkungen

Noch immer wird Deutschlands Kraftakt in der Flüchtlingskrise gelobt, auch deshalb wird Merkel im Dezember vom "Time"-Magazin zur "Person des Jahres" gewählt.

Foto: AFP/ TIME

Dazwischen mischen sich Berichte über Schwierigkeiten, etwa über die chaotischen Zustände bei der Registrierung in Berlin .

Auch die dramatisch steigende Zahl rechter Gewalttaten, etwa im Sommer in Heidenau und Freital, sind schon das ganze Jahr über Dauerthema in der ausländischen Presse. Die türkische "Daily Sabah" zieht im Dezember Bilanz, und sieht das Image der Region um Dresden, wo Pegida am meisten Zulauf erhielt, nachhaltig geschädigt .

Das "freundliche Gesicht", das Merkel für Deutschland in der Flüchtlingskrise beschworen hat, will eben nicht jeder zeigen. An diesem Mittwoch veröffentlicht die "New York Times" ein Meinungsstück, in dem der AfD-Politiker Björn Höcke als "das neue Gesicht des Rassismus in Deutschland" bezeichnet wird. Jahrelang habe man Neonazis in Deutschland mit ein paar glatzköpfigen Idioten assoziiert, schreibt die Kolumnistin aus Berlin. Höcke verkaufe Rassismus nun mit einer gefährlichen "Biedermann"-Masche.


Ein womöglich salonfähiger Rassismus oder rechtsradikale Übergriffe auf Flüchtlingsheime - das sind hoffentlich keine Tendenzen, die sich im neuen Jahr verschärfen werden.

Eine definitive Aussage darüber, ob Deutschlands 2015-Bilanz nun "worrying or wunderbar" sei, bleibt die britische BBC übrigens schuldig. Sie lässt das Fazit offen.

Eine Antwort wäre wohl auch unmöglich.

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